Sechs peruanische Freiwillige aus Iquitos konnten wegen Corona nicht nach Freiburg reisen. Stattdessen organisierten sie Hilfsaktionen für Bedürftige bei sich zu Hause.

 

Die Krise, die durch die Covid-19-Pandemie ausgelöst wurde und die viele Länder noch nicht überwunden haben, war keine Überraschung. Wir sahen mit Angst und Neugier in den Nachrichten, wie sich das Virus nach und nach näherte, aber es wurden lange keine konkreten Maßnahmen getroffen.

In Peru gab es den ersten bestätigten Fall am 6. März; ein junger Mann, der von seinem Urlaub in Europa zurückkehrte, war der sogenannte „Patient Null“. Zehn Tage später rief die Regierung einen nationalen Notstand aus, damit einhergehend die verpflichtende soziale Isolation (Quarantäne) und zwei Tage später die Schließung aller Grenzen (Meer, Land und Luft).

 

Strenge Quarantänemaßnahmen

 

In den Augen der Welt war Peru eines der Länder mit den strengsten Quarantäneregelungen und den schnellsten Maßnahmen in Lateinamerika. Und tatsächlich: Etwas mehr als drei Monate verbrachten wir in obligatorischer sozialer Isolation, d.h. wir durften nur außer Haus gehen, um Lebensmittel und Medikamente zu kaufen, wenn wir nicht dem Gesundheitssystem, der Polizei oder dem Militär angehörten, Lebensmittel oder Medikamente verkauften, Beschäftigte im Reinigungs- oder im Transportwesen waren. Eine nächtliche Ausgangssperre wurde eingeführt, in einigen Regionen von 4 Uhr nachmittags bis 5 Uhr morgens. Auch der Beginn des (Online-)Schuljahres wurde verschoben auf den 6. April, an einigen Universitäten und Instituten begann der Unterricht noch später.

 

Eine der umstrittensten Maßnahmen war das „Pico y placa nach Geschlecht“ ab dem 3. April. Es wurde beschlossen, dass Männer montags, mittwochs und freitags das Haus verlassen durften, Frauen hingegen dienstags, donnerstags und samstags. Sonntags galt eine generelle Ausgangssperre. Diese Maßnahme wurde bald zurückgenommen, da sie die Diskriminierung von Personen verstärkte, die sich nicht mit einem dieser beiden Geschlechter identifizierten; es gab Fälle von Gewalt gegen Transsexuelle in verschiedenen Teilen des Landes vonseiten einiger Polizist*innen und Militärs. Vor allem aber waren es Tage des großen Chaos und möglicherweise auch der Zunahme von Ansteckungsfällen: An den Tagen, an denen Frauen außer Haus gehen durften, waren die Märkte völlig überfüllt. In Gesellschaften, in denen zwischen den Geschlechterrollen eine sehr große Kluft besteht, bleiben die Haushaltsaufgaben wie Kochen und Einkaufen hauptsächlich an Frauen hängen und belasten diese zusätzlich zu einer möglichen Erwerbsarbeit. Auch wurde nicht berücksichtigt, dass es in Peru viele Familien gibt, die Frauen als Familienoberhaupt haben in Folge der Abwesenheit eines Vaters. All dies spiegelte ein großes Desinteresse des Staates an der Schaffung einer integrativen Gesellschaft und an der Verringerung der Kluft zwischen den Geschlechterrollen.

 

