Soziale Medien waren sehr wichtig, damit die jungen Peruanerinnen und Peruaner ihre Proteste organisieren konnten.
Einen Tag nach dem 9. November 2020, dem Tag der Absetzung vom Ex-Präsident Martín Vizcarra mit 105 Stimmen durch das peruanische Parlament,wurde Manuel Merino, bis dahin Parlamentspräsident, als neuer Präsident Perus vereidigt. Unter dem verfassungsmäßig sehr fragwürdigen Vorwand der „moralischen Untauglichkeit“ wurde Vizcarra gestürzt, und es gingen Tausende von Menschen auf die Straße im Protest gegen diese unverantwortliche Entscheidung, die von einem großen Teil der Bevölkerung als Putsch empfunden wurde.

Die Mehrheit der Demonstrierenden war junge Leute, die ihre Unzufriedenheit, Frustration und Wut gegen die ökonomische und soziale Ungleichheit im Land zeigen wollten. Die Probleme der Jugend und ihre Bedürfnisse als eine Generation, die in die Zukunft blickt, tauchte in keinem politischen Programm der traditionellen politischen Parteien auf. Sie fühlen sich nicht vom Handeln der politischen Klasse repräsentiert, sondern ignoriert und vernachlässigt.

 

Diese Jugendlichen gehören zu der so genannten „Generation 200 Jahre Unabhängigkeit“. Noelia Chávez, Soziologin der Katholischen Universität, hat diesen Begriff in ihren Recherchen eingeführt.

Peru feiert am 28. Juli 2021 den 200. Jahrestag seiner Gründung als Republik. Ein historisches Ereignis für eine Generation, die ein wachsendes politisches Bewusstsein zeigt und sich für die Zukunft einen stärkeren Wandel erhofft.

Wie Chávez in Peru recherchieren andere Wissenschaftler*innen wie Jason Dorsey (Austin-USA) und Marc Prensky (California-USA) über das Generationsverhalten der Jugend und haben neue Begriffe wie die „alten und jungen Millennials“(Dorsey) oder „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“ (Prensky 2001) geprägt.

 

Die Generation 200 Jahre Unabhängigkeit ist eine spontane, ideologiefreie und parteilose Jugendbewegung, die global denkt, handelt und fühlt. Ihre Kommunikationssprache ist transparent, direkt und ihr Narrativ überschreitet Grenzen des Mainstreams (M. Calmbach, S. Borgstedt, u.a.: Sinus Studie 2016, Springer).

Sie sind Schüler*innen der letzten Sekundarstufe, Schüler*innen, die eine Berufsausbildung machen, Student*innen, berufstätige junge Akademiker*innen, Schul- und Universitätsabsolvent*innen, die geringe oder keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Dazu zählen auch berufstätige junge Leute, die eine prekäre Beschäftigung ausüben, junge Arbeitslose, Arbeitssuchende und Jugendliche aus verschiedenen sozialen Schichten, Herkünften und Geschlechterorientierung.

Ihr Durchschnittsalter liegt zwischen 16 und 25 Jahren. Sie folgen der Entwicklung der Studentenbewegung in Hong Kong und in Thailand, dem Kampf der Gelbwesten in Frankreich und der Black Lives Matter Bewegung in den USA. Sie teilen ähnliche Erfahrungen wie die Bürgerbewegungen aus Mexiko, Kolumbien und Chile.

 

Die peruanische Jugendbewegung ist der Regierung müde und hat es satt immer wieder die gleichen falschen Versprechungen zu hören. Sie beobachtet, wie die politische Klasse im Namen des Volkes für ihre eigenen persönlichen und politischen Interessen handelt und die finanziellen Ressourcen des Landes plündert.

Die Jugendlichen erlebten schon vor fünf Jahren, dass die Absetzung des Präsidenten vom Parlament als politisches Instrument benutzt und damit zu einer Bedrohung für die Exekutive wurde.

Die beiden Verfassungsorgane, Parlament und Exekutive, befanden sich schon öfter in einer Auseinandersetzung. Und durch die Anschuldigung von Korruptionsvorwürfen zwang das Parlament im März 2018 z.B. mit einem Amtsenthebungsverfahren Pedro Pablo Kuczynski zum Rücktritt.

