Mit 50 Jahren den Job in Deutschland schmeissen, um im fernen Peru auf eigene Faust die Indígenas zu unterstützen. Das wäre auch heute noch wagemutig. Käthe Meentzen hat es vor 30 Jahren getan , als Peru am Boden lag und ein deutscher Filmemacher die Indigenas gegen sich aufbrachte.
„Das sollen doch die Jungen machen“, antwortete Käthe Meentzen dem jungen Mann, der sie auf der Strasse in Bremen für die Ortsgruppe der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) werben wollte. Man schrieb das Jahr 1977. Käthe Meentzen ging damals bereits auf die 50 zu, hatte einen festen Job als Schulsekretärin und, seit die Tochter erwachsen und aus dem Hause war, Zeit zum Lesen von Büchern und für Konzertbesuche. Der junge Mann liess dennoch nicht locker, und bald war Käthe Meentzen aktives Miglied und zwei Jahre später sogar Leiterin der Bremer Ortsgruppe der Gesellschaft für bedrohte Völker. „Aus Büchern und ersten Kontakten mit Vertretern indianischer Völker lernte ich in den kommenden Jahren nicht nur andere Kulturen und Denkweisen kennen, sondern auch eklatante Menschenrechtsverletzungen durch die jeweiligen Nationalstaaten“.
Kampagne gegen Werner Herzog
„1979 besuchte ich das erste Mal Peru“, erinnert sich die heute 84-jährige im trockenen Tonfall der Norddeutschen. Ich besuche sie in ihrem Haus in Surco, einem ruhigen Stadtteil von Lima, in dem viele Mittelschichts-Familien wohnen. Seit einem Schlaganfall vor 14 Jahren fällt ihr das Gehen schwer. Die graugrünen Augen jedoch leuchten wie eh und jeh aus dem breiten Gesicht. Sie kam, um ihre Tochter Angela zu besuchen, die zu der Zeit in Lima Ethnologie studierte. Gemeinsam bereisten sie Peru und Bolivien, auch die Shipibo-Gemeinden am Ucayalifluss in der Selva, deren Frauen sie durch die einfache Lebensform sehr beeindruckten . Zwei Tage vor ihrer Rückreise fanden sie einen Zettel neben dem Telefon, auf dem stand neben einer Telefonnummer:„Die Aguaruna warten auf Euch“. Der Telefonanruf brachte sie in Kontakt mit Evaristo Nugkuag vom Volk der Aguaruna und Präsident des Rates der Aguaruna und Huambisa, im Norden Perus, der später die Indigena-Organisationen AIDESEP (Nationaler Zusammenschluss von Tieflandorganisationen) und COICA (kontinentaler Zusammenschluss nationaler Urwaldorganisationen) gründen sollte. Er kam mit einem Anliegen zu der Deutschen: sie möchte doch in Deutschland Klage erheben gegen den deutschen Filmregisseur Werner Herzog. Der wollte am Cenepa/Marañon in einer der Aguaruna-Dorfgemeinschaften seinen Film über den Kautschukbarron „Fitzcarraldo“ drehen. Herzog habe ohne die Einwilligung der Apus gehandelt, gäbe rassistische Anweisungen, im Sinne von „Nur die Langhaarigen von Euch dürfen mitspielen“. Als sie sich weigerten, ihr Dorf als Filmkulisse zu akzeptieren, und ein Schiff uber einen Berg zu ziehen, holte Herzog Militärs zu Hilfe, die zur Einschüchterung in das Dach des Versammlungslokals schossen . Der Film wurde mit zweijähriger Verzögerung dann mit Asháninka am südlicher gelegenen Urubamba gedreht. Zwei Tage lang redete Evaristo, Käthe hörte zu und nahm alles auf. Das Zeugnis von Evaristo Nugkuag bildete später die Grundlage für die Kampagne der GfbV gegen Werner Herzog, die die Filmpremiere von Fitzcarraldo in Teilen Deutschlands zum Skandal machte.
