Bericht zum Tagesseminar

Wieder hat die Berliner Gruppe der Informationsstelle Peru e.V. sich das schwierige Thema der sozialen Gerechtigkeit in Peru vorgenommen, nachdem wir bereits im Juli 2011 das Thema der Strategien zur Umsetzung der WSK-Rechte in der Humala-Regierung in einem Seminar hinterfragt hatten.

Unsere Einstimmung beim Tagesseminar am 2. November 2013 zum Thema wurde interaktiv angegangen: „Wieviel Schritte kannst du gehen?“, das war ganz wörtlich zu nehmen: Ein (fiktives) Kind aus der Selva, die Eltern sind Kleinbauern, ein Kind von den steilen Hängen der Pueblos Jovenes in Lima, Tochter einer allein erziehenden Putzfrau, oder der Sohn eines Bauunternehmers aus San Isidro ……, so ähnlich und divers waren unsere Rollen: Wir machen einen Schritt vorwärts, wenn das Kind drei Mal täglich eine gesunde Mahlzeit bekommt, wenn es eine gute Schule in angemessener Entfernung hat, wenn bei einem Notfall der Rettungswagen schnell zur Stelle ist, wenn die Familie mit Respekt auf öffentlichen Ämtern behandelt wird….. Schnell driften wir auseinander, nur zwei von zehn „Kindern“ können alle Schritte tun, der Rest bleibt weit zurück, im Abseits.

Ein reales Bild der peruanischen Gesellschaft, die traditionell extrem auseinander driftet! Das hat geographische, historische, kulturelle und politische Gründe, die die unterschiedlichen politischen Systeme überdauert haben. Extreme Armut, quasi Rechtlosigkeit und rassistische Diskriminierung der indigenen Bevölkerung ist nicht mit der Entstehung der Republik vergangen, und die ungerechte Ressourcenverteilung besteht auch in Zeiten des Rohstoffbooms und des wirtschaftlichen Wachstums weiter.

Unsere beiden Referenten, Christian Schauer Villanueva und Francisco Cardenas Ruiz, sehen eine Hauptursache für die weiter bestehende extreme Ungleichheit im Land in der ausbleibenden Dezentralisierung des Staates, die mehr wäre als eine bloße Verwaltungsreform, oder eine Proforma-Regionalisierung. Mehrfach hat es in der peruanischen Geschichte Ansätze für eine politische Dezentralisierung gegeben, aber vor allem unter der Fujimori-Herrschaft und der Ideologie des „schlanken Staates“ gab es keine Ansätze diesbezüglich. Die Installierung der „Regionen“, die die ehemaligen „Departamentos“ ersetzten, brachten keine nennenswerten Verbesserungen.

Es braucht ein echtes Empowerment der abgehängten Mehrheitsbevölkerung, damit diese ihre Lebensbedingungen selbst gestalten können. Demokratische, selbstbestimmte Lokalentwicklung braucht z.B. eine echte Dezentralisierung der Steuereinkommen, Entscheidungsbefugnis über Ressourcen wie aus dem Canon Minero, eine Reform des Schulsystems, das den Armen nicht mehr das anstrebenswerte Traumbild der privilegierten Privatschule vorspielt, sondern die öffentliche Schule zur guten Norm werden lässt. –

Präsident Humala hat das neue Inklusions-Ministerium (MIDIS) ins Leben gerufen. Mit der ersten Ministerin, Carolina Trivelli, hatte die Journalistin Hildegard Willer, Mitglied der Informationsstelle Peru und in Lima wohnhaft, ein Videointerview geführt, das wir im Seminar zeigen und diskutieren konnten. Wichtige Sozialprogramme wie Juntos und Quali Warma wurden erweitert und sollen u.a. den Hunger in den ärmsten Regionen des Landes bekämpfen und die Ernährungssicherheit fördern. Dennoch stellt auch die ehemalige Ministerin klar: Zielgruppe der Programme sind vor allem Kinder und die ländliche Bevölkerung, die am äußersten Rande des Gesellschaft leben. Deren extreme Armut kann tatsächlich relativiert werden, eine echte soziale und wirtschaftliche Inklusion schaffen diese Programme aber beileibe noch nicht.

Zur Vertiefung in diese Problematik empfehlen das Nachlesen der Präsentationen unserer beiden Referenten    sowie das Video mit C. Trivelli unter

http://www.staepa-cajamarca.de/wb/wb/pages/posts/praesentationen-und-film-beim-berliner-tagesseminar-laquosoziale-teilhabe-in-peru-wunschtraum-oder-realitaetraquo-1899.php

Das (spanische ) Interview mit Carolina Trivelli kann auf Youtube angeschaut werden:

http://www.youtube.com/watch?v=vekkB5N2hMI

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