Mit den gleichen Methoden stürzte das Parlament zuvor im Dezember 2016 bereits einige Minister wie den Bildungsminister Jaime Saavedra. Am 3. August 2020 mussten der Premierminister Pedro Cateriano und sein neues Kabinett zurücktreten, weil der Kongress ihm nach nur drei Wochen im Amt die Zustimmung verweigerte.

In diesem Rahmen leitete der Kongress am 11. September 2020 das erste Amtsenthebungsverfahren gegen den amtierenden Präsident Vizcarra ein, indem die Mehrheit der Abgeordneten ihm den Korruptionsfall Richard Swing vorwarf, aber am Ende bei der Abstimmung aufgrund fehlender Mehrheiten scheiterte.

Die Absicht des Kongresses den Präsident Vizcarra zu stürzen, war bei vielen Abgeordneten immer noch vorhanden und am 2. November kam es zum zweiten, diesmal erfolgreichen Amtsenthebungsverfahren.

 

Die Generation 200 Jahre Unabhängigkeit erlebte damit die wirtschaftliche und politische Instabilität zu einer Zeit, wo die Covid-19-Pandemie die größte Gefahr für das Land darstellte. Peru war im August 2020 weltweit das Land mit den meisten Toten umgerechnet auf die Bevölkerungszahl.

Dieses gesamte Szenarium brachte die jungen Leute dazu auf die Straßen zu gehen und für die Verteidigung der Demokratie ihre Stimme zu erheben. Die Jugendbewegung gehört zu der digitalen Generation, die sich durch die sozialen Medien organisiert und damit ihre Forderungen verbreitet. Ihr Kampf ist lokal, regional, national und international, zugleich friedlich, plural, intersektional, inklusiv und sehr gut organisiert.

 

Die Demonstrationen gegen den verhassten Ex-Präsidenten Merino wurden begleitet von Tänzen, Performances und Choreographien, von Protestliedern und visuellen Kunstprojektionen auf öffentlichen Gebäuden, von Motorrad-Karawanen, von Plakaten und Sprechchören wie „NO Merino, du bist nicht mein Präsident“, „Für einen demokratischen Übergang, legal und legitim – keine De-facto-Regierung“, „Der Kongress ist die Pandemie, die nicht aufhört“, „Für ein besseres Peru“, „Die Mafia kränkt das Land. Basta mit der Korruption“.

Es bleibt festzustellen, dass das künstlerische Talent dieser Generation mit seinen eigenständigen und mitunter provozierenden Ansätzen hier neue Akzente gesetzt hat.

 

Die Protestaktionen der Generation 200 Jahre Unabhängigkeit wuchsen innerhalb von nur sieben Tagen ständig an. Nach einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts IPSOS am 16. November behauptet Alfredo Torres, dass 13 Prozent der Bevölkerung sich an den Demonstrationen beteiligten, d.h. ca. drei Millionen Menschen, die im ganzen Land für den Sturz von Merino aktiv demonstrierten.

Die Demonstrationsaufrufe hatten einen großen Erfolg. Sie fanden im Vergleich zu vorherigen Jahren nicht mehr zentral im Stadtkern Limas auf dem Plaza San Martín statt, sondern die Jugendlichen marschierten mit Trommeln, pfeifend, Töpfe schlagend auf den großen Plätzen der verschiedenen Städte, Bezirke, Provinzen und Regionen im ganzen Land.

Wichtige Persönlichkeiten der Politik unterstützten die Kampfaktionen dieser Generation durch ihre Äußerung, wie z.B. die Ex-Finanzministerin Maria Antonieta Alva: „Die Generation 200 Jahre Unabhängigkeit friedlich, verantwortlich und mit dem Gemeinwohl befasst, verhält sich vorbildlich auf den Straßen. Niemand soll ihre Stimme unterdrücken, weil diese die Stimme alle Peruaner ist.“

So auch die Ex-Parlamentarierin Indira Huilca: „Die Volksbewegung und vor allem die Courage der Jugendlichen haben uns die Würde zurückgegeben, und sie konnte die politische Mafia vertreiben.“

Die Forderungen der Generation 200 Jahre Unabhängigkeit sind die Verteidigung der Demokratie und der Universitätsreform sowie die Bekämpfung der Korruption. Dazu zählt auch die Beendigung der Ungleichheit und der Ausbeutung der Bevölkerung durch die Mächtigen, die Abschaffung des Machtmissbrauchs unter Ausnutzung der parlamentarischen Immunität.

