Hardliner Kardinal Juan Luis Cipriani war einst der mächtigste Mann in der peruanischen Kirche. Mit Papst Franziskus in Rom, einem Pädophilie-Skandal in seiner Kirche und einem laizistischen neuen Präsidenten PPK schwindet seine Macht nun  behende.

Der peruanische Jurist und Publizist Luis Pásara setzt sich seit Jahren mit den theologischen, politischen und sozialen Vorstellungen von Kardinal Juan Luis Cipriani auseinander.

Ein Dauerthema des Kardinals von Lima ist das von Mann und Frau.
Sein Credo: „Gott setzt den Vater über seine Kinder und alle sollen ihm Respekt zollen… Die Mutter schaut, dass alles zuhause gut funktioniert. Das ist das Wort Gottes… Der Vater ist die maximale Autorität, die Mutter ist ein wenig die, die den internen Ablauf im Haus macht… Sie organisiert die Geburtstagsfeste, schaut, dass die Kleidung sauber ist, stellt Blumen in die Zimmer, belehrt die Kinder, damit ihnen nichts geschieht“… Ansichten aus dem Mittelalter? Nein, laut Pásara erklärte das der heutige Kardinal Cipriani noch im Jahr 1999.

Familienpolitischer Hardliner
Ähnlich sind seine politischen Ansichten:
Jegliche Form von Abtreibung, auch eine nach einer Vergewaltigung, lehnt er ab.
Er verkündet ein klares Nein zu Ehescheidungen – unter keinen Umständen.
Eheschließungen sind für ihn quasi ein Naturrecht, von Gott so eingesetzt und gelten für jede Gesellschaft zu jeder Zeit.
Zivile Eheschließungen sind seiner Meinung nach nur eine Absicht, dass die Partner eine Zeit lang zusammen leben wollen.
Er fordert für Familien ab dem dritten oder vierten Kind Steuerfreiheit bzw. andere finanzielle Anreize durch den Staat.
Er fordert, dass das Ministerium für Frauen und besonders gefährdete Bevölkerungskreise in ein Familienministerium umgewandelt wird, um endlich mit der ungesunden Vorstellung der Gender-Ideologie aufzuhören. Denn das untergrabe die natürliche Ehre der Frau als Frau und Mutter.

 

Da viele deutsche Partnerschaftsprojekte mit katholischen Institutionen und Gemeinden stattfinden, ist ein Blick sinnvoll auf weitere Aktionen des ersten peruanischen Bischofs, der vom polnischen Papst Johannes Paul II. als Mitglied des rechten Kirchenbündnisses Opus Dei berufen wurde. Cipriani war zunächst Weih- und dann Erzbischof in Ayacucho und kam von dort 1999 als Erzbischof nach Lima. 2001 wurde er zum Kardinal von Peru ernannt.

Auch unter dem bayerischen Papst Benedikt hatte das Opus Dei, bis zu dessen Rücktritt 2013, starken Einfluss. Im Verbund von Vatikan und Cipriani gab es Repressalien gegen bekannte Vertreter der Befreiungstheologie in Peru. Andere Aktivitäten von Kardinal Cipriani:Er strengte einen Prozess gegen die Katholische Universität von Lima an, um deren Immobilien und mehr Einfluss auf die Lehre zu bekommen. Hierbei erhielt er Unterstützung durch einflussreiche Unternehmen wie  der konservativen Zeitung El Comercio.

Plagiat und Pädophilie-Skandal

Am 13.8.2013 wurde der argentinische Papst Franziskus gewählt. Am 15.10.2013 entließ er Kardinal Tarcisio Bertone aus der Führungsmannschaft des Vatikans. Damit verlor Cipriani seinen Fürsprecher im Vatikanstaat. Im Oktober 2015 wird Cipriani des Plagiats überführt:  er hatte ohne Quellenangaben einen Text von Ex-Papst Benedikt in seiner Kolumne in der Zeitung El Comercio veröffentlicht. El Comercio entzog ihm daraufhin diese wichtige Möglichkeit zur Meinungsbeeinflussung. Im Oktober 2015 wurde bekannt, dass der Gründer der ultra-konservativen katholischen Bewegung Sodalitium Christianae Vitae,  Luis Figari, sexuelle Übergriffe an Kindern und Jugendlichen begangen habe. Kardinal Cipriani unterstützte Figari wegen „unbewiesener Vorwürfe“. Danach distanzierte sich der Kardinal von der einst einflussreichen religiösen Bewegung Sodalitium, obwohl er sie jahrelang unterstützt hatte. Dass die Erzdiözese Lima seit Jahren von diesen Pädophilie-Vorwürfen wusste und nicht eingeschritten war, kam im Vatikan überhaupt nicht gut an.

