Ein typischer Morgen in Lima: Ein übervoller Bus, hupende Pkws in langen Schlangen und ein Fahrradweg ohne Radfahrer.
Lima erwacht;  man trinkt seinen Kaffee, geht aus dem Haus und steigt  in den übervollen Bus. Gleich nebenan ein sauberer Weg, ohne Verkehr, ohne Verspätungen, aber leer. Nur zwei Ampeln weiter und der Fahrradweg ist ausser Sicht bis zur Heimkehr am Abend.  Die Radfahrer? Sitzen in den Bussen. Und das Gefährt? Bleibt zu Hause. Die Drahtesel existieren, dennoch reizt es Limas Bewohner nicht. darauf durch die Straßen zu ziehen und  den wilden Bussen hinterherzufahren. Laut Statistik gab es im Jahr 2013 in 30% der Haushalte in Lima mindestens ein Fahrrad, mehr als Autos oder Mofas. Nach dieser Statisik wird das Fahrrad eher für Wochendausflüge und nicht als Transportmittel genutzt – vor allem da die Stadt keine sichere, attraktive Möglichkeit bietet, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen. Weitere Faktoren verletzen die Rechte und gefährden das Leben der Radfahrer. Das Gefühl der Unsicherheit in Lima hat auch die Radfahrer erfasst.

Was ist nur los in der Hauptstadt ? Es reicht einen Schritt aus dem Haus zu gehen um dies zu spüren: respektlose Autofahrer, nicht durchgängige Fahrradwege mit ungenügender Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, wie den „Metropolitano“, die Metro („tren eléctrico“ oder  die Buslinie „Azul-promovido“. Hinzu kommen gleichgültige  Verkehrspolizisten und ein Verkehrssystem, in dem Fahrradfahrer nicht vorgesehen sind.
Das sind die Zutaten für ein Gericht für Fahrradfahrer, von welchem Millionen von Hauptstädtern nicht probieren wollen, da schon die Aussicht  den Geschmack verdirbt. Das nicht-motorisierte Verkehrssystem in Lima braucht dringend eine Erneuerung.

Als Strategie zur Förderung des Radfahrens erfand die Stadt Lima den „ciclodía“, den Tag des Fahrrads.

Ein Vormittag pro Woche für´s Fahrrad

Jeden Sonntag vormittag wird die Avenida Arequipa , die von Miraflores bis in den Rand der Altstadt Limas führt, für den Autoverkehr gesperrt.   Junge und alte Fahrradfahrer, Skateboarder, Inliner und Fussgänger bevölkern dann die Avenida.
Viele Radfahrer finden jedoch, dass diese Sonntagsaktivität zwar eine Freizeitwert hat, aber der Förderung des Fahrrades als Verkehrsmittel nicht dient.  „ Die Fahrradwege entwickeln sich so zu einem Erholungsgebiet oder zu Treffpunkten. Ob es einen eigenen Radweg gibt, beeinflusst das Fahrverhalten bis zu einem gewissen Punkt, aber es ist nicht unser Hauptmotiv“ versichert Octavio Zegarra. Er ist Vorsitzerder der Fahrrad-Aktivisen „CicloAxión“  und möchte gerne, dass mehr Limenos das Fahrrad als alltägliches Transportmittel für sich entdecken.

Octavio kommt aus Lima und von klein an,  wagte er sich mit seinem Rad in den Großstadtjungel . Seine Angst und die seiner Mutter liess er dabei zu Hause.
Da die Limenos ihr Gefühl der Unsicherheit im öffentlichen Raum von Generation zu Generation weitergeben, ist auch die Nicht-Fahrrad-Kultur  in gewissem Masse erblich.  „ Es ist mehr als eine Kultur. Es ist eine Frage der Wahrnehmung. Das Gefühl von Sicherheit muss man sich hier selber verschaffen; man kann nicht darauf warten, dass dies jemand für einen tut. Die Leute glauben schon zu sterben, wenn sie nur für zwei Minuten auf ihr Fahrrad steigen. Das ist natürlich nicht so“, versichert der junge Radler energisch und ironisch zugleich. Zwei Regeln muss man beachten: auf den Straßen Limas gilt der als Stärkster, wer das größere Gefährt besitzt. Und auf der Strasse kann ein Fahrrad das Leben kosten.

