Nur 20 Kilometer entfernt von Caral, der ältesten Stadt ganz Amerikas, und knapp 200 Kilometer nördlich von Lima funktioniert in Barranca, Paramonga, die Zuckerfabrik AIPSA. Keine 10 Meter davon entfernt lebt Isabel Caro in „Nueva Esperanza“, „Neue Hoffnung“ –  trotz des bombastischen Namens eine Armensiedlung.

Von Hernán Padilla und Sandra HuaringDer Rauch aus der Fabrik malt den Himmel grau und ein Zuckerrohr-Ascheregen, „bagacillo“ genannt, begleitet den Rauch, um sich später in den Ecken und Wänden der Häuser nieder zu lassen, an den Türen und  Böden, auf frischgewaschener Wäsche, auf den Drahtzäuenn, den Fenstern und in den Lungen der 600 Familien, die in der Neuen Hoffnung leben.
Isabel Caro hat ihre Glasfenser mit grünen Moskitonetzen verhängt. Um 2 Uhr nachmittag sind sie bereits grau vom „Bagacillo“, der dort hängengeblieben ist. Die 18jährige Tochter leidet an Astma und hustet ständig. Sie ist davon überzeugt, dass die dreckige  Luft daran schuld ist, die aus den Fabrikschloten geblasen wird. Montags bis Sonntags, 24 Stunden am Tag.
Seit 1999 produziert AIPSA Zucker für den Grosshandel. Das, obwohl die verpflichtende Umweltstudie der Firma vom Landwirtschaftsministerium zurückgewiesen wurde, da „die Luft den erlaubten Feinstaubgehalt und den Durchmesser pro Staubpartikel überschreitet“. Beide Werte sind Teil des offiziellen Umwelt-Standards und Teil der Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation.
Streit um die Luft

Charakteristisch für eine Lungenfibrose ist die Hämoptyse: die betroffene Person leidet unter Hustenanfällen und hustet Blut aus den Lungen. Genau diese Symptome zeigte Adela Mendoza, bevor sie im Dezember 2011 starb.

Auf dem ärztlichen Attest No 3708105 vom 11. Februar 2011 steht, dass die 56-jährige Adela an chronischer Bronchitis und Lungenfibrose litt. Im Juli desselben Jahres kam eine Röntgenaufnahme zum selben Ergebnis, und stellte zudem Anzeichen einer Infektion fest. Als die Tochter Viviana Florentino die Firma AIPSA darum bat, die Kosten für die Behandlung der Mutter zu übernehmen, bekam sie zur Antwort, die Firma sei nicht dazu verpflichtet, aber aus „Solidarität“ würden sie ihr jeden Monat 500 Soles (rund 125 Euro) zahlen.

Narciso Diaz ist Gemeindevorsteher von Nueva Esperanza und wie alle Nachbarn, atmet er die staubhaltige Luft ein. Jeden Morgen, bevor er zur Arbeit geht und jeden Abend, wenn er zurückkehrt. Vor vier Jahren beschloss er, den Protest der Betroffenen anzuführen und das Unternehmen zu verklagen.
Aber während die Behörden sich in ihrer Bürokratie verheddern, verbrennt und mahlt AIPSA weiterhin Zuckerrohr, obwohl die Gesetzeslage klar ist: „keine private Institution darf ihre Aktivität aufnehmen, solange sie keine gültige Umweltgenehmigung vorliegen hat“..

Dazu kommt die Resolution der Zivilschutzbehörde, die besagt, dass das Fabrikgebäude nicht den gültigen Sicherheitsstandards entspricht. Dennoch hat weder die Stadt Barranca noch das peruanische Umweltministerium die Fabrik stillgelegt.

Im Gegenteil: angesichts der Proteste hat das Unternehmen beim Landgericht in Huacho Klage eingereicht gegen Yofre López wegen erschwerter Diffamierung. Yofre Lopez ist einer der Journalisten, die die Luftverschmutzung aufgezeigt haben. Das Unternehmen leugnet diese Tatsache auch gar nicht, sagt aber, dass die Luftverschmutzung noch andere Ursachen habe und man keine schlüssige Verbindung zwischen Luftverschmutzung und den Krankheiten ziehen könne.

Auch das peruanische Präsidialministerium ignoriert die Anschuldigungen der Bevölkerung. Die staatliche Ombudsstelle dagegen hat die Klagen aufgenommen in ihre Liste sozialer Umweltkonflikte.
Mit der Schlichtung beauftragt ist die staatliche Dialogbehörde ONDS. Die Firma soll verpflichtet werden, zwei Luftmess-Stationen aufzustellen, um die Luftqualität für Feinstaub messen zu können. Die Investition würde 42000 US-Dollar kosten.

Die Proteste haben auch die Bevölkerung selber gespalten. Miriam Leon, z.Bsp. weiss, dass der grosse Kamin ihre Lungen täglich bedroht, aber ihr Sohn arbeitet in der Firma und möchte nicht, dass sie geschlossen wird. Es ist seine einzige Arbeitsmöglichkeit. In der Firma selber, so meinte ein weiterer Bewohner von Nueva Esperanza, der nicht namentlich genannt werden wollte, trügen sie Schutzanzüge, Handschuhe und Mundschutz. „Draussen haben wir das nicht. Aber wo gibt es schon keine Umweltverschmutzung ?“

Von Hernán Padilla und Sandra Huaringa, KLima-Reporteros

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