Für ein fussballfanatisches Land wie Peru war es ein nationales Trauma, 36 Jahre lang sich nicht für die Weltmeisterschaften zu klassifizieren. 2017 ist – buchstäblich auf den letzten Drücker – dieses Trauma beendet worden. 

Fussball ist in Peru DER Nationalsport – zugleich aber lenkt er ab von gewichtigen Problemen und fragwürdigen politischen Manövern hinter den Kulissen, wie César Bazan schreibt.

Am 15. November war ganz Peru auf DAS Fussballspiel konzentriert:  Peru gegen Neuseeland. Wer die Partie gewann, durfte nach Russland an die WM 2018 fahren.  Die korrupten Politiker haben vorübergehend nicht geplündert, die Mitarbeiter der Bergbaukonzerne und die Mitglieder der indigenen Gemeinden haben das selbe Trikot angezogen, die linken und rechten Parteien haben ihre Waffen für kurze Zeit niedergelegt. Fast alle Menschen hatten endlich ein gemeinsames Ziel als Nation: dass die peruanische Fußballmannschaft das Spiel gegen Neuseeland gewinnt und damit zur Weltmeisterschaft darf.

Seit langem hatte Peru keine wirkliche Perspektive im Fußballbereich (nur unrealistische, „statistische“ Chancen). Im Jahre 1982 hatte die peruanische Fußballmannschaft zum letzten Mal an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Die darauffolgenden Jahre gab es sowohl Niederlagen und Krisen, als auch Hoffnung und eine treue Fangemeinde. Sogar in der schlimmsten Zeit, als eine korrupte Mafia mit Unterstützung der FIFA-Mafia den peruanischen Fußballverband (Federación Peruana de Fútbol – FPF) in ihrer Kontrolle hatte, wurden Eintrittskarten gekauft und Unternehmen haben für Werbung bezahlt. Auf der wirtschaftlichen Ebene ist Fußball natürlich eine äußerst rentable Ware. Fußball macht Geld. Das gilt überall.

Fußball ist auch für PolitikerInnen nützlich. Da sich die Öffentlichkeit auf das Fußballspiel konzentriert, können Skandale heruntergespielt werden. Während des Spiels gegen Kolumbien wurde ein eigentlich politisches Gerücht in die Welt gesetzt: wenn die Mannschaft das Spiel gegen Kolumbien gewinnt, würde der Präsident Kuczynski den ehemaligen Präsident Alberto Fujimori freisprechen.  Als das Spiel gegen Neuseeland anstand, hat die Fujimori-Fraktion im Parlament die Absetzung des Generalstaatsanwaltes betrieben. Auf der politischen Ebene ist Fußball eine beliebte Aktivität, die Millionen PeruanerInnen mobilisiert. Dieses Potential versuchen die PolitikerInnen für ihre eigenen Interessen zunutze zu machen. Es hängt davon ab, wer von Fußball profitiert und wie.

Fußball bringt also Chancen für manche, und Probleme für andere. Auf der sportlichen Ebene hat die peruanische Nationalmannschaft es nun geschafft, zur WM 2018 nach Russland zu fahren.  Aber gleichzeitig genießen andere Sportarten, die schon internationale Meisterschaften gewonnen haben (z.B. 2017 fünf goldene Medaillen in Muay Thai, Gold in Gymnastik und Gold und Bronze Jumping Jack, usw.), wenig Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit, sowie kaum Unterstützung durch den Staat.

 

César Bazán Seminario

 

Um dem Informationsdefizit über peruanische SportlerInnen, die nicht Fussballer sind, abzuhelfen, verweisen wir hier auf zwei Artikel in deutscher Sprache über peruanische Sportlerinnen – eine Ultramarathonläuferin und über Behindertensportler – finden Sie hier

https://www.ila-web.de/ausgaben/405/160-kilometer-in-30-stunden

https://www.ila-web.de/ausgaben/405/die-bedingungen-m%C3%BCssen-besser-werden

 

Eine Antwort

  1. Palamedes

    Peruanische SportlerInnen haben Gold und Bronze im Hampelmannmachen („Jumping Jack“) gewonnen? Ist das olympisch? Kommerzialisierung, Korruption und mediale Übermacht des Fußballs sind zweifellos kritikwürdig, aber sind Hampelmänner als Alternativen nicht ein wenig weit hergeholt? Oder geht es da um was anderes?

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