Das peruanische Erziehungsministerium hat für die 14/15 Jahre alten Schüler*innen der dritten Sekundarklasse ein neues Schulbuch herausgegeben.

Umgehend forderten daraufhin Leiter evangelikaler Freikirchen, ultrarechte Parlamentarier und einige katholische Bischöfe die Erziehungsministerin zum Rücktritt auf und verlangten, die Auflage sofort einzustampfen. Warum? Weil es sich in dem Gesellschaftskundebuch bei der Sexualkunde um Pornographie handle. Das Lehrmaterial, das vor allem der Persönlichkeitsbildung der jungen Leute dienen soll, verweist nämlich in einem Hinweis auf weiterführende Literatur dezent auf eine Seite des kubanischen Erziehungsministeriums. Wer auf diese Seite klickt, kann sich technokratisch-sachlich über Sexualität und diverse Sexualpraktiken informieren. Vom Kuss bis zum Analverkehr wird alles abgehandelt, auch, dass man Kondome benutzen kann, um eine Schwangerschaft zu verhüten, und auch, dass Sex nicht nur dazu dienen muss, Kinder zu zeugen, und dass Sexualität nichts Schlechtes ist.

Reaktionen der Ultrarechten

Der Vertreter des peruanischen Zweigs der ultrarechten Bewegung Con mis hijos no te metas, Julio Rosas, forderte das Wort GENDER aus den Schulbüchern und Curricula zu entfernen.

Der katholische Erzbischof Javier del Rio, Arequipa, ,forderte, die Bücher einzustampfen, weil sie der „perversen Ideologie der Geschlechtergerechtigkeit“ das Wort redeten, die Schüler*innen übersexualisiert und zu einer perversen Form der Sexualität erzogen würden und bei den Mädchen der Wunsch nach Abtreibung entstünde.

Auf Fotos sind junge Männer zu sehen, die auf einer Brücke über die Stadtautobahn in Lima Transparente hochhalten: Nein zur Kamasutra-Ministerin!

Die Fraktion der Fujimori-Partei (Fuerza Popular, ultrarechts) und die APRA zitierten die Erziehungsministerin Flor Pablo Medina zu einer 12-stündigen Anhörung am 9. Mai 2019 in das Nationalparlament. Von den Initiatoren selbst waren nur wenige Abgeordnete anwesend, aber der Fuerza-Popular-Sprecher Carlos Tubio (der die indigenen Kulturen heftig beschimpft hatte, InfoPeru berichtete) preschte vor und dann zog die evangelikale Abgeordnete (Fujimori-Partei) der Region Loreto, Tamar Arimborgo, vom Leder. Die Tochter evangelikaler Pastoren ist Rechtsanwältin und war früher Direktorin einer Realschule der neupfingstlichen Kirche Weg des Lebens (Iquitos). Ihren Amtseid hatte sie geleistet: „Für Gott, für die Entlassung Fujimoris aus dem Gefängnis und ein Leben in Harmonie“. Als Abgeordnete hatte sie bereits einen Gesetzentwurf gegen die „Genderideologie“, eingebracht, weil diese AIDS, Geschlechtskrankheiten, Krebs und Selbstmorde verursache. Das war selbst für ihre Parteikolleg*innen zu seltsam und sie zogen den Entwurf schnell zurück. Nun, bei der Anhörung der Ministerin, beschuldigte sie die Regierung ein Hort von Sodom und Gomorra zu sein, und erklärte, dass die Funktion der Sexualität die Fortpflanzung, und nicht etwa Vergnügen sei. Ihr Parteikollege Galaretta ergänzte zusammenfassend: Stolz und furchtlos wollen wir bekennen; wir treten ein für die Heiligkeit der Familie, die kindliche Unschuld und gegen Schweinereien in unseren Schulbüchern. „Der neue Terrorismus ist die Genderideologie“, sekundierte ein Zwischenruf.

…und  was die Gegner dazu sagten

All das blieb in Peru nicht unkommentiert.

Lucio Castro, Präsident der Lehrergewerkschaft SUTEP, befürwortete die Texte in den Schulbüchern als gegen den Machismus gerichtet, spricht sich aber dafür aus, den Link mit den Informationen zu Sexualpraktiken zu entfernen oder zu schwärzen und fordert den Kongress auf, sich mit wichtigeren Themen, z.B. der Erhöhung des Lehrergehalts, zu beschäftigen.

