Die peruanische Frauenrechtsaktivistin und Journalistin Jimena Ledgard hat die Proteste beobachtet.

 

Gestern Abend war ich für die Berichterstattung der Proteste zuständig. Ich war fast die ganze Nacht ganz vorne und in der vordersten Front der Demonstrationen der Innenstadt von Lima.

Jetzt möchte ich mit Ihnen teilen, was ich gesehen habe.

 

Das Schreckliche, an das wir uns für immer erinnern werden: eine gewalttätige und übergriffige Polizei, die mit der Erlaubnis einer tötungswilligen Regierung handelte. Ich habe gesehen, wie Schüsse auf Menschen abgefeuert wurden. Kriminelle Hinterhalte der Polizei. Menschen, die sich atemlos auf die Straße übergaben, und Polizisten, die von ihren Motorrädern aus Schusswaffen abfeuerten.

Wir haben es alle gesehen. Und die Bilder sind in den Nachrichten, in sozialen Netzwerken und für immer in unserem Gedächtnis.

 

Aber ich habe noch etwas anderes gesehen, das ich in den Bildaufnahmen oder den Medienberichten von gestern Abend vielleicht nicht gesehen habe.

Ich war Zeugin von großer Solidarität und Zärtlichkeit:

Ich war bereits bei vielen Protesten dabei, aber was ich gestern gesehen habe, habe ich noch nie gesehen: Menschen, die Platz machten, wenn ein Krankenwagen oder eine Bahre vorbeikam, und die den Rettern und Verletzten applaudierten. Die freiwillige Helferbrigade, die sofortige Unterstützung im Fall von Verletzungen usw. angeboten hatte. Sie hatten die roten Kreuze an Fahrradhelme geklebt und kamen, um Menschen zu retten. Die Veterinärbrigade, die sich um die von den Tränengasbomben getroffenen streunenden Hunde kümmerte. Die Musiker, die sogar in extremen Momenten weiter Musik spielten, um die Leute zu ermutigen. Die Menschen, die nach den Tränengasangriffen mit Wasser und Sprays nach Betroffenen suchten, um ihnen zu helfen und sie zu versorgen. Die unzähligen „fremden Menschen“, die jedes Mal kamen, wenn eine Person weder atmen noch sehen konnte. Sie streichelten liebevoll ihre Hände und brachten sie in Sicherheit, selbst wenn sie ebenfalls selbst zu leiden hatten. Die zwanzigjährigen Jungs, die ohne zu zögern auf die Bomben zu gerannt sind, um sie gemäß der Videos, die sie auf Youtube gesehen hatten, zu entschärfen. Das Mädchen, das so zart inmitten der Kugeln die Maske eines hilflosen älteren Mannes zurechtrückte, der  durch die Proteste festsaß, und ihn beruhigte. Die Emotionen, die Fahnen, die reine Liebe und Mitmenschlichkeit.

Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich denke, man muss Raum schaffen, um nicht nur die Wut und den Schmerz festzuhalten, sondern auch all das. All diese Hingabe, diese Anständigkeit, all die Überzeugung, dass wir besser sein können, dass wir einander brauchen und dass es an der Zeit ist, uns einzubringen.

Jimena Ledgard

Übersetzung: Fabian Appel

 

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