Durch die Gewalt der Polizei auf den Demonstrationen wurde der Forderungskatalog der Jugendbewegung immer länger: Sie verlangen die Beendigung der Repression und der Nutzung von Wasserwerfern, Tränengas, scharfen Waffen und Schrotmunition durch die Polizei, sowie den Abzug der Sondereinheit „Grupo Terna“ und der zivilen Greiftrupps.

Eine neue Forderung ist der Aufruf zu einem Referendum und der Erarbeitung einer neuen Verfassung, die die Wünsche der Generation 200 Jahre Unabhängigkeit nach Veränderung wiederspiegelt und angepasst ist an die neue digitale Entwicklung der modernen Gesellschaft unter Berücksichtigung des Umweltschutzes und des Respekts vor den Menschenrechten.

Die sozialen Medien sind das Kommunikationsrohr, quasi der Lautsprecher dieser Generation und zugleich eine Plattform für den Austausch, die Organisation der Protestaktivitäten, ein Forum um neue Ideen und Aktionen zu verbreiten.

Dazu zählt auch die Suche nach Verschwundenen, die nach den Repressionen durch die Polizei gegen die Demonstrierenden, toleriert vom radikal-konservativen Ex-Präsidenten Merino, vermisst wurden. Ein Beispiel dafür ist die Aufklärung der Morde an den beiden Jugendlichen Jack Brian Pintado Sánchez (22 Jahre) und Jordan Inti Sotelo Camargo (24 Jahre) durch brutale Polizisten am 14. August in Lima.

Auch Aufrufe von Solidaritätskampagnen für die Familien der Opfer, Spendenaufrufe für die medizinische Behandlung der Verletzten, Sachspenden wie Erste Hilfe-Materialien sind hier zu nennen.

Die Morde an den beiden Jugendlichen verursachten in der gesamten Bevölkerung Trauer, Wut und Empörung. Dies bestärkte die Jugendbewegung in ihrem Kampf gegen die strukturelle Gewalt, auch um die verantwortlichen Polizeibeamten und Polizisten vor Gericht zu stellen.

 

Die Jugendbewegung schaffte es auf diese Weise und mit der geballten Macht des Straßenprotestes den De-Facto Präsidenten Merino und seinen Premierminister Flores-Araóz aus dem Amt zu jagen. Die Waffen der Generation 200 Jahre Unabhängigkeit sind die sozialen Medien wie Tik Tok, Instagram, Twitter, Facebook, und mit ihren Videos und Podcats widersprachen sie dem herrschenden politischen Diskurs.

Die neu auf die politische Bühne tretenden Influencer Ariana Bolo Arce, iOA, Percy Pls, El Cholo Mena und Josy Miau begleiteten diesen hartnäckigen Jugendkampf mit ihren Beiträgen und gestalteten die politische Debatte neu.

 

Im Laufe der Zeit haben die peruanischen Centennials josimartinezzz, raydelcastillo, bryana_pastor, ale.barnechea, natalia_dlfr, orianabarraza, santiago chavezirus, alle zwischen 1997 und 2012 geboren, Tausende Anhänger*innen erreicht.

So zum Beispiel Josi Martínez, bekannt als Josi. Der 16jährige peruanische Tiktoker hat in seiner Plattform mehr als 17 Millionen Anhänger*innen, und er hat ein Video mit den Jugendlichen der Z Generation (Centennials) gedreht, wo sie sich rühmen, Merino und Flores-Araóz zu Fall gebracht zu haben.

“Sie haben diejenigen angefasst, die sie nicht hätten anfassen sollen, sie haben diejenigen verprügelt, die sie nicht hätten schlagen sollen, sie haben sich mit der falschen Generation angelegt, einer Generation, die des Missbrauchs müde ist, niemand wollte über Politik reden, aber angesichts so viel Missbrauchs schließen wir uns heute alle der Stimme des Protests an, viele marschieren auf der Straße, andere sind in sozialen Netzwerken aktiv. Wir haben den Missbrauch satt, die Interessen eines ekelhaften Kongresses ertragen zu müssen. Diese Generation hat keine Angst mehr. Wir werden weiter für das kämpfen, was wir für richtig halten“ (Angela Valdivia: „Generacón der Bicentenario…y se burlaban de ellos“ LR.pe 17.11.2020)

 

Marc Goergen vom Stern teilt diese Äußerung, als er bei Wikipedia über das hohe politische Engagement der Gen Z-ler schreibt: „Die Optimierung des Lebenslaufs ist nicht mehr das alleinige Ziel, sondern auch: die Welt zu verbessern. Dank Facebook und Whatsapp sind zumindest Demonstrationen dafür binnen weniger Stunden organisiert“ (s. auch Hurrelmann und Albrecht: „Generation Greta“).

