Die bäuerliche Selbst-Organisation in den nordperuanischen Anden hat lange Zeit eine Ansteckung durch das Virus verhindert.

 

In den nördlichen Anden Perus (Regionen Cajamarca und Piura) sind viele Bauern und Bäuerinnen in den sogenannten Rondas Campesinas (Verteidigungskomitees) organisiert. Diese waren vor allem in den ländlichen Gebieten als Reaktion auf das fehlende Engagement des Staates für die Einhaltung der Menschenrechte entstanden. Während alle Regionen Perus unter dem internen bewaffneten Konflikt (1980 bis 2000) litten, blieben die Gebiete, in denen Rondas Campesinas aktiv waren, weitgehend verschont. Damals gaben die Rondas Campesinas den terroristischen Gruppen eine politische und militärische Antwort. Als Organisationen der sozialen Bewegung verfügen sie über demokratischen Strukturen. Die Rondas sind als Organisationen, die der Gemeinschaft dienen und zur Entwicklung und zum sozialen Frieden beitragen, gesetzlich anerkannt. Auch heute sind ihre Mitglieder, die Ronderos und Ronderas, noch aktiv. Sie leisten zum Beispiel Widerstand gegen Bergbau- und Minenkonzerne und setzen sich damit für den Schutz der Umwelt ein.

 

Auch in Zeiten von Corona sind Ronderos und Ronderas engagiert. Die Nachrichtenplattform Wayka berichtet vom Kampf der Ronderas in Bambamarca gegen das Corona-Virus.

 

Die Rondas Campesinas  konnten erfolgreich die weitere Ausbreitung des Virus in ihren Regionen eindämmen. Die Stadt Bambamarca, Hauptstadt der Provinz Hualgayoc in der Region Cajamarca, ist hierfür exemplarisch. Bäuerinnen wie María Irma Zafra, 34 Jahre alt, sind ein Beispiel für Tapferkeit und Mut. Als Bürgerinnen beteiligen sich die Ronderas an der Umsetzung der von der Regierung verordneten Corona-Maßnahmen. Am 12. März verhängte die Regierung eine landesweite Ausgangssperre, um die Ausbreitung des Coronavirus‘ zu verhindern. Am Morgen nach der Ankündigung verließ María Irma Zafra ihr Haus in Richtung des Hauptplatzes ihrer Stadt. Sie war die einzige Frau bei einem Treffen des Sicherheitsrates der Provinz und vertrat die mehr als 40 Frauen, die Mitglieder der Rondas Campesinas sind. An diesem Tag trafen sich mehrere Organisationen, um über Maßnahmen zu entscheiden, die das Eindringen des neuen Coronavirus in ihre Region stoppen sollten. Früher haben die Rondas Campesinas gegen das Minenunternehmen Yanacocha gekämpft. Diesmal handelt es sich um einen unsichtbaren Feind, den die ganze Welt fürchtet.

Gleich nach dem Treffen machten sich die Ronderas an die Arbeit. María versammelte die anderen Ronderas und nahm all ihren Mut zusammen. Sie sagte ihnen mit entschlossener Stimme: „Wir müssen uns dem Corona-Virus stellen. Doch dafür müssen wir uns auch schützen.“ Am zweiten Tag der Quarantäne kamen zunächst nur wenige Frauen, bis etwa zehn Ronderas versammelt waren. Zusammen mit den Männern organisierten sie Wachposten an den Grenzen der Stadt und Nachbarschaftsgruppen, um die Kontrolle innerhalb der Stadt zu gewährleisten. Außerdem war es für sie wichtig, die Arbeit der Volksküchen zu unterstützen, damit alle Bürger*innen eine Mahlzeit am Tag erhielten.

Die Stadt Bambamarca ist seit einigen Jahren als Rebellenhochburg gegen das Bergbauprojekt Yanacocha bekannt. Die Rondas Campesinas setzen sich für den Schutz des Wassers und die  Verteidigung ihrer Territorien ein. María und ihre Freundin Yulisa Mejía, eine bekannte Rondera-Anführerin, gehören auch dazu. Nun müssen die beiden die Straßen ihrer Stadt bewachen, um die Verbreitung des COVID-19 aufzuhalten.

