… nach ihrem Tod.
Maria Marmérita Mestanza Chávez war 37 Jahre alt und erwartete ihr siebtes Kind. Am 13.11.1997 ging sie zur Geburt ihres Kindes zum Gesundheitsposten in La Encanada in der Nähe der Nordandenstadt Cajamarca. Sie und ihr Mann wurden vom damaligen Gesundheitspersonal aufgefordert, möglichst bald nach der Geburt wieder zu kommen, um sich sterilisieren zu lassen. Es gäbe ein Gesetz, dass verlange, dass Frauen mit vielen Kindern sich sterilisieren lassen müssten. Wenn die Frau das nicht mache, komme ihr Mann für lange Zeit ins Gefängnis.
Am 27.3.1998, vier Monate nach der Geburt ihres Sohnes und nach einigen heftigen Ermahnungen des Gesundheitspersonals von La Encanada, ging Maria Marmerita zum Gesundheitsposten. Ihr Mann wartete draußen. Marmérita wurde operiert und klagte danach über starke Schmerzen. Das würde sich geben, so das Gesundheitspersonal. Aber zuhause entzündete sich die Wunde im Unterleib. Eine Nachkontrolle wurde vom zuständigen Arzt verweigert. Am 4.4.1998 starb Maria Marmérita Mestanza.
Diese Zwangssterlisierungen waren Teil des Programms der damaligen Diktatur unter Präsident Fujimori. Die Zwangssterilisierungen standen – so die offizielle Lesart – im Dienste der Armutsbekämpfung. Im Zuge dieses öffentlichen Programms war das staatliche Gesundheitspersonal in ländlichen Regionen verpflichtet, möglichst viele Sterilisierungen durchzuführen. Bei Nichterfüllung der Norm drohten ihnen berufliche Nachteile, bei Normerfüllung erhielten sie Prämien.
Der Mann von Maria Marmérita zeigte den zuständigen Arzt, Martin Omerio Gutierrez, wegen Todschlag durch Nichtversorgung an. Erst im August 2017 wurde Maria Marmérita M. in das offizielle Register für zwangssterilisierte Frauen  aufgenommen. Nach langen 19 Jahren erhielt ihr Witwer eine Entschädigung in Höhe von ca. 10.000,-€. Die hätte er als alleinerziehender Vater dringend brauchen können,  als die Kinder kleiner waren.
Viele andere Frauen warten immer noch auf Gerechtigkeit.

 
Die Journalistin Melisa Goytizola von der peruanischen Tageszeitung La República recherchierte über die Zwangssterilisierungen bei Frauen im Regenwald und in den Anden. Im Regenwald fuhr sie in die Region Ucayali, in Dörfer, die acht Stunden mit dem Boot von der Urwaldstadt Pucallpa entfernt liegen. Eine befragte indigene Frau war Virginia Vasquez Mejia aus dem Dorf Caimito (Provinz Coronel Portillo). Sie berichtete, dass sie vom vertrauensvoll erscheinenden Personal des dortigen Gesundheitspostens zu einem Gesundheitscheck und zur Abgabe von kostenloser Medizin für ihre Familie eingeladen wurde.  Einmal im Gesundheitsposten,  erhielt sie sofort eine Narkosespritze und wurde sterilisiert. Auf die Frage, warum sie unten so starke Schmerzen hatte, antwortete der Krankenpfleger lapidar, dass man sie sterilisiert habe, damit sie keine Kinder mehr bekomme. Ähnliche Erfahrungen schilderten andere Frauen in dieser Provinz.

In den Anden, in Dörfern mit quechuasprachiger Bevölkerung, in den Distrikten Maras und Paucartambo, interviewte die Journalistin weitere Frauen. Einige Frauen berichteten, dass sie  direkt von ihrem Kartoffelacker in den Krankenwagen gezerrt worden waren. Rudesinda Quillahuamani A. wurde mit 24 Jahren sterilisiert, auch ohne ihr Einverständnis und mit der Lüge einbesellt, ihr Baby würde eine kostenlose Impfung bekommen. Ihr wurde eine Erklärung vorgelegt, die sie mit ihrem Daumenabdruck unterzeichnen sollte,  es sei eine Einverständniserklärung für die Impfung, wurde ihr gesagt.  Es war aber eine Einverständniserklärung für die Sterilisierung. Damit sah es nach einem akzeptierten Eingriff aus. Die Krankenschwester im Gesundheitszentrum Viscochoni (Distrikt Colquepata) rief ihr nach dem Eingriff hinterher: Das ist deshalb, weil ihr euch wie die Meerschweinchen oder die Ziegen vermehrt.
Während ihrer Recherchereise hat Melisa Goytizola über 50 Frauen interviewt, die z.T. mit brutaler Gewalt oder mit falschen Versprechungen sterilisiert wurden. Die Zeugenaussagen wurden im Februar 2017 dem zuständigen Staatsanwalt Luis Landa übergeben. Bis August 2017 wurde dieser noch nicht aktiv.

Offene Fragen:
War das Sterilisierungsprogramm so geheim, dass die Vertreter der katholischen Kirche, z.Bsp.  der Ortspfarrer von La Encanada oder der Bischof in Cajamarca nichts mitbekommen haben ?
Haben die damaligen Distrikt- und Provinzverwaltungen in La Encanada und Banos del Inca (bei Cajamarca) nichts gewusst?
Warum haben  die Verantwortlichen der Evangelikalen wie das Movimiento Misionero Mundial und andere nicht protestiert? War ihnen ihr gutes Verhältnis zur Fujimori-Regierung wichtiger als ein Eintreten für diese brutale Form der Geburtenregelung?
Haben die in dieser Zeit in diesen Regionen tätigen Frauenprojekte nichts von diesen Machenschaften gewußt und haben sie nichts gesagt?

Heinz Schulze

(Aus: La República.pe.1070469, 6.8.17 und Melisa Goytizola in
„Mujeres shipibos y quechuas revelan. Nos esterilizaron a la fuerza, La Republica pe. 848867, 16.2.2017) 

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