Wer schon einmal erlebt hat, wie die Flugzeuge dicht hintereinander durch die Bergkette hinunter nach Cusco stechen und sich die Landepiste praktisch in die Hand geben, wird verstehen, dass der Touristenmagnet Cusco einen neuen Flughafen benötigt. Seit Jahren hieß es, dass dieser im 20 Kilometer entfernten Chinchero gebaut werden sollte. Bis Unregelmäßigkeiten in der Vergabe den damaligen Verkehrsminister Vizcarra zum Rücktritt und zum Baustopp zwangen. Heute ist derselbe Martín Vizcarra peruanischer Präsident, und das Konsortium Kuntur Wasi klagt trotz grober Unregelmäßigkeiten eine saftige Entschädigung vom peruanischen Staat ein. Besonders die in wenigen Monaten aus dem Amt scheidende Regionalregierung von Cusco besteht immer noch auf einer Durchführung des Flughafenbaus am besagten Standort.
Die Bevölkerung Cuscos ist bezüglich des Baus gespalten. Während anfänglich viele Cusqueños ohne Wenn und Aber für den Flughafen in Chinchero auf die Straße gegangen sind, hat sich auch eine Bürgerinitiative dagegen gebildet. Enrique Kolmans ist Gründungsmitglied dieser Initiative und legt dar, warum sie gegen einen Flughafen in Chinchero sind (HW).

Ein Flughafenbau ohne vorherige Studien

Es ist erwiesen, dass es keine seriöse Vergleichsstudie der Standorte gegeben hat, und dass man sich von vornherein auch ohne seriöse Studie auf Chinchero festgelegt hatte. Nach und nach hat sich herausgestellt, dass Chinchero nur eine Start- und Landebahn ermöglicht und die Abhebe- und Abflugroute mitten über das Valle Sagrado de los Incas, 800 m über die Stadt Urubamba und 1000 m über dem Archäologiepark von Ollantaytambo führt. Es hat keine seriösen hydrografischen und geologischen Studien gegeben. Die Hochebene von Chinchero liegt auf einer unterhöhlten Kalksteinformation, in dem sich höchstwahrscheinlich ein riesiges unterirdisches Wasserreservoir befindet, welches auch zwei nahe dem geplanten Flughafen gelegenen große Seen verbindet, diese sind der Haypo-See und der Puiray-See. Letzterer liefert 30% der Wasserversorgung der Stadt Cusco. Mehrere Geologen warnen, dass die Erdbewegungen und die Landungen der bis zu 900 Tonnen schweren Flugzeuge mit Sicherheit zum Einbruch des Höhlensystems und zu trichterförmigen Riesensenken ähnlich des nahegelegenen Moray führen werden.
Am allerabstrusesten ist, dass schon eine riesige Landspekulation und urbaner Wildwuchs stattfinden, und der Raumordnungsplan der Regionalhauptstadt Cusco die größte städtische Expansion rund um den geplanten Flughafen bewilligt hat. Eine Entwicklung ähnlich wie in El Alto von La Paz ist also nicht aufzuhalten.
Der manipulierte Landkauf mit Mitteln aus dem Haushalt der korrupten Regionalregierung von Jorge Acurio (sitzt z.Z. im Gefängnis) hat zur Bewilligung eines windigen und ebenfalls (inzwischen aufgekündigten) korrupten Konstrukts für den Bau und die Konzession (Kuntur Wasi) geführt und zum Fall des Regierung des früheren Präsidenten Kuczynski beigetragen. Jetzt lastet der Fall auf dem jetzigen Präsidenten Vizcarra, der aufgrund des Falles unter Kuczynski sein Amt als Verkehrs- und Bauminister niederlegen musste.
Auch der Aero Club del Perú mit 3000 Piloten und Luftfahrttechnikern warnt vor katastrophalen Folgen des Flughafenbaus in Chinchero. Starke negative Auswirkungen auf den Tourismus und die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der Region sind absehbar. Der Aero Club und die lokale „Unión Ciudadana por un Aeropuerto con Dignidad“ fordern den unmittelbaren Stopp des Projektes sowie seriöse und unabhängigen Studien zur Festlegung eines vorteilhaften Standortes.