Das Amazonasgebiet besonders betroffen

So viel Zeit zuhause hat Konsequenzen, insbesondere in einem Land, in dem die informelle Wirtschaft stärker wächst als die formelle. Dies bedeutet konkret, dass Familien, die nicht arbeiten gehen können, nichts zu essen haben. Da diese Not der Regierung bekannt ist, versuchte diese, mit einer Einmalzahlung von 380 Soles (ca. 98 Euro) für schutzbedürftige Familien und Selbstständige gegenzusteuern. Diese Maßnahme wurde stark kritisiert, da durch den Betrag nicht einmal die Kosten eines einfachen Lebensmittelpakets gedeckt werden und außerdem nicht alle bedürftigen Familien erreicht wurden. Der Hunger zwang viele Menschen, ihr Haus trotz des Verbots zu verlassen und irgendwie etwas zu essen zu finden, wodurch sie sich der Gefahr einer möglichen Ansteckung aussetzten und das Virus weiter verbreiteten. Einer der am stärksten betroffenen Staaten in Peru war der Staat Loreto. In seiner Hauptstadt Iquitos wurde am 17. März der erste Fall von Covid-19 festgestellt. Durch die mangelnde Verfügbarkeit von Trinkwasser, den schwierige Zugang zu den teils abgelegenen Gebieten, die wenigen Betten in Krankenhäusern, die Erhöhung der Lebensmittelkosten, Desinformation und vieles mehr waren sehr schnell viele Menschen betroffen. Hinzu kommt, dass die Menschen in Loreto seit letztem Jahr (Oktober 2019) mit einer Dengue-Epidemie konfrontiert sind.

 

Vielfältige Solidarität

In Krisenzeiten zeigt sich Solidarität stärker; vielleicht taucht sie mit zunehmender Bedürftigkeit und / oder Empathie auf. Überall gibt es Menschen, die immer nach Wegen suchen, um die Schicksalsschläge für andere in ihrem Umfeld zu mildern, obwohl sie selbst wenig haben.

 

Lima ist eine der größten und am stärksten von Ungleichheit geprägten Städte Lateinamerikas. Dies zeigte sich auch in der Pandemie, als in einigen Distrikten alle Regeln ohne Probleme eingehalten werden konnten und manche die Ausgangssperre als eine Art Urlaub zu Hause betrachteten. In anderen Distrikten wurden weiße Fahnen an die Haustüren gehängt um darauf aufmerksam zu machen, dass in diesem Haus kein Essen mehr vorhanden war. Es gab ganze Blöcke und Nachbarschaften mit diesen Flaggen.

Angesichts dessen organisierte sich die Bevölkerung. Ein Beispiel dafür waren die „gemeinsamen Töpfe“ (ollas comunes), die schon eine Reaktion auf vergangene Wirtschaftskrisen waren. Hierbei kommt eine Gruppe von Familien zusammen und alle steuern das wenige bei, was sie haben, um für alle Frühstück, Mittag- oder Abendessen zu ermöglichen.

Die ollas comunes tauchten im Zuge der Pandemie nicht nur in Lima, sondern auch in anderen Teilen Perus wieder auf. Außerdem halfen verschiedene Gruppen der Gesellschaft, religiöse und Freiwilligengruppen mit der Durchführung virtueller Sammelkampagnen, um die Lebensmittelkosten bedürftiger Familien decken zu können.

Eine der erfreulichsten Entwicklungen war, dass dank der Solidarität vieler Menschen und Vereine auf Betreiben des Leiters des Vikariats von Iquitos, Pater Miguel Fuertes, der Erwerb einer Sauerstoffanlage gelang. Diese war dringend nötig, um der Covid-19-Pandemie in der Region Iquitos/Loreto wirksam begegnen zu können. (Inzwischen sind viele Diözesen und Pfarreien dem Beispiel von Iquitos gefolgt und haben Spenden für eigene Sauerstoffanlagen gesammelt, d.Red.)

Und so entstanden verschiedene Initiativen, um dieser Krise zu begegnen.

 

Ehemalige und verhinderte „Voluntarios“ zeigen Solidarität

 

