Als die Bauern in Quispillacta, Ayacucho, bemerkten, dass die Trockenperioden immer länger gingen, besannen sie sich auf das Wissen ihrer Grossväter und –mütter. Die wussten, wie man natürliche Lagunen so befestigen kann, dass sie Regenwasser besser und länger speichern. Vor drei Tagen erhielt die Initiative „ Wasser säen und ernten“ der Bauern aus Quispillacta den Preis des peruanischen Umweltministeriums, weil sie traditionelles und modernes Wissen aufs Vorbildlichste vereinen würden.
Das Projekt aus Ayacucho (in den südlichen Anden Perus) wird im Buch „Sumaq Kawsay“ dargestellt. Darin stellt das Kinderhilfswerk terre des hommes unter dem Motto „Sumaq Kawsay – Schön leben“,  Initiativen von Projektpartnern vor, die sich auf den Weg gemacht haben, das „Buen Vivir“ in die Praxis umzusetzen.
„Buen Vivir“ wird von indigenen Gruppen Lateinamerikas als Gegenmodell zur westlichen Modern gerne im Munde geführt. Auch in Deutschland sprechen immer mehr Leute vom „Sumaq kawsay“. Zumindest in dem Umfeld, wo über Alternativen zum herrschenden Entwicklungsmodell und zur Nachhaltigkeit des modernen Weltbildes diskutiert wird, wie in Stiftungen, Vereinen, Gruppen von Aktivisten und Universitäten.
Buen Vivir in der Stadt ?
Das Problem: 70% der Peruaner leben nicht in einem abgelegenen Andendorf, sondern in einer der grossen Städte. Alleine in Lima sind es 9 Millionen, ein Drittel aller Peruaner. Und wenn man die Andendörfer besucht, so trifft man dort in der Regel sehr viel mehr ältere Menschen als junge. Die Jungen zieht es in die Stadt.
Rocio Valdeavellano von der Bewegung der peruanischen Zivilgesellschaft gegen den Klimawandel MOCICC ist sich dieser Tatsache wohl bewusst. Dennoch hat sie dazu mehr Fragen als Anworten. „Wir können nicht einfach den Weg der industrialisierten Länder gehen, dazu bräuchten wir mehrere Planeten. Aber wir können auch nicht wie die Bauern in den Hochanden leben“. Und auch die Menschen in traditionellen Lebensweisen müssen Wege finden, in die Moderne zu gelangen, ohne ihre kulturelle Identität aufzugeben. Rocio Valdeavellano sieht erste Ansätze bei jungen Menschen in Lima, die ökologisch – alternativ leben: das Fahrrad statt Auto benutzen, ihre Dinge an einem Tauschmakt erwerben oder sich eine Öko-Gemüse-Kiste ins Haus liefern lassen.
Wenn über “Buen Vivir“, also „Gutes Zusammenleben“ diskutiert wird, werden meistens die Beispiele Ekuador und Bolivien genannt, da diese Länder das „Buen Vivir“ als Leitprinzip in ihre Verfassungen aufgenommen haben. Aber was ist mit dem Land in der Mitte? Mit dem Land, wo der Bauchnabel der Welt zu Hause ist und wo sich die Inka-Hauptstadt befindet? Dem Land, wo der Amazonas-Fluss entsteht, Peru?
Rocío Valdeavellano beklagt, dass die Debate über Alternativen zum herkömmlichen Wachstumsmodell in Peru praktisch nicht geführt wird – anders als in Ekuador und Bolivien, wo das „Buen Vivir“ zwar nur auf dem Papier stehen mag, aber dieses immerhin zu Diskussionen Anlass gibt.
Die indigenen Bevölkerungsgruppen und die verschiedenen Gemeinschaften in den Anden besitzen eine andere Lebensart als die der westlich-städtischen. Julio Valladolid von der NGO Pratec sieht den grössten Unterschied zwischen den Lebensweisen im Verlust des Respekts gegenüber der Natur. So ist „Buen Vivir“ keine Utopie, die erst erreicht werden muss; dieses materielle und spirituelle Wohlbefinden wird bereits gelebt.
„Buen Vivir“ ist also kein alternatives Instrument für nachhaltige Entwicklung. Man kann es nicht konzeptualisieren oder gar als staatliches Entwicklungsmodell einführen. Es ist eine Ausdrucksform dessen, wie man das Leben und die Welt erlebt, und muss je nach Kontext angepasst und angenommen werden muss. „Buen Vivir ist keine Idylle, kein paradiesischer Zustand “ –  warnt  Julio Valladolid vor einer Überinterpretation des Begriffs..
Valeria Mouzas/Hildegard Willer

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