Die Journalistin Gabriela Wiener hält die Kampagne der politischen und religiösen Eiferer für rückwärts gerichtete Politik, die den Machismus und die Gewalt an Frauen unterstützt.

Maruja Barrig konfrontiert in ihrem Kommentar das Gerede von der heiligen Familie mit der Gewaltanwendung von Ex-Präsident Fujimori gegen seine Frau sowie die Gewalt anderer Abgeordneter der Fujimori-Partei. Sie erinnert daran, dass der Fujimori-Abgeordnete Grandez an einem Bordell in Iquitos beteiligt war, in dem sich minderjährige Mädchen prostituieren mussten. Sie erinnert daran, dass z.B. der evangelikale Pastor Alberto Santana (Iglesia Aposerito), ein bekannter Unterstützer der Präsidentschaftskandidatur von Keiko Fujimori, die Ansicht vertrat, ihm stünden wegen seines Amts mehrere Konkubinen zu – und sie erinnert z.B. an die Kinderschänder der rechts-katholischen Organisation SODALICIO.

Der Ex-Erzbischof von Lima, Kardinal Cipriani, hat sein eigenes Familienbild. In einer seiner Predigten beschreibt er den Vater, der als absolute Respektperson das Geld verdient, die Mutter, die das Haus wohnlich hält, die Kinder versorgt und Kindergeburtstage organisiert. Im April 2019 sicherte er in seiner Sendung Dialog des Glaubens der ultrakonservativen Gruppe Eltern in Aktion und der Bewegung Con mis hijos no te metas seine volle Unterstützung zu. Er predigte und wetterte, dass Gott zwar kein Revanchist sei, aber niemals eine Schlacht verliere, und dass die Gesellschaften, die Lesben, Homosexuelle oder Bisexuelle zuließen, alle von Gott vernichtet würden. Es gehe auch nicht an, den Mädchen zu sagen: Du entscheidest, welche Rolle Du in der Gesellschaft einnehmen willst.

Der Journalist Marco Sifuentes ruft solchen kirchlichen Verantwortlichen und Schulbuchkritiker*innen entgegen: Glauben Sie wirklich, dass 14- und 15-jährige Schüler*innen in Peru das, was jetzt im Schulbuch steht, nicht längst bei google gelesen oder praktiziert haben?

Nicht nur verschroben und verkorkst

Hinter der Auseinandersetzung über Sexualität im Schulbuch stehen knallharte politische Interessen: Die rechtsgerichteten Parteien wie die Fujimori- und die APRA-Partei wollen ihren verlorenen Einfluss zurückgewinnen. Sie setzen dabei auf das „gesunde Volksempfinden“, auf Ängste und Tabus, um den Kampf für Gleichberechtigung der Geschlechter zu unterbinden. Und der Bildungsbereich soll noch stärker als schon bisher privatisiert und Unternehmer*innen überlassen werden.

Wie nötig allerdings ein radikal anderer Umgang mit der Geschlechterfrage und sexueller Gewalt in der peruanischen Gesellschaft ist, zeigt auch eine Auskunft der Ministerin: Acht von zehn vergewaltigten Frauen in Peru sind minderjährig und acht von zehn Fällen sexueller Gewalt an Frauen gehen von einem Mitglied im Umfeld der Familie aus.

Im Strafgericht von Cusco sind derzeit ca. 6.000 Fälle sexueller Gewalt noch unbearbeitet. Eine der dortigen Richterinnen hat im Mai 2019 begonnen, die Fälle im „Marathonverfahren“ anzugehen; d.h. die Beschuldigten werden kurzfristig telefonisch oder per e-mail vorgeladen.

Heinz Schulze (Streiflicht nach Lektüre von 22 Artikeln und Stellungnahmen, vor allem aus dem Zeitraum März – Mai 2019; z.B. Erziehungsministerium Kuba – link: https:/bif.ly/2K2cF22, Ministerio de Educación del Perú, Defensoría del Pueblo, exitosa, Perú 21, El Comercio, La República.)

 

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