Unterwegs mit Hilfspaketen in Iquitos. Foto: Victor Alava Guevara

Nach meinem einjährigen Freiwilligendienst in Deutschland wurde ich Co-Vorstand beim Verein „Yanapachikun immer“ („Freiwillige immer“: eine Mischung aus Süd-Quechua und Deutsch). Der Verein besteht aus ehemaligen Freiwilligen, die ihren Freiwilligendienst über das VAMOS!-Programm in Deutschland gemacht haben. Ende 2019 war ich an der Auswahl des neuen Jahrgangs des VAMOS!-Programms beteiligt, wo ich die neuen jungen Menschen kennenlernte, die ihren Freiwilligendienst in Deutschland planten. Vier von ihnen kommen aus Lima, sechs weitere aus Iquitos. Geplant war ihr Freiwilligendienst von August 2020 bis August 2021; infolge der Pandemie musste der Beginn ihres Dienstes auf voraussichtlich Februar 2021 verschoben werden. Ab diesem Zeitpunkt brauchen sie Gastfamilien in Deutschland, die sie beherbergen, während sie ihre Freiwilligenarbeit leisten. Die anderen Verantwortlichen des VAMOS!-Programms und ich waren besorgt um die künftigen Freiwilligen in Iquitos. Aber als wir sahen, dass die Not in Iquitos immer weiter zunahm, reagierten wir, indem wir uns organisierten und die vorhandenen Mittel wie etwa das Internet und die Freundschaften sowohl in Peru als auch in Deutschland nutzten. Wir beschlossen, eine Sammelkampagne zu starten, um Familien in dem Viertel Belén in Iquitos Körbe mit Grundnahrungsmitteln zur Verfügung zu stellen. Die künftigen Freiwilligen in Iquitos erklärten sich trotz des Risikos und der Anstrengung, die mit dem Kauf und der Verteilung von Lebensmitteln an die am stärksten gefährdeten Familien verbunden sind, bereit, diese Kampagne durchzuführen – ohne sie wäre dies nicht möglich gewesen. 

 

227 Familien erreicht

Ich erinnere mich, dass ich zu Beginn der Aktion mit Hoffnung und auch Furcht das Ziel ausgab, 100 Familien zu erreichen. Dank der Zusammenarbeit und Mithilfe verschiedener Freunde und Bekannter konnten schließlich 227 Familien in 12 verschiedenen Gemeinden in Belén-Iquitos erreicht werden: “8 de diciembre”, “pueblo joven nuevo liberal”, Asentamiento Humano 6 de octubre”, ”San José”, “San Francisco”, “Soledad”, “28 de julio”, “San Carlos”, “Santa Bárbara”, ”05 de diciembre” y “Esperanza”.

 Trotz aller Hilfe, der Solidarität vieler Menschen und der weiterhin vorhandenen großen Hilfsbereitschaft, sowohl bei uns als auch bei vielen anderen Menschen, bleibt angesichts der geringen Effizienz der Regierung weiterhin großer Bedarf an Aktionen. Es leiden diejenigen am meisten, die am weitesten von Formalität, Hochschulbildung, guter Ernährung und dem Weg zu ihren Träumen entfernt sind.Derzeit gehört Peru nach den USA, Brasilien, Indien und Russland zu den Top 5 Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsrate von Covid-19. Heute, am 15. Juli, sind in Peru bereits 12 229 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Während die Nachrichten sagen, dass ein wirksames Medikament noch auf sich warten lässt, erfindet sich Peru wie viele andere Länder auch neu. Die Menschen suchen nach Wegen, um die Krise zu überwinden, und es entsteht Solidarität zwischen Menschen, die bereits andere Krisen überwunden haben. Es kümmern sich junge Menschen um andere, die sich einst um uns gekümmert haben, und um die Kinder, die zuhause eingesperrt der Grund sind, weiterhin alles zu geben.

 

Barbara Alagón Choquehuamani, 15.07.2020

Bárbara Alagon war von 2018 bis 2019 ein Jahr als Freiwillige in Deutschland (VAMOS!-Programm, weltwärts) und hat im Kindergarten St. Peter und Paul in Lahr gearbeitet. Jetzt ist sie Co-Vorstand im Verein Yanapachikun immer, ein Verein von peruanischen Ex-Freiwilligen.

Übersetzung: Luca Weigand

 

Literatur und Links:

 

https://www.emol.com/noticias/Internacional/2020/04/17/983407/Coronavirus-medidas-Peru-paises.html

https://www.gob.pe/institucion/mtc/noticias/108949-gobierno-dispone-el-cierre-de-las-fronteras-durante-estado-de-emergencia-nacional-por-15-dias

https://www.bbc.com/mundo/noticias-america-latina-52413260

 

 

 

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