Einmal mussten María und Yulisa drei junge Leute anhalten, die mit Motorrädern unterwegs waren und dem Anschein nach aus Lima kamen. Die beiden Ronderas machten die jungen Leute auf sich aufmerksam. Trotzdem wollten die Jugendlichen ohne Rücksicht auf die Wachen weiterfahren. Die Ronderas ließen das nicht zu. Sie wollten erfahren, woher die Jugendlichen kamen, wohin sie gingen, wann sie zurückkehrten. Mit Hilfe einer Peitsche zeigten sie den Jugendlichen ihre Entschlossenheit. Sie erreichten, was sie wollten.

Die Ronderas aus Bambamarca haben sich am stärksten für die Einhaltung der Kontaktsperre engagiert, findet María. Deswegen waren sie sehr besorgt, als sie die Nachricht vom ersten Corona-Fall in der Region hörten. Die Rondas Campesinas hatten sich mit dem Direktor des Krankenhauses und weiteren Ärzten in Bambamarca getroffen. Da wurde die Nachricht vom ersten bestätigten Ansteckungsfall mit Covid-19 in der Region bekannt gegeben. Marías erstes Gedanken war: Jetzt sind wir auch dran. Es schien ihr, als hätte sie den Boden unter den Füssen verloren. María ist alleinerziehende Mutter, sie hat einen Sohn und eine alte Mutter. María und Yulisa umarmten sich und weinten zusammen. Laut María verfügt das nächstgelegene Krankenhaus nicht über genügend Ärzt*innen, Krankenbetten und medizinische Ausrüstung. Wenn sich die Gesundheitssituation in Bambamarca extrem verschlechtern würde, könnte das regionale Krankenhaus von Cajamarca kollabieren.

Doch dank der Rondas Campesinas ist Cajamarca eine der Regionen mit den wenigsten Covid-19-Todesfällen in Peru. Die Region hat 1,3 Millionen Einwohner*innen. 1.403 Menschen wurden positiv auf das Corona-Virus getestet, 20 sind gestorben. In Bambamarca ist bisher niemand an dem Virus gestorben. Die Überwachungskontrollen der Ronderas und Ronderos zur Einhaltung der Corona-Beschränkungen haben Erfolg.

 

María hofft, dass die Pandemie bald endet. Bisher kann sie vom Anbau von Mais, Erbsen, Kartoffeln und von ihren kleinen Ersparnissen leben, die aber knapp werden. Sie weiß, dass die Regierung einen Plan zur Reaktivierung der Wirtschaft hat und dass die Bergbauunternehmen trotz Corona auf dem Vormarsch sind. „Mit Landwirtschaft, Viehzucht und Wasser können wir leben. Der Bergbau bedroht unser Leben“, sagt sie. Sie ist sich sicher, dass die Rondas Campesinas genauso, wie sie bisher die Ausbreitung der Pandemie verhindert haben, auch andere Bergbauprojekte stoppen können, die ihre Lebensgrundlagen zerstören würden.

 

Roxana Loarte

übersetzt und bearbeitet von Elena Muguruza und Annette Brox

 

Spanisches Original: https://wayka.pe/maria-la-rondera-campesina-que-se-rebelo-contra-el-coronavirus/ vom 11.06.20

 

Nachtrag der Redaktion:

Inzwischen ist die Zahl der mit dem Corona-Virus Infizierten auch in der Region Cajamarca sehr stark angestiegen. Laut Regionalregierung waren am 2. August 15.700 Menschen mit dem Virus infiziert. Und in der Provinz Hualgayoc gab es bis zu diesem Datum bereits 21 an Covid-19 Verstorbene zu beklagen.

Nach Aufhebung der Ausgangssperre wird verstärkt in Bussen getestet. So wurden nach unseren Informationen in einem Bus in Richtung Cajamarca-Celendin von 38 Passagieren acht positiv getestet. Auffällig ist, nach Informationen aus Cajamarca, dass an der Grenze zur Region Amazonas, wo auch die indigene Bevölkerung sehr stark unter Covid-19 leidet, die Viruserkrankungen zugenommen haben.

Bis Juni 2020 haben die Rondas Campesinas eine wichtige Funktion bei der Einhaltung der Ausgangssperre gespielt. Immer mehr hörten jedoch mit der Einrichtung von Straßensperren und anderen Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckung auf, weil ihren Angaben zufolge

die Unterstützung durch Polizei und politisch Verantwortliche immer mehr ausblieb. So wurde ihnen zu wenig Benzin für Kontrollfahrten zur Verfügung gestellt, es gab keine Lebensmittel, und sie selbst mussten auch  ihre Produkte auf den Markt bringen bzw. zur Arbeit außerhalb ihrer Siedlungen fahren.

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