Cipriani in Katholischer Universität entmachtet

Erst nach der Machtübernahme von Papst Franziskus und der Abbesetzung des zuständigen Staatssekretärs im Vatikan wurde der Weg frei für eine Konsenslösung zwischen der Katholischen Universität und dem Vatikan.  Der Vatikan setzte dabei auf die Bischofskonferenz Perus und überging somit den Kardinal. Seit 12. August sitzen fünf vom Vatikan bestimmte peruanische Bischöfe im Aufsichtsrat der Katholischen Universität – Kardinal Cipriani ist nicht darunter. Die Kontroversen zwischen dem Vatikan und der Katholischen Universität Perus wurden inzwischen durch ein gemeinsam ausgehandeltes neues Statut beigelegt. Kardinal Cipriani spielte bei diesen Gesprächen  keine Rolle mehr.

Offene Frauenfeindlichkeit

Im August 2016 übertraf Kardinal Cipriani seine ohnehin frauenfeindlichen Standards. Es ging um die Vergewaltigungen und frühe Mutterschaft von Kindern und jungen Frauen ab 11 Jahren in Peru. Hierzu gab es ein breites Bündnis mit einer Großdemonstration „ni una menos“ mit über hunderttausend Demonstrantinnen und Demonstranten in ganz Peru, vor allem in Lima. Die Aussage von Cipriani war: Die Schuld haben nicht die Vergewaltiger sondern die jungen Frauen, die sich heute so provozierend anziehen würden. Katholische Organisationen wie „Católicas por el Derecho a decidir“ (Katholische Frauen für das Recht, sich zu entscheiden) kritisierten  diese Aussagen des Kardinals, denn mit solchen machistischen Predigten schüre er sexistische und vulgäre Handlungen von Männern und trete die christliche Gute Botschaft mit Füßen.

Verlust politischen Einflusses

Am 22.August 16 entschied ein peruanisches Gericht, dass der Staat die sog. Pille danach kostenlos abgeben kann. Kardinal Cipriani, an der Spitze eines entsprechenden Netzwerkes, hatte seit Jahren seinen Einfluss in der Politik geltend gemacht gegen diese Massnahme. Der neue Präsident Perus, Pedro Pablo Kuczynski, scheint sich bisher dem Willen des Kardinals nicht zu beugen: er stellte sich offensiv vor seine von dem Kardinal angegriffenen Familien- und Gesundheitsministerinnen, und verteidigte öffentlich die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft.
Fortschrittliche Katholiken in Peru sehen, dass der Opus Dei -Kardinal nicht mehr allmächtig ist und hoffen darauf, dass von Papst Franziskus bald eine Einladung an Cipriani geht, seinen Purpurhut abzugeben und nicht zu warten, bis er  im Jahr 2018 die vorgesehene Altersgrenze erreicht.
Konservative Gläubige und ihnen nahestehende Personen aus Politik und Wirtschaft beklagen den Verlust des Einflusses „ihres“ Kardinals. Worin sie, diesmal, sogar Recht haben.

Heinz Schulze

(Quellen:  Tercer Piso, Jose Alejandro Godoy; El cardenal que no amaba a las mujeres, 4.8.16; El Comercio, Dialogos de Fe in RPP de Cipriani, Todas contra el silencio, La República, 9.8.16; Otra Mirada, Francisco Durand, Lima, 3.9.16;Católicas por el Derecho a Decidir, Nota de Prensa, Lima o.D.; Luis Pásara: Cipriani como actor politico“; facebook-Eintragung: Cipriani el Trumpp peruano)

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