Jedes Jahr, wenn Weihnachten vorbei ist und es in Madre de Dios wie aus Kübeln schüttet, packt Don Manuel Arguedas seine Gummistiefel, Regenjacke, Machete, Lebensmittel und

Seife für zwei Monate in sein Boot und verabschiedet sich von seiner Frau, seinen sieben Kindern und unzähligen Enkelkindern. Dann fährt er stundenlang den Fluss Madre de Dios hinunter und danach in den Nationalpark Tambopata hinein. Mitten im Wald schlägt er dann sein Zelt auf und wartet, dass ihm das Glück vor die Füße fällt.

Don Manuel Arguedas mit einer Paranuss-Kapsel in der einen und den Paranüssen in der anderen Hand

Sein Glück, das sind kokosnuss-grosse braune Früchte, die vom Baum fallen und wie eine russische Babuscchka sind.Wenn er sie mit der Machete aufschlägt, findet er darin neue kleinere Nüsse mit einer festen Schale. Manuel Arguedas, 73 Jahre alt, lebt seit seiner Jugend davon, dass er in den Wald geht und Paranüsse sammelt. Früher hat er dies als Arbeiter für große Firmen getan. Heute besitzt er eine eigene Konzession im Nationalpark Tambopata. Das heißt , der Wald gehört ihm nicht, aber er hat die Erlaubnis, drei Monate im Jahr ihn zu betreten und die herabgefallenen Paranüsse aufzusammeln und zu verkaufen.

Das Department Madre de Dios ist heute vor allem berüchtigt, weil es Goldschürfer aus ganz Peru anzieht, die den Regenwald zerstören und die Gewässer mit Quecksilber und Schweröl verschmutzen. Hinter dem schädlichen Gold-Fieber jedoch versteckt sich eine grundlegende Frage: wie kann man im Regenwald leben und Geld verdienen, ohne den Regenwald und die Umwelt zu zerstören? Denn die Bewohner Amazoniens wollen ebenso wie ihre Mitbürger in den fernen Küstenstädten ein menschenwürdiges Leben mit einigen Errungenschaften der Moderne: Bildung, Gesundheit, Mobilität, Abwechslung. Und dafür muss man Geld verdienen.

Bis heute sieht ein Teil der peruanischen Gesellschaft den Regenwald vor allem als unerschöpfliche Kammer an natürlichen Ressourcen, die man ausbeuten muss. Alles andere wäre Ressourcenverschwendung. Genau diese Haltung hat zuerst zum Kautschukfieber, dann zum Goldfieber, Soja- und Palmölfieber geführt.

Dabei war gerade Madre de Dios lange vor dem Goldfieber für seine Paranüsse bekannt. Im Gegensatz zum Goldabbau, und auch im Gegensatz zur schädlichen Weidewirtschaft, sind Paranüsse die nachhaltigste Art, aus dem Amazonas-Wald Gewinn zu machen. Sie sind ein Geschenk der Selva, das man nicht ausbeuten oder erzwingen muss. Die Paranuss-Bäume werden hunderte von Jahren alt, bis zu 60 Meter hoch und werfen, ohne jedes menschliche Zutun, in der Regenzeit hunderte von Paranuss-Kapseln ab. Der Mensch muss sie nur aufheben und aufschlagen.

Paranuss-Bäume wachsen im gesamten amazonischen Regenwald, aber erstaunlicherweise nur im Grenzgebiet Brasilien – Bolivien – Peru, dort wo Madre de Dios liegt, in so hoher Dichte, dass sich eine kommerzielle Ausbeute lohnt.

30 000 bis 40 000 Soles Ertrag, sagt Manuel Arguedas, habe er so mit der Ernte eines Jahres. Also rund umgerechnet 10 000 Euro. Nicht übermäßig viel, aber in Madre de Dios kann man davon leben.

Bis die Paranüsse auf dem Markt landen, müssen sie einen langen Prozess des Trocknens und Aufbereitens durchlaufen. Manuel Arguedas ist einer der 33 Genossenschafter der „Asociación de Castaneros de la Reserva de Tambopata Los Pioneros“ oder kurz ASCART. ASCART betreibt eine Schäl-, Trocknungs- und Verarbeitungsanlage in Puerto Maldonado. Schon wenn man das Terrain betritt, übertönt ein Clack-clack das ganze Terrain. In einem großen Saal sitzen an die dreißig Frauen vor einer Art Nussknacker und öffnen die Paranüsse, damit sie nachher weiterverarbeitet werden können. Am Ende eines komplizierten Trocknungs- und Befeuchtungsprozesses liegt die geschälte und trockene Paranuss, fertig für den Export. Ascart ist öko-zertifiziert und exportiert vor allem nach Italien.

Der große Abnehmer der letzten Jahre für Paranüsse aus Madre de Dios ist jedoch Südkorea, wo der Verbrauch der Paranuss wegen ihres gut aufnehmbaren Selen-Gehalts besonders gefördert wird.

Im Zuge der internationalen Marketing-Kampagne für Superfoods erfährt auch die Paranuss eine erhöhte Nachfrage. „Nur mit Sammeln der Paranüsse, die von den Bäumen auf natürliche Art abgeworfen werden, können wir die Nachfrage nicht decken“, sagt Ronal Corvera vom Peruanischen Amazonas-Institut IAAP. Das IAAP experimentiert deswegen seit einiger Zeit mit dem Plantagenanbau von Paranuss-Bäumen. „In nachhaltiger Agroforst-Wirtschaft, so dass auch andere Bäume und Sträucher angebaut werden können“, betont Corvera. In Brasilien und dem benachbarten Bolivien sind Paranuss-Plantagen bereits gang und gäbe.

Don Manuel Arguedas Söhne gehen nicht mehr mit ihm in den Wald. Das mehrmonatige Campen abseits der Stadt empfinden sie als zu beschwerlich. Viele der Paranuss-Sammler sind deshalb fortgeschrittenen Alters.

Aber es gibt auch eine junge Generation von Paranuss-Sammlern, die zwischen Stadt und dem Regenwald pendeln, der Slowfood- und Umweltbewegung angehören. So wie Sofia Rubio, die von ihrer Mutter die Paranuss-Konzession übernommen hat und ihr Produkt neuartig verarbeitet (www.shiwi.pe) . Dem Plantagen-Anbau von Paranüssen steht sie skeptisch gegenüber. „Bevor man in Plantagen investiert, soll man lieber in den Erhalt des jetzigen Waldes investieren“.

Auf dem Biomarkt in Lima verkauft sie gewürzte Paranuss-Blättchen und jeden März lädt sie ein zur „Paranuss-Route“. Interessierte können dann mit ihr in den Wald gehen, dort mehrere Tage übernachten und ebenso wie Don Manuel darauf warten, dass ihnen ihr Essen vor die Füße fällt.

Hildegard Willer

 

Diese Reportage ist Teil der Reportageserie aus dem peruanischen Regenwald, ein Projekt der Infostelle Peru mit Unterstützung von Caritas International und der Erzdiözese Freiburg.

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