Die Bilder und Berichte gehen in den Medien rauf und runter: Land unter in Peru. In weiten Teilen des Landes reißen derzeit Schlammfluten Häuser, Straßen und Brücken mit sich. Lima, die Stadt in der Wüste, steht teilweise unter Wasser. Was ist da los? Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang mit dem noch rätselhaften Klimaphänomen El Niño Costero (Küsten-El-Niño), das sich bislang nur auf die Pazifikküste vor Peru und Ecuador beschränkt. Das Meereswasser vor der Küste ist um rund fünf Grad wärmer als um diese Jahreszeit üblich. Das warme Wasser sorgt für eine stärkere Verdunstung, dadurch bilden sich mehr Wolken als sonst, die wiederum an den Anden abregnen. Die heftigen Regenfälle haben die Flüsse anschwellen lassen und die dramatischen Überschwemmungen und Erdrutsche ausgelöst. Ganze Ortschaften wurden durch die reißenden Ströme zerstört – das Gefälle von den Anden zur Küste hat die Lage noch verschlimmert.

Mindestens 90 Menschen kamen bisher ums Leben, insgesamt sind mehr als 900.000 Menschen betroffen, davon 120.000, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Die Schulen, Kindergärten und staatlichen Universitäten in Lima blieben mehr als eine Woche geschlossen. Tagelang war die Trinkwasser-Aufbereitung in der Hauptstadt wegen der Fluten und des mitgeführten Gerölls stark eingeschränkt, die Menschen versammelten sich mit Eimern und Kübeln an Straßenecken und warteten auf die Wassertanker, die sie mit dem kostbaren Wasser versorgen. Mittlerweile hat sich die Situation in Lima etwas stabilisiert, aber im Norden des Landes, vor allem in Piura, Trujillo und Lambayeque, regnet es weiter.

Um die Welt ging vor allem das Video von Evangelina Chamorro, 32, aus Punta Hermosa, einem Strandort in der Nähe von Lima. Eine Schlammlawine riss dort Häuser und Hütten, Felsbrocken und Holzbalken, Menschen und Kühe mit – und Evangelina. Komplett mit Matsch überzogen und völlig entkräftet kann sie sich ans Ufer retten und wird zum Symbol des Überlebenskampfes in Peru.

Die Solidarität im Land ist groß. Hilfsorganisationen und Katastrophenhelfer sind unterwegs und versorgen die unmittelbar Betroffenen mit Wasser, Lebensmitteln und Obdach. Soziale Einrichtungen, NGOs, Schulen und Privatpersonen sammeln seit Wochen Spenden, fahren in betroffene Gebiete, helfen beim Wiederaufbau. In den sozialen Netzwerken liest man von Spendenaufrufen, Benefizaktionen bis hin zu der Geschichte des jungen Mannes, der mit Surfbrett und aufblasbarem Einhorn in Regenbogenfarben durch die überflutete Stadt Piura  – sonst Ausgangstor zu den beliebten Sand- und Surferstränden im Norden – paddelt und Eingeschlossene aus ihren Häusern holt.

Quelle: El Comercio

Gleichzeitig ist in Peru die Debatte entbrannt, ob wirklich nur das Wetter an dem ganzen Chaos schuld ist oder ob auch die Behörden beim Katastrophenschutz versagt haben. Im Nachbarland Ecuador, wo es ähnlich stark regnete, sind die Hochwasserschäden viel geringer. Dort hatte die Regierung zuletzt viel Geld in den Bau von Dämmen und Uferbefestigungen investiert. Die dreistelligen Millionenbeträge, die im peruanischen Staatshaushalt für eben diese Investionen vorgesehen waren, wurden zu großen Teilen nicht genutzt, sondern in andere Projekte gesteckt. Dabei gibt es fast jedes Jahr zur Regenzeit Überschwemmung auf der Westseite der peruanischen Anden, die Hänge sind dort kahl, die Böden trocken und sandig, sie nehmen kaum Wasser auf. Diesmal ist es nach Angaben lokaler Medien so schlimm wie seit fünfzig Jahren nicht mehr.

Obwohl sich mehr als die Hälfte der 1800 Distrikte im Notstand befinden, verzichtet Staatspräsident Pedro Pablo Kuczynski auf die Ausrufung des nationalen Notstandes. Er befürchte eine Welle der Korruption, Bauprojekte ohne Wettbewerb und Lizenzvergabe, sagte er in einem Interview mit der CNN. Der jüngste Korruptionsskandal um Odebrecht (siehe unser Blog-Beitrag) liegt erst wenige Monate zurück. Kuczynski sagte, seine Regierung werde in Kürze einen großen Plan zum Wiederaufbau des Landes vorlegen.

Einstweilen sind aber vor allem die am schwersten betroffenen Gebiete im Norden Perus auf internationale Hilfe angewiesen. Sogar das sozialistische Krisenland Venezuela, das derzeit wahrlich nichts zu verschenken hat, schickte 100 000 Kartons mit Grundnahrungsmitteln.

Bis Anfang April sollen die heftigen Regenfälle noch andauern.

Nachtrag: Am 22. März war Internationaler Tag des Wassers. Viele Umweltorganisationen, Aktivisten und Bergbaukritiker nutzten den Tag, um auf giftige Überreste von Minen (Schwermetalle, Arsen, Zyanid) hinzuweisen, die sich knapp 100 Kilometer von Lima entfernt befinden – direkt am Ufer des Flusses Rímac. Es sei nur eine Frage der Zeit, warnten sie, bis ein noch stärkeres Hochwasser oder ein Erdbeben diese tickende Zeitbombe ins Wassersystem der 10-Millionen-Stadt einspüle und damit die Wasserversorgung für unbestimmte Zeit unterbrechen würde. Ein Horrorszenario. Auf Druck von Umweltorganisationen beschloss die Regierung mit dem Energie- und Bergbauministerium, die giftigen Bergbauabfälle zu beseitigen. Fünf Jahre später ist nichts passiert und das verantwortliche Unternehmen beantragt erneut eine Aufschiebung der Aufräumarbeiten. Hoffentlich wird sich das nicht in der näheren Zukunft übel rächen. Denn letzten Endes kann man Gold, Kupfer, Silber nicht trinken. Agua Si, Oro No.

 

Eva Tempelmann

(übernommen aus https://emaroja.com/)

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