 

Die solidarischen Strategien dieser Generation, die über ihre sozialen Netzwerke zu täglichen Demonstrationen aufriefen, waren die Organisation von Hilfsbrigaden z.B. der „gelben Linie“, unterstützt von Kollektiven und Nachbarschaftsführer*innen der sogenannten „junge Dörfer“, die am Rand der Stadt Lima liegen.

Am 17. November 2020 sagte Aracely Daza in einem Interview mit der Zeitung La República: „Die „gelbe Linie“ half während der Protestaktionen Erwachsenen und Minderjährigen, die bei der Konfrontation zwischen der Polizei und der Demonstrierenden hilflos zurück gelassen wurden.“

Sie erzählte weiter von verschiedenen Hilfsbrigaden wie „die Erste Hilfe, die Gesundheitsbrigade, das weiße Kreuz, die Tierbrigade, die Brigade zur Deaktivierung von Tränengasgranaten, die Erste Linie und die Brigade, die mit Wasser und Nahrung versorgten“.

 

Auch an diesen Tag erzählte Esperanza, eine Brigadistin, in einem Interview mit dem Radio RPP-Encendidos, dass sie am 14.November bei einer riesigen Demonstration ganz vorne war und 25 Tränengasgranaten deaktivieren konnte.

„Wir sind eine Generation, die nicht Tränengasgranaten wirft, sondern entschärft.“

So existiert auch eine feministische Frauenbrigade, die sich als Autodidaktinnen im Internet über die Deaktivierungsformen von Tränengasgranaten informierten.

Die Frauenbrigade kaufte von ihrem Taschengeld die passende Schutzausrüstung und konnte so geschützt während der Demonstrationen mehr als 45 Tränengasgranaten deaktivieren. Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen ihrer Aktionen waren vorübergehende Kopfschmerzen und Schlafstörungen, sie sind aber nach wie vor bereit an weiteren Einsätzen teilzunehmen.

 

Moises erzählte, dass er als Freiwilliger in der Erste Hilfe-Brigade tätig war. Wie viele seinen Freund*innen, die als Sanitäter*innen ausgebildet sind, half er auch in der Notfallversorgung. Moises bot seine Assistenz nicht nur den verletzten Demonstrierenden an, sondern auch den verletzten Polizist*innen.

 

Fünf Tage lang blieben Präsident Manuel Merino und sein Kabinett illegal im Amt. Der Jugendkampf war hart, intensiv und zielorientiert aber am Ende erreichte das peruanische Volk sein Ziel: Die Bildung einer Übergangsregierung im Rahmen des Gesetzes. Der Kongress suchte den politischen Konsens zwischen den Parteien und führte eine demokratische Wahl durch.

Die Vereidigung des neuen Präsident Perus, Francisco Sagasti Hochhausler, und seines Ministerrates am 17. November 2020 brachten zunächst etwas Ruhe ins Land, aber für die  Generation 200 Jahre Unabhängigkeit geht der Kampf seit 20 Tagen weiter mit der Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung. Der Verfassungsgerichtshof als höchste Gerichtsinstanz bot am 18. November allerdings keine Lösung zur Frage der „moralischen Untauglichkeit“ des Präsidenten an. Damit bleibt die Exekutive solange schutzlos, bis das Parlament seinen politischen Willen bekundet und eine Verfassungsreform auf den Weg bringt.

 

Die peruanischen Jugendlichen in Deutschland, in Europa und auf der ganzen Welt zeigen aus der Entfernung ihre Solidarität mit den gleichgesinnten Landsleuten in Peru. Sie demonstrieren immer wieder in verschiedenen Städten mit der Unterstützung von Deutschen und anderen Mitbürger*innen.

Die Generation 200 Jahre Unabhängigkeit ist das neue kritische Bewusstsein der Gesellschaft. Ihr Handeln ist pragmatisch, real, transversal, ohne feste Anführer und mit vielen kreativen und fachlich engagierten jungen Leuten, die vor allem wachsam gegenüber einem politischen Systems der traditionellen Elite sind.

 

 

Dr. Norma Driever

 

 

 

 

 

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