Zum Gedenken an Inti und Jack, Helden der Zweihundertjahrfeier.

 

Peru hat offene Wunden, wobei die stärkste diejenige ist, die der interne Krieg hinterlassen hat. In den 80er Jahren haben wir so viele Menschen verloren, Frauen, Männer und Kinder; nach Angaben der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission waren es etwa 69.280 Tote und Verschwundene. Das hat uns in eine wirtschaftliche, politische und soziale Krise gestürzt. Wir haben den Glauben an Politik und Wandel verloren.

Die Generation unserer Eltern, die damals Kinder und Jugendliche waren, wuchs oft mit der Angst davor auf, in die Politik zu gehen. In den Schulen lernten sie, sich vor den Explosionen der Autobomben zu schützen. Sie klebten Klebeband auf die Fenster, um zu vermeiden, dass das Glas sie zu sehr verletzte. Sie waren an die Stromausfälle gewöhnt. Kerzen zu haben war eine Notwendigkeit. Die jungen Männer und Frauen in Lima gingen nachmittags auf Partys, denn nachts galt eine Ausgangssperre. Selbst das Gehen auf der Straße war unsicher, vor allem, wenn das Militär vorbeikam, um junge Männer für den Militärdienst abzuholen. Viele entkamen oder versteckten sich, viele kehrten nicht zurück. Menschen, die über mehr Wirtschaftskraft verfügten, wanderten in andere Länder aus, denn „in Peru gibt es keine Zukunft“, sagten sie. Wenn sie von einer staatlichen Universität kamen, wurden sie oft als Terrorist*in gebrandmarkt, umso mehr, wenn ihr Studiengang mit sozialen Themen wie Geschichte, Bildung, Anthropologie, Soziologie oder Philosophie zu tun hatte. Ein Buch von J.C. Mariateguí, Marx oder Engels zu besitzen führte dazu, dass man sie beschuldigte, für den Terrorismus einzutreten. Auf dem Land zwangen die Terrorist*innen des Leuchtenden Pfades die Menschen, sie mit Essen und Schlafplätzen zu unterstützen und sich ihrer Guerilla anzuschließen. Wer ihnen nicht gehorchte, dem wurde mit dem Tod gedroht. Später kamen Polizei und Militär und töteten oder inhaftierten diejenigen, die gezwungen worden waren, die Terrorist*innen des Leuchtenden Pfades zu unterstützen. Niemandem konnte man trauen.

 

Aufgewachsen in Angst

Die Mehrheit dieser Generation ist mit Angst aufgewachsen. Ich sage „die Mehrheit“, weil es immer einige wenige gibt, die Risiken dafür eingehen, die Dinge zu verbessern, weil sie glauben, dass Politik etwas Schlechtes ist, die den Wunsch haben, die Gesellschaft zu verändern. Wir, die Töchter und Söhne dieser Generation, die nicht in dieser Zeit gelebt haben, sind mit den Geschichten aufgewachsen und haben nicht nur die Angst geerbt, sondern in uns wuchs auch die Empörung über die politische Klasse, die bisher wenig oder gar nichts getan hat (in einigen Gegenden im Land). Auch unser Wunsch, die Dinge zu verändern, wuchs.

Viele junge Leute hatten wie ich zu Hause Schwierigkeiten, als sie sagten, sie wollten Anthropologie, Geschichte, Soziologie usw. studieren. Die Eltern sagten uns, „ihr werdet keine Arbeit finden“. Aber vor allem äußerten sie ihre Angst, dass wir uns in die Politik einmischen oder dass wir Terrorist*innen werden könnten. Trotz dieser Widerstände zu Hause machten wir weiter.

Meine Generation hat die 80er Jahre nicht erlebt, wir haben nicht am eigenen Leib gelitten wie unsere Väter, Mütter und Großeltern, aber diese Zeit hat uns neben den Krisen eine sehr große Last hinterlassen: die Entpolitisierung der Gesellschaft. Nach und nach haben wir gelernt, uns zu informieren, über das zu sprechen, worüber alte Politiker nicht gerne reden: über die Folgen und über Verantwortung, die damals nicht übernommen wurden. Jetzt übernehmen wir sie und wollen Veränderung.

 

Die Pandemie legt Mißstände bloss

Die Pandemie hat all jene Probleme sichtbar gemacht, die vertuscht und sogar als normal angesehen wurden, wie z.B. die Mängel im öffentlicher Gesundheits- und im Bildungssystem, beim Recht auf Wohnung, die schlechte Trink- und Abwasserversorgung usw. Kurz vor dem 200jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit Perus haben viele Haushalte keinen Zugang zu all diesen Gütern.

Soziale Netzwerke haben in diesen Monaten eine wichtige Rolle gespielt. Plattformen wie WhatsApp, Facebook, Instagram und Twitter wurden während der Pandemie genutzt, um Nachrichten und Initiativen zur Unterstützung und Solidarität mit den am stärksten von Covid-19 betroffenen Familien zu organisieren, zu teilen und auszutauschen. Das hat auch dazu beigetragen, dass viele Familien sich wirtschaftlich selbst versorgen konnten, indem sie ihre Produkte über soziale Netzwerke anboten, insbesondere in Lima. Auf diese Weise sind die Menschen aufmerksamer auf soziale Netzwerke geworden, in denen Nachrichten in Echtzeit und von allen Seiten ausgetauscht werden. So sind wir alle darüber informiert, was in der Regierung geschieht, von der wir einst glaubten, sie könnte uns repräsentieren.