Kulturerbe in Gefahr

Die einzigen UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten Cuzcos sind das historische Zentrum von Cusco und Machu Picchu. Darüber hinaus sind die Nationalen Archäologieparks von Chinchero und Ollantaytambo sowie das gesamte Valle Sagrado de los Incas mit Pisac, Chinchero und Ollantaytambo und insgesamt mehr als 350 archäologischen Stätten nationales Kulturerbe. Dieses Tal ist folgendermaßen direkt betroffen:
CHINCHERO: die umliegende Kulturlandschaft mit ihren direkt aus der Inkazeit stammenden traditionellen Dorfgemeinschaften und ihren landwirtschaftlichen Produktions- und Wissenssystemen und Bräuchen ist faktisch Teil des Archäologieparks von Chinchero. Durch die Zerstörung der Kulturlandschaft und der traditionellen Sozialstrukturen wird der Ärchologiepark wesentlich an Bedeutung verlieren, abgesehen von der touristischen Anziehungskraft, die Chinchero bis jetzt noch besitzt, und deren Potenzial bei weitem nicht nachhaltig entwickelt ist.
YUCAY liegt unmittelbar noch vor Urubamba in der Abhebeschneise, Flugzeuge befinden sich in weniger als 800 m Höhe. In diesem wunderschönen Ort im Talboden des Valle Sagrado haben eine Reihe von Bauwerken aus der Inka- und Kolonialzeit den Status des Patrimonio Nacional de la Nación, u.a. die Kirche und die gewaltige Terrassenanlage. Weder ist untersucht worden, welche Auswirkungen die Tiefflüge auf dieses besonders geschützte Kulturerbe haben, noch hat das Kulturministerium hierzu Stellung genommen.
OLLANTAYTAMBO: Hier sind die möglichen negativen Auswirkungen noch vielfältiger und größer. Der Parque Nacional Arqueológico umfasst 34 800 Hektar und in ihm liegen nicht nur bedeutende archäologische Stätten, sondern auch der Nevado Veronica. Die Auswirkungen auf die Menschen sowie durch die Vibration auf die geologischen Begebenheiten sind nicht untersucht worden. Auch die Ministerien für Kultur und Umwelt haben hierzu keine Stellungnahme abgegeben. Auch hier sind die Auswirkungen auf den Tourismus höchstwahrscheinlich beträchtlich.
MACHU PICCHU: Heute bereits ist die Besucherzahl laut UNESCO mit mehr als 3000 pro Tag an die Grenze des Erträglichen gestoßen, eine Erhöhung würde zerstörerische Auswirkungen in großem Umfang bewirken. Es wird jedoch immer offensichtlicher, dass der eigentliche Grund, den Flughafen nach Chinchero  zu verlegen, vor mehreren Jahrzehnten von der Absicht getragen wurde, die Besucherzahl für Macchu Picchu und ins Valle Sagrado zu erhöhen, und nicht von Kriterien der Gesamtentwicklung der Region Cusco. Obwohl dies bekannt ist und eine Zersiedlung der einmaligen Kulturlandschaft des Talbodens des Valle Sagrado immer schneller voranschreitet, hat das Verkehrs- und Bauministerium eine vierspurige Schnellstraße nach Urubamba geplant und kauft zu diesem Zweck bereits das entsprechende Land von den Bauerngemeinden auf. Dies wird unmittelbar eine touristischen Konzentration und einen erhöhten Besucherdruck auf Machu Picchu hervorrufen.

Ein fragwürdiges Genehmigungsverfahren

Das gesamte Land für den Flughafen ist unter höchst fragwürdigen Umständen (u.a. manipulierte Versammlungsprotokolle von mehreren indigenen Dorfgemeinschaften) bereits 2012/2013 vor einer Bewilligung des eigentlichen Projekts gekauft worden. Das Projekt selber wurde von PROINVERSION 2016 bewilligt und unter höchst fragwürdigen Umständen  an das argentinisch-chilenisch-peruanische Firmenkonsortium Kuntur Wasi vergeben, an welchem z.B. die Schwester von Kuczynskis früherem Premierminister Zavala eine führende Rolle innehatte. Dieses Konsortium erreichte einen Zusatzvertrag, der dem Staat praktisch die ganze Finanzlast aufbürdete und dem Konsortium praktisch ohne Gegenleistung vierzig Jahre Betriebs- und Nutzungsrechte verlieh (im Vergleich hierzu kostet der neue Flughafen von Quito den ecuadorianischem Staat bzw. die Stadt Quito nicht einen Cent, bei nur 35 Jahren Betriebs- und Nutzungsrechten). Das Ganze flog im Mai 2017 auf, und der damalige Verkehrs- und Bauminister Vizcarra setzte sich als Botschafter nach Kanada ab. Derzeit versucht dieses Konsortium vom peruanischen Staat für erwiesenermaßen unzureichende Standortstudien (insbesondere von Umweltaspekten) und ein bau- und flugtechnisch nicht sachgemäßes und tragfähiges Flughafenprojekt eine Entschädigung zu bekommen.

Präsident Vizcarra möchte, dass die zuständige UN-Behörde OACI bestätigt, dass es sich sehr wohl um ein sachgemäßes und durchführbares Projekt handelt. Nachfragen des Aero Club im Verkehrs- und Bauministerium haben jedoch ergeben, dass eine derartige Untersuchung bei OACI nicht in Auftrag gegeben worden ist. Ob dies jetzt bedeutet, dass dem Projekt der Wind aus den Segeln genommen worden ist, ist schwierig einzuschätzen. Nach wie vor besteht sicherlich in großes Interesse seitens lokaler Landspekulanten, lokalen Besitzern von Baumaschinenparks, und großer nationaler und internationaler Baufirmen, großen Tourismuskonzernen sowie Flughafenbetreibern, das Projekt durchzupushen.

Da das Ganze sich auch zu einem riesigen Politikum entwickelt hat und die (meist mafiösen) Regional- und Lokalregierungen immer noch in der Lage sind, einen enormen Druck auf die Zentralregierung auszuüben, könnte diese per Dringlichkeitsdekret das reguläre Verfahren umgehen, um den für die zweite Jahreshälfte angekündigten schnellen Baubeginn zu starten. Von daher ist es äußerst wichtig, eine  kritische und positive Gegenströmung  in der lokalen Bevölkerung aufzubauen, aber auch warnenden Stimmen von außen ein Gehör zu verschaffen.

Enrique Kolmans (71) war viele Jahrzehnte lang als Fachkraft für nachhaltige kleinbäuerliche und indigene Landwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und betreibt heute mit seiner peruanischen Frau Artemia einen Hotelbetrieb in der Altstadt von Cusco.

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