Patricia Louise Morris berichtet von ihrem Freiwilligendient in einem Kindergarten im Norden Limas

Ein Freiwilligendienst in Peru? Das kann vieles bedeuten. Mich zog es im September 2015 an die Küste und zwar in die Hauptstadt Lima. Mit dem Welthaus Bielefeld wollte ich hier für ein Jahr den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ absolvieren.
Lima ist nicht einfach eine Stadt

Das Leben dort und die Menschen, die dort wohnen, erscheinen mir sehr vielfältig, jeder Stadtteil ist anders. Ca. 10 Millionen Menschen aus allen Landsteilen haben hier ihren Wohnsitz, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Nachdem mich meine Projektleiterin nach zwei Tagen Seminar in einem touristischen und sicheren Teil Limas abholte , wir uns durch das vom Verkehr verstopfte Lima zwängten und immer weiter aus der Stadt herausfuhren waren wir endlich da. Mehr als eine Stunde Fahrt, die gleiche Stadt, aber eine andere Welt. Meine Projektstelle befindet sich in Comas, einem der nördlichsten und am weitesten außerhalb gelegensten Stadtteilen von Lima. In den 1960er Jahren siedelten sich in der staubigen Wüste am Rand von Lima Menschen an, die aus dem Landesinneren geflüchtet waren. Sie begannen, neue Stadtteile zu gründen. Bunte, teilweise unfertige Häuserfassaden prägen heute das Straßenbild. Es ist immer viel los. Kinder spielen hier auf den Straße, Straßenhunde bellen, Mototaxis fahren knatternd vorbei, Essen wird am Straßenrand angeboten und mittendrin ein bunt angemalter Kindergarten – mein Arbeitsplatz.

Verschulter Kindergarten
Während meiner Arbeit in der Nichtregierungsorganisation APDH, die sich für Kinderrechte und den „buen trato“, den guten Umgangs mit Kindern im Kindergarten und Zuhause einsetze, machte ich vielfältige Erfahrungen. Meine Arbeit fand größtenteils in den PRONOEIs, den vier Kindergärten mit denen die NGO kooperierte und mit den Kindern direkt statt. Leider hat der Tagesablauf im PRONOEI oft schon vorschulischen Charakter und die Kinder müssen manchmal sogar Hausaufgaben machen. Es ist aber meiner Meinung nach sehr wichtig für die Entwicklung der Kinder, deren Kreativität und Fantasie zu fördern, auch um vorzubeugen, dass die Kinder in so jungen Jahren schon eine negative Einstellung zum Thema Schule und Lernen erlangen.
So habe ich in meinem Freiwilligenjahr versucht, genau dies zu fördern und Workshops oder kleinere Einheiten durchzuführen, die den Alltag der Kinder etwas bunter gestalten. Dazu gehören Bewegungs- und Motorik schulende Spiele, Armbänderbasteln, Origami, freies Malen und vieles mehr. In der Vorweihnachtszeit führte ich außerdem einen Backworkshop mit insgesamt neun Gruppen durch. Das Schöne an dieser Aktivität ist, dass neben der Freude, die das Kneten, Backen und Verzieren den Kindern bereitet hat, auch ein Lerneffekt entstand: Die drei- bis fünfjährigen waren ganz begeistert darüber, dass bei der Vermischung mehrere Lebensmittel,  also z.B. aus Zucker, Mehl und Eiern eine Masse entsteht und im nächsten Schritt daraus ein Plätzchen wurde. Außerdem kamen wir auch über das Thema Weihnachten in anderen Ländern ins Gespräch, indem ich den Kindern von deutschen Sitten, Bräuchen und auch vom Schnee erzählte, und es entstand ein sehr interessanter interkultureller Austausch.

Kreativität…..
Was ich durch meine peruanischen Mitmenschen dieses Jahr besonders Lernen durfte ist, die Fähigkeit oder besser gesagt Kreativität, jede Situation zu retten. So wurde zum Backen der Plätzchen ein tragbarer Ofen von einer Erzieherin organisiert, und als im Kindergarten mitten im Backprozess der Strom ausfiel, einfach bei den Nachbarn zu Ende gebacken. Auch wenn mal die Tür eines Gruppenraums zufiel und der Schlüssel im selbigen lag, war das kein Problem und die Tür wurde mit etwas Geschicklichkeit durch das Fenster mit einem Besenstiel geöffnet. Diese Kombination aus Kreativität, Spontaneität und Optimismus in fast allen Lebenssituationen bewundere ich sehr.
Im Sommer (in Europa Winter) habe ich dann davon profitieren können, dass in den PRONOEIs von Mitte Dezember bis Mitte März Sommerferien stattfanden und ich so meinen Ideen beim „taller de verano“, meinem Sommerworkshop freien Lauf lassen konnte. Die Eltern konnten ihre Kinder dort freiwillig anmelden; mein Ziel war es, die Sommerferien der Kinder so spannend und aufregend wie möglich zu gestalten. Dazu organisierte ich ein Planschbecken, es wurde viel frei gespielt, gemalt, gebastelt, gesungen und auch gekocht. Die Kinder sollten einerseits mehr Freiheit haben zu machen, was sie wollen, andererseits die Möglichkeit haben, verschiedene Dinge zu erleben und Spielzeuge und Materialien zu benutzen, die ihnen in Ihrem Elternhaus – in einem sowohl sozial als auch wirtschaftlich vielleicht eher schwierigen Umfeld – nicht geboten würden.

 

….und Freiheit

Durch das Vertrauen, das mir von Seiten der Organisation und der Kindergärten entgegengebracht wurde, den Sommerworkshop alleine zu leiten, konnte ich Eigenständigkeit und Verantwortung lernen, besonders im Umgang mit den drei- bis sechs-Jährigen.
Die Freiheit selbst zu entscheiden, was ich genau im Projekt machen möchte, gaben mir viele Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. So lernte ich durch die Arbeit viel über meine eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen: Dass es mir manchmal an Geduld fehlt, Pünktlichkeit bei mir einen höheren Stellenwert hat als bei vielen Menschen vor Ort.  In den letzten Monaten lernte ich  in Zusammenarbeit mi den Kindern eine noch unentdeckte kreative Ader kennen, als wir unserer Fantasie im großen Stil freien Lauf ließen und anfingen, Wände in den PRONOEIs zu bemalen.
In diesem Jahr habe ich wundervolle Erfahrungen sammeln dürfen. Die Arbeit im Projekt, die Gespräche mit den Erzieherinnen, die Aufgewecktheit der Kinder, Menschen und alles, was in diesem Jahr zu meinem Alltag zählte, haben mich sehr bereichert. Die Peruaner zeigten mir kontinuierlich, was für sie Herzlichkeit und Gastfreundschaft bedeutet. Familie und Gemeinschaften im Generellen scheinen für viele Peruaner*innen eine große Rolle zu spielen, wie ich bei regelmäßigen familiären Treffen meiner Gastfamilie mit Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen erleben durfte. So lernte ich- so weit weg von Zuhause – auch meine Familie zu schätzen.
Mir wurde viel gegeben und ich hoffe, dass ich durch weiteres Engagement in Deutschland etwas von dem zurück- oder weitergeben kann, was ich hier erhalten habe.
Patricia Louise Morris

weltwärts-Freiwillige 2015-2016 des Welthauses Bielefeld

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