Dürfen im Namen der Eindämmung des Klimawandels  Land- und Buergerrechte ausgehebelt werden ? Der Soziologe Thomas Fatheuer ist einer der scharfsinnigsten Kritiker von Ausgleichszahlungen an Indigenen. Er warnt vor den Folgen einer Vermarktung von Natur im Rahmen des CO2-Marktes. InfoPeru sprach mit Thomas Fatheuer während der Weltklimakonferenz in Lima.

Infoperu: Stolz präsentierte die Indigena-Organisation AIDESEP während der Weltklimakonferenz im Dezember in Lima mit  einer Studie,  wieviel CO2-Ausstoss durch die Indigenas als Waldschützer eingespart wird. AIDESEP wollte damit die Bedeutung der Indigenas für die Erhaltung des Regenwaldes mit naturwissenschaftlichen Argumenten unterstreichen. Was soll daran schlecht sein, wenn der Beitrag der Indigenas fuer die Reduktion des CO2-Ausstosses gewürdigt wird ?

Thomas Fatheuer: Daran ist erstmal natürlich nichts schlecht, bedenklich wird es aber, wenn die Existenzrechte von Indigenen an ihren Beitrag zur CO2-Reduktion geknüpft werden. Wenn sie kein CO2 reduzieren, haben sie dann kein eigenständiges Existenzrecht im Amazonasbecken und auch kein Recht auf Land? Die Bürgerrechte indigener Völker und ihr Zugang zu staatlichen Dienstleistungen wie Gesundheit und Erziehung könnten zunehmend an die Reduktionsleistung geknüpft werden. Die Natur wird quantifiziert und messbar und dem Markt untergordnet. Und die Indigenen müssten zu Quoten-Händlern im internationalen „Carbon Market“ werden – das sind die Gefahren, auf die die Kritiker von REDD hinweisen.

Infoperu: Welche konkreten Folgen haben die Waldausgleichszahlungen fuer die indigenen Völker ?
Thomas Fatheuer: Die Diskussion um REDD hat bereits jetzt einen Keil zwischen die indigenen Völker Südamerikas getrieben. Es wird Gebiete mit grossen und kleinen CO2-Reservorien geben und danach werden sich die Einkommensquellen der Indigenas messen.
Infoperu: Die Indigenas haben ein erweitertes Waldschutzabkommenunter dem Namen Indigenes REDD + vorgeschlagen. Was ist darin anders im Vergleich zum herkömmlichen REDD?
Thomas Fatheuer: Das indigene REDD+ verbietet, mit privaten Investoren Waldschutzverträge zu schliessen und will somit einem möglichen privaten Ausverkauf des Amazonas vorbeugen. Ausgleichszahlungen sollen über öffentliche Fonds geleistet werden, wie etwa der Amazonasfond in Brasilien. Dessen grösste Geldgeber sind Norwegen und Deutschland, verwaltet wird er von der braslianischen Entwicklungsbank BNDES.
InfoPeru: Wie könnte eine Alternative aussehen, die sowohl die Abholzung des Amazonas verhindert und zugleich die Bürgerrechte der Indigenas, unabhängig von einem Marktmechanismus, stärkt ?
Thomas Fatheuer: Brasilien zum Beispiel konnte in den letzten Jahre die Entwaldungsraten deutlich reduzieren , aber nicht durch den CO2-Handel, sondern durch verstärkten Waldschutz und Vorgehen gegen illegale Holzfäller. Es muss dahin gehen, dass die Landrechte der Indigenas gestärkt werden.

InfoPeru: Indigena-Organisationen führen als Alternative oft das „Buen Vivir“, die andine Lehre vom Guten Leben im Einklang mit der Mutter Erde an. Ist dies nur ein werbewirksamer Diskurs oder kann daraus wirklich ein Gegenmodell zum heutigen Wirtschaftssystem erwachsen ?

Thomas Fatheuer : Das Buen Vivir stellt das harmonische Verhältnis von Gesellschaft und Natur in den Mittelpunkt und kritisiert das „Immer-Mehr-Wollen“. Es will damit eine Alternative zum Wachstumsmodell unserer Wirtschaft sein. Allerdings gibt es nicht DAS Buen Vivir, sondern es kann je nach Kontext und historischem Moment anders aussehen. Das hat damit zu tun, wie wir wohnen, uns bewegen, was wir essen.
In Lateinamerika wird das Buen Vivir von Staatshäuptern wie Evo Morales und Rafael Correa leider zur politischen Legitimation benützt für eine Politik, die oft mit den Grundideen des Buen Vivir in Konflikt gerät.
InfoPeru: Deine Bilanz von der Weltklimakonferenz in Lima ? Was hat sie gebracht ?
Thomas Fatheuer : Lima hat keine spektakulären politischen Schritte gebracht, es war eher eine Vorbereitung für den großen Schlusspunkt in Paris 2015. Es wird aber immer mehr sichtbar , wohin der Zug geht: das in Paris zu verabschiedende Abkommen wird auf Selbstverpflichtungen der einzelnen Staaten beruhen und damit recht unverbindlich bleiben. Marktmechanismen werden sicherlich ein große Rolle spielen.

 

Das Interview führte Hildegard Willer

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