Übersiedlung nach Peru
Mit der Zeit wurde Käthe Meentzen zur Fachfrau in der Sensibilisierungsarbeit für indigene Anliegen in Deutschland. „Und dabei wusste ich doch gar nicht viel über das wirkliche Leben der Indigenas“. Im Jahr 1983 machte Käthe Meentzen Nägel mit Köpfen und siedelte für unbestimmte Zeit nach Peru um. „Ich wollte einfach mehr lernen und versuchen, hilfreich zu sein“, gibt sie heute ihre Motivation an. Käthe Meentzen unterstütze als Aktivistin die in den Anfängen steckende Organisation des Zusammeschlusses der Tiefland-Indigenas Perus. Während 6 Jahren arbeitete sie ausserdem für eine Unterorganisation der UNO in einem Gesundheits- und Frauenprojekt bei den Ketchua im Andenhochland, wobei sie besonders die Unter- und Manelernährung der Kinder und als Folge davon die hohe Kindersterblichkeit mit den Frauen bekämpfte. Es war die Hoch-Zeit des Terrorismus des Leuchtenden Pfades, der in den Jahren 1980 bis 2000 grosse Teile Perus terrorisierte. Deutsche Entwicklungshelfer wurden abgezogen, weil Peru zu gefährlich geworden war. Käthe Meentzen blieb. „Wenn´s gefährlich wird, kannst Du doch nicht gehen. Ich wäre ja verrückt geworden in Deutschland. Der Zeitpunkt zu gehen war bereits vorbei“.
1995 wurde Käthe Meentzen offiziell berentet. Die Arbeit für die Indigenas ging weiter.Unter anderem half sie in bei der Gründung einer Nothilfeorganiation für die vom Leuchtenden Pfad vertriebenen Asháninka aus mehr als 45 Dorfgemeinschaften der zentralen Selva. Man rechnet mit 10.000 toten Asháninka sowohl durch kriegerische Auseinandersetzungen, als auch durch Zwangsarbeit für die Terrorristen, und schlechte und fehlende Ernährung in deren Gefangenschaft. Die Nothilfeorganisation hatte unter anderem die Aufgabe, die zerstörten Asháninka-Dorfgemeinschaften mit ihren neuen Bewohnern neu aufzubauen. Kaum ein Koordinationstreffen der Indigenas in Lima, an dem Käthe Meentzen in den kommenden Jahren nicht teilnahm. Heute ist AIDESEP ein grosser Verband, „die brauchen mich heute nicht mehr, haben ihre Fachleute“, sagt Käthe Meentzen ohne Bedauern, oder sogar mit etwas Stolz in der Stimme ?
Im Unruhestand
Im Hintergrund ist Käthe Meentzen bis heute aktiv. Zwar kann sie nicht mehr die weiten und anstrengenden Busreisen in die Selva und die Anden unternehmen. Aber dank des Internet und ihrer in Jahren erworbenen Erfahrungen sichtet sie Informationen über Indigena-Fragen, die später im Nachrichtendienst Servindi ( www.servindi.org) verbreitet werden. Dank der neuen Technologien vermisst Käthe Meentzen auch wenig aus Deutschland: die Deutsche Welle sendet täglich Nachrichten und bringt interessante politische und kulturelle Sendungen , und das reiche Musikangebot der vielen internationalen Fernsehkanäle bietet so manchen Konzert- und Operngenuss live.
Den Reichtum, den sie in den Indigena-Dörfern in der Selva und Anden kennenlernen durfte, möchte sie um nichts in der Welt missen. „Ich war unglaublich glücklich in den Dörfern, ich glaube nicht, dass ich dieses Glück und diese Kraft woanders gefunden hätte“. „ Eine Kraft, von der sie wünscht, dass sie auch viele Peruaner erfahren, damit mehr peruanische Staatsbedienstete in verantwortlichen Posten den schwer verletzten indianischen territorialen Menschenrechten zum Durchbruch verhelfen.
Käthe Meentzens Bilanz über 30 Jahre Einsatz für Indigena-Rechte in Peru ist ernüchternd: „In den vergangenen 30 Jahren ist viel geschehen. Ganze Völker mit ihren einmaligen Sprachen und Kulturen wurden ausgelöscht, ohne dass die nationalen Gesellschaften davon Kenntnis nahmen“, sagt sie. „Viel Urwald wurde abgeholzt und viel indianisches Land wurde für die Mineral-,Öl- und Gasausbeutung geraubt oder kontaminiert und so dem Lebensraum der jeweiligen Völker entzogen. Und das auf dem gesamten amerikanischen Kontinent von Kanada über USA und Mittelamerika bis Feuerland in Chile.“
Trotz dieser Rückschläge sieht sie Grund für Hoffnung: „Die Indígenas haben gelernt, sich friedlich und mit zunehmendem Erfolg zu verteidigen, kennen ihre nationalen und internationalen Rechte, die sie schützen sollten. Und sie sind Allianzen eingegangen mit Institutionen, die weltweit Menschen- und Umweltrechte zu verteidigen wissen“.

Hildegard Willer

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