Unsichtbar für Autofahrer

Für viele Fahrradfahrer ist die starke Aggressivität der Bus und PKW-Fahrer ein Problem, mit dem sie tagtäglich konfrontiert werden.
„ Für mich hat Lima die rücksichtslosesten Fahrer, die ich kenne“ beschreibt Hildegard Willer empört. Deutschland ist ihr Heimatland, aber sie wohnt seit 1999 in Peru und fährt seit ca. 12 Jahren Fahrrad in Lima. Willer ist Journalistin, Universitäts-Dozentin und erwartet, dass jeder Autofahrer seinen Abstand zu den Radfahrern hält.  Die Verkehrsregeln gelten zwar auch in Peru für motorisierte wie nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmer. Nur die Praxis sieht anders aus.
Die einziges schriftliche Norm zu Gunsten der Fahrradfahrer  besagt, dass Autos, die auf Radwegen parken, entfernt werden müssen. Dafür können Autofahrer eine Busse von rund 35 Euro bekommen.
In Deutschland gäbe  es auch eine Art „ Krieg“ zwischen Fahrrad- und Autofahrern auf der Straße,  sagt Hildegard Willer, „aber die Fahrradfahrer besitzen eine viel stärkere Position als hier. Hier sind wir völlig unsichtbar“.

Dass Autos auf Fahrradwegen parken, einen nicht vorbei vorbei lassen, den Weg abschneiden oder nur wenige Zentimeter Abstand lassen, ist das tägliche Brot eines jeden Radfahrers, unabhängig von seiner Erfahrung. Der Bau weiterer Fahrradwege könnte vielleicht mehr Sicherheit schaffen. Dies ist jedoch ein weiteres Problem: 1992 wurde der erste Fahrradweg von nur 6km auf der Avenida Arequipa eingeweiht. Laut Verkehrsministerium sind danach neue Wege in einer Länge von insgesamt 57 km hinzugekommen.

Bis 2010 wurden die Radwege auf 110 Kilometer  ausgebaut und aktuell werden im Laufe von 4 Jahren 2 weitere km konstruiert, informiert „ „Lima como vamos“. Allerdings sind die bestehenden Wege schlecht untereinander verbunden.
Einige Stadtbezirke, wie Miraflores und San Borja, haben sogar Fahrradmietstationen installiert.
Die Realität im Osten Limas, wo es keinen einzigen Fahrradweg gibt, sieht dahingegen ganz anders aus. „ Dort wo es seperate Wege gibt, ist es natürlich viel angenehmer zu fahren, dennoch wähle ich meine Routen nicht danach aus. Als Fahrradfahrer besizte ich die gleichen Rechte, mich auf der Strasse zu bewegen, wie jedes andere Fahrzeug“, sagt Hildegard Willer.

Mit dem Rad so schnell wie mit dem Auto

Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der „ Fundación Transitemos“ kommen Autos mit einer Geschwindigkeit von 14- 16 km pro Stunde voran; genauso schnell wie ein Fahrrad. Dennoch ziehen acht von 10 Limenos die öffentlichen Verkehrsmittel vor  und denken nicht an Fahrrad als Transportmittel. Die genannten Hindernisse stehen einer Kultur des Radfahrens in Lima im Weg.
Die peruanische Hauptstadt ist so konstruiert, dass sich Fahrradfahrer bis heute nicht als Teil davon fühlen können.
Octavio Zegarra fordert deshalb, dass „ die Straßen sicherer werden, indem sie ein Miteinander von Autos, Fahrradfahrern und Fußgängern ermöglichen.“
Hildegard Willer schlägt „eine Bildung und Nutzung der Fahrräder von Kindesbeinen an vor“. Kinder, die mit dem Fahrrad in die Schule fahren? In Lima bisher eine Utopie.

Text: Claudia Acuña

Übersetzung: Luisa Donner

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.