Vor zwanzig Jahren war Peru ein anderes Land. Dass in der Hauptstadt Bomben hochgingen, dass Strommasten vom Leuchtenden Pfad in die Luft gesprengt wurden und ganz Lima auf einmal in Dunkel gehüllt war. Dass wegen der Sperrstunden Feste nicht in Bars oder auf der Strasse, sondern in Privathäusern bis in den Morgen hinein gingen. Dass Ayacucho Sperrgebiet war und jeder der aus Ayacucho kam, sofort des Terrorismus verdächtig  wurde, und dieser Verdacht ausreichte, um ihn jahrelang im Gefängnis schmoren zu lassen. Dass – wenn überhaupt – Richter mit vermummtem Gesicht ein Urteil sprachen. Dass man sein Leben riskierte, wenn man sich in einer Nachbarschaftsinitiative oder sonstwie politisch engagierte – das alles mag kaum glauben, wer Peru heute kennenlernt und ein Land im Wirtschafts- und Tourismustaumel erlebt.

Und doch sind sie da, die Spuren der vergangenen Gewalt. Während sie im Alltag immer mehr verschwinden, tauchen sie in Kunst, Literatur, Film, Uni vermehrt auf.  Dokumentarfilme von Betroffenen wie „Caminantes de la memoria“ von Heeder Soto (http://vimeo.com/96891433) oder   „Tempestad en los Andes“ des schwedischen Regisseurs Mikael Wiström (http://vimeo.com/102177897) erzählen Geschichten, wie junge Menschen in Peru heute  mit der traumatischen Vergangenheit umgehen.

Letztes Jahr wurde die Autobiographie des Lurgio Gavilán „Memorias de un soldado desconocido“ zum Bestseller (InfoPeru berichtete darüber (http://www.infostelle-peru.de/web/ich-bin-kein-opfer-die-unglaubliche-geschichte-des-lurgio-gavilan/).

Das Gedenken ist nicht einfach: das Museum für die Opfer des Bürgerkrieges, el „Lugar de la Memoria, la Tolerancia y la Inclusión“, ragt  zwar als fertiges Gebäude über dem Pazifik, und in seinem Auditorium finden Veranstaltungen statt. Das Museum selber aber existiert noch nicht – die Parteien können sich nicht einigen, wer im Museum vertreten sein soll.

Im nachfolgenden erzählt eine junge Teilnehmerin der Ortsgruppe Lima der Infostelle Peru, die Peru erst seit kurzem kennt, wie sie die Folgen des Bürgerkrieges in Peru wahrnimmt (Hildegard Willer)

GEDANKEN BASIEREND AUF EINEM TREFFEN DER INFOSTELLE PERU IN LIMA

Eines Tages kamen Mitglieder der terroristischen Organisation Sendero Luminoso in eine Gemeinde und ermordeten gezielt die Autoritätspersonen. Wenige Tage später tauchten Polizisten auf, die nach angeblichen verdächtigen Kollaborateuren suchten. Sie nahmen einige Personen mit. Diese Personen wurden nie wieder gesehen. Dies ist nur eine exemplarische Szene der Ohnmacht und Verzweiflung in einem Staat ohne Rechte, wie Peru es in den letzten zwei Dekaden des vergangenen Jahrhunderts war.
Etwa zwanzig Jahre sind seit der brutalsten Zeit der jüngeren peruanischen Geschichte vergangen. Dies bedeutet, dass es inzwischen eine neue Generation gibt, die diese Zeit nur aus Erzählungen kennt. Hat die peruanische Jugend ein Recht, sich nicht für die Zeit des Terrorismus und des autokratischen Regimes Fujimoris zu interessieren? Doch was passiert in einem Land ohne Erinnerung? Ohne Aufarbeitung? Ohne einen klaren Bruch mit den düsteren Zeiten der Geschichte? Es besteht die Gefahr, dass die Geschichte sich wiederholt und dass die Narben nie verheilen.
Die aktuelle Diskussion um die Errichtung eines Erinnerungsortes bietet die Gelegenheit, die Entwicklungen nach dem Höhepunkt der Gewalt kritisch zu beleuchten. Dass viele Personen nicht dazu bereit sind, die Rolle des Staates in Frage zu stellen, ist unter anderem darin begründet, dass es nie einen echten Bruch mit der Vergangenheit gegeben hat. Sehr wenigen Personen wurde der Prozess gemacht. Zudem steht die Wahrheitskommission in der Kritik, paternalistisch die Landbevölkerung zu viktimisieren anstatt sie ernsthaft zu beteiligen. Eine Tendenz zu der in Form von Selbst-Viktimisierung auch Opferorganisationen von sich aus tendieren. Dies behindert die Suche nach der Ursachen – also dem was nötig ist, um Wahrheit und Gerechtigkeit zu erreichen, um die dahinterliegenden Strukturen zu verstehen und zu verändern.
Diese Suche ist keineswegs eine Aufgabe, die sich an eine Experten-Kommission delegieren lässt. Diese Suche ist Aufgabe einer Gesellschaft. In der Familie, in den Schulen, den Medien und unter Freunden muss sie geführt werden. Stattdessen herrscht in Peru ein Diskurs, in dem sehr großzügig mit dem Wort „Terroristen“ Personen kriminalisiert werden, sowie eine fast konsensuale Ablehnung des Sendero Luminoso. Doch welche waren die strukturellen Gründe, die zur Entstehung und Stärkung der Guerrilla-Organisation beitrugen? Selbst wenn man dem Sendero Luminoso seinen Diskurs des Klassenkampfs nie geglaubt hat, so ist die soziale Exklusion sicher ein zenraler Faktor gewesen. Manche Bürger hatten nie die gleichen Rechte wie der Rest der Bevölkerung. Dies hängt auch mit dem tief verwurzelten Rassismus zusammen. Ein weiteres Problem stellt die Armee dar, die weiterhin eine Kultur der Überlegenheit über die Zivilbevölkerung pflegt, anstatt für den Erhalt des Lebens einzutreten.
Es ist noch ein weiter Weg für Peru. Wird es nun die Abzweigung zur Vergessenheit oder zur Erinnerung wählen?

Alexandra Tost

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