 

Ein Korruptionsfall nach dem anderen

Immer mehr Fälle von Korruption werden bekannt: Fälle wie die von Richard Cisneros und dem ehemaligen Präsidenten Martin Vizcarra, Missbrauch und Vetternwirtschaft in Regionalregierungen und Kommunen mit den Hilfsgeldern für Lebensmittel für die bedürftigsten Familien während der Pandemie, Missbrauch von Arbeitskräften durch den Staat und private Unternehmen oder die Kriminalisierung der Proteste von städtischen Angestellten im Zentrum von Lima und landesweit, die einige Tote hinterlassen haben. In der Region Loreto starben zwei Menschen, 17 weitere wurden verletzt, als sie sich für Umweltrechte einsetzten. All dies steht uns immer noch sehr lebendig vor Augen. Vor ein paar Wochen wurden Anschuldigungen öffentlich, die den ehemaligen Präsidenten Martin Vizcarra belasten. In seiner Zeit als Regionalgouverneur von Moquegua soll er 2013 in einen Korruptionsfall verwickelt gewesen sein. Der Kongress war daraufhin entschlossen ihn abzusetzen, was schließlich auch gelang.

Die Demonstrationen waren und sind nicht für Martin Vizcarra, zumindest gilt das für die große Mehrheit. Viele von uns glauben, dass gegen ihn wegen all der Korruption während der Pandemie und davor ermittelt werden sollte. Aber wir glauben auch, dass sich das Land in einer großen gesundheitlichen, wirtschaftlichen, sozialen und jetzt politischen Krise befindet, in der wir nun ohne Exekutivgewalt dastehen.

Gewalt gegen Demonstrierende

Seit Montag, 9. November, der Nacht, in der Vizcarra abgesetzt wurde, gab es Demonstrationen, unermüdlich, an jedem Tag der Woche. Es beteiligten sich viele Menschen, meist junge Leute, die sich jeden Tag besser organisierten. Trotz der Bemühungen der Rettungsdienste, des Roten Kreuzes und der Tränengasentschärfer hinterließen die Märsche mehr als hundert Verletzte, einige davon in kritischem Zustand. Fast 40 Menschen verschwanden. Bis heute sind einige von ihnen geschlagen und ohne ihr Eigentum nach Hause zurückgekehrt. Es kam zu zwei Morden: Inti Sotelo Camargo und Jack Bryan Pintado Sánchez, zwei junge Studenten unter 24 Jahren, starben.

Übergangspräsident Merino trat nach ihrem Tod zurück, aber das reicht nicht. Die Demonstrationen wurden mit der Zeit immer mehr und immer größer, nicht nur im Zentrum von Lima, sondern in verschiedenen Bezirken Limas wie Miraflores, Comas, Puente Piedra, Pueblo Libre, Magdalena, usw., und im ganzen Land in jedem der 24 Departements.

Es gab Menschen, die es wegen der noch latent vorhandenen Pandemie ihre Häuser nicht verlassen wollten. Aber über Facebook organisierten sie sich, um von ihren Häusern aus lautstarken Protest zu machen. Viele stellten sich an ihre Türen und Fenster, um „weg mit Merino“ („fuera Merino“) zu rufen, die Nationalhymne zu singen und mit ihren Töpfen Lärm zu machen. Interessant, dass dasselbe vor Monaten aus Dankbarkeit gegenüber der Polizei geschah, die sich während der Pandemie um uns gekümmert hatte – dieselben Menschen, die jetzt Demonstranten schlugen, Tränengasbomben sogar aus Hubschraubern warfen und ihre Macht zugunsten des Kongresses und seiner Interessen missbraucht haben.

 

Revolution mit dem Handy

„Sie haben sich mit der falschen Generation angelegt“, das ist es, was auf den Straßen widerhallt. Und es ist wahr. Wir jungen Leute glauben nicht mehr alles, was uns erzählt wird. Wir fragen und prüfen nach. Unsere Bildung ist teuer, und seit so vielen Jahren wird Armut romantisiert, dass wir sagen: „Genug! Wir haben Rechte und wir kennen sie.“ Wenn wir unsere Rechte wirklich erreichen wollen, können wir es uns nicht länger leisten zu schweigen.

Wir haben gelernt, die Technologie zu unserem Vorteil zu nutzen, wir lernen uns online kennen und organisieren uns über soziale Netzwerke, wir haben keine Angst vor der Politik, wir engagieren uns.

Ich teile die Idee, die eine Kollegin der Universität San Marcos, Ingrid Garcia, auf ihrer Facebook-Pinnwand gepostet hat: „Weißt du, warum sie sich mit der falschen Generation angelegt haben? Wir sehen nicht fern, und wenn wir es tun, glauben wir es nicht. Wir schnappen uns das Handy und finden es im Internet heraus. Wir gehen auf Instagram und saugen Informationen in uns auf. Wir öffnen Twitter und verfolgen die Nachrichten, Minute für Minute. Wir öffnen WhatsApp bekommen Informationen über die Status-Meldungen. Wir schauen uns die Facebook-Pinnwand an und die Videos zeigen Mini-Berichte. Wir öffnen Tik Tok und bekommen Informationen per Memes und Videos. Wir sind die Generation der wahren Information per Klick. Merino, du wirst fallen.“

Ja, wir sind jene Generation, die mit dem Handy in der Hand alles fotografiert. Wir  veröffentlichen alles, was wir denken. Wir überprüfen die Nachrichten und interessieren uns dafür, was weltweit geschieht, weil wir verstanden haben, dass wir in dieser Welt nicht allein sind und nicht die Letzten sein werden.

Lima, 17. November 2020

 

Barbara Alagón Choquehuamaní ist Studentin der Anthropologie an der Universidad San Marcos in Lima. Tochter von Migranten aus den Anden. Feministin. Sie ist zweite Vorsitzende von Yanapachikun, des Vereins der Peruaner, die ein Freiwilligenjahr in Freiburg absolviert haben. 

Übersetzung: Luca Weigand

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