In diesen Tagen ist Bundespräsident Joachim Gauck in Peru in Sachen Vergangenheitsbewältigung unterwegs. Mit noch so gut gemeinten Worten und Geldern ist es aber leider nicht getan….

„Hat der Bundespraesident wirklich von Schuld gesprochen , von Kollektivschuld ?“, fragten mich zwei Kolleginnen unglaeubig, nachdem Joachim Gauck in bewegenden Worten ueber die Vergangenheitsaufarbeitung in Deutschland gesprochen und die Peruaner ermutigt hatte, ihrer eigenen leidvollen Vergangenheit ins Auge zu schauen.

Das Wort Schuld oder gar Kollektivschuld ist in der peruanischen Diskussion ueber die Aufarbeitung des juengsten Buergrkrieges noch nicht gefallen. “ Jede Seite moechte sich als die Guten darstellen“, sagt der Filmemacher Heeder Soto. Er stammt aus der besonders stark vom Krieg gepraegten  Ayacucho und hat selber seinen Vater bei den grausamen  Auseinandersetzungen zwischen dem maoistischen Leuchtenden Pfad und der peruanischen Armee verloren. In seinem viel beachteten Film Caminantes de la memoria (https://caminantesdelamemoria.wordpress.com/galeria/) zeigt er die schwierige Identitaetsfindung der im Buergerkrieg Aufgewachsenen.

Joachim Gauck fuehrte in Lima aus, wie diese erste Phase der Aufarbeitung von der Leugnung der Fakten und von  Selbstmitleid statt Empathie fuer die Opfer gekennzeichnet ist. Gerade mal 25 – 30 Jahre sind vergangen seit den grossen Massakern an peruanischen Campesinos in Ayacucho. Das peruanische Gedenken scheint demnach immer noch in dieser ersten Phase zu verhaften.

Aber Peru ist nicht Deutschland. Der peruanische Buergerkrieg zeichnet sich durch zwei Besonderheiten aus: die meisten Opfer entstammten der indigenen Bauernschaft im traditionell vernachlaessigten Andenhochland; Menschen, die nicht nur Opfer des Buergerkrieges, sondern seit Jahrhunderten Opfer von staatlicher Vernachlaessigung und allgemeinem Rassismus sind.  Dies war der Naehrboden, auf dem sowohl der Leuchtende Pfad als auch die Armee ihre Anhaenger rekrutierte.  Auch waren nicht alle Indigenas Opfer. „Einige waren Opfer und Taeter zu gleich, haben die Fronten gewechselt“, erzaehlt Heeder Soto. Innerhalb ein und derselben Familie konnte man Anhaenger des Leuchtenden Pfades  ebenso wie Mitglieder der Armee. Die Geschichte von Lurgio Gavilán zeigt ein Leben im peruanischen Buergerkrieg jenseits von Taeter-Opfer-Schablonen (http://www.infostelle-peru.de/web/ich-bin-kein-opfer-die-unglaubliche-geschichte-des-lurgio-gavilan/)

Joachim Gauck sprach im neu erbauten „Ort der Erinnerung, der Toleranz und der Inklusion“ im schicken Viertel Miraflores von Lima. Es waere schoen gewesen, haette er dieses Museum einweihen koennen –  schliesslich wäre es ohne deutsche Hilfsgelder nie erbaut worden. Doch gab es noch nichts einzuweihen. Aufgrund des fehlenden Konsenses, wessen dort gedacht werden soll, steht nun zwar das Gebäude, aber die erarbeitete und durchlittene gemeinsame peruanische Geschichte ist dort noch nicht praesent.  Die Geschichte der zivilen Opfer und die Opfer der Militärs und Polizisten unter einen Hut zu bringen, ist alles andere als einfach. Dennoch soll das Museum dieses Jahr noch eingeweiht werden, sagen die Zuständigen.  Alles andere wäre überpeinlich. Denn der Bau steht schon lange, bisher aber nur als leere Hülse.

Denn das Museum geht auf ein unerbetenes Geschenk der ehemaligen deutschen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul aus dem Jahr 2008 zurück. Der damalige Präsident Alan García wollte das Geld lieber für Entwicklungsprojekte verwenden, erst eine öffentliche Intervention des peruanischen Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa brachte ihn dazu, das Geschenk, wenn auch widerwillig, anzunehmen.

„Gedenken kann nicht von aussen verordnet werden“, sagte Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung am „Lugar de la Memoria“. Dies gelang den Alliierten nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland nicht; und das wird auch ausländischer Entwicklungshilfe zur Erinnerungsarbeit in Peru nicht gelingen.

In den Anden Ayacuchos stehen mehrer solcher kleinerer Erinnerungsorte an Massaker o.ae. Markus Weissert hat drei solcher Gedenkstätten auf Dörfern untersucht und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: die meisten kamen auf Initiative von NGOs aus Lima und mit ausländischen Geldern zu stande; einige wurden bereits wieder zweckentfremdet; die Leute möchten Fortschritt, Anbindung, Bildungschancen, nicht mehr Bürger zweiter Klasse sein. Die Rückschau auf die schmerzliche Vergangenheit Perus ist da – momentan – nur im Wege. In gewisser Weise, so Markus Weissert, würden die Erinnerungsorte sogar die Distanz zwischen Land und Stadt reproduzieren.

So ist auch das von NGOs und Menschenrechtslern und ausländischen Entwicklungshelfern vermittelte Museum in Lima ein rechtes Eliteprojekt, das erst im letzten Jahr die Meinung der Opfer zu der Gedenkstätte eingeholt hat.

Dabei fehlt das allerwichtigste, der politische Wille zur Erinnerung an die zwar in der Wahrheitskommission aufgearbeitete, aber längst nicht von allen akzeptierte Version der jüngeren Geschichte Perus.   Der jetzige Präsident Ollanta Humala hat als ehemaliger Offizier in der Aufstandsbekämpfung kein grosses Interesse an der Rückschau.  Seine Amtszeit geht zwar 2016 zu Ende, aber auch die beiden aussichtsreichsten Kandidaten für seine Nachfolge, Keiko Fujimori und der oben genannte Alan García, sind Teil der Tätergeschichten des Bürgerkrieges.

Wie ein Land diese Geschichte aufarbeiten soll, wenn der politische Wille fehlt – gegen dieses Mauer kommen auch die machtvollen Worte Gaucks nicht an. Und schon gar nicht gut gemeinte deutsche Entwicklungshilfe und Solidaritätsarbeit.

Hildegard Willer

 

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