Was Indigena-Führer in Südamerika alltäglich erleben, wenn sie ihr Land verteidigen.
Es ist gefährlich für einen Indigena, seine Umwelt zu verteidigen. Lebensgefährlich. Nach dem Bericht der britischen NGO „Global Witness“ zufolge, werden auf der Welt jede Woche zwei Naturschutzaktivisten umgebracht. Außerdem liegt Peru, das Gastgeberland der diesjährigen Weltklimakonferenz, mit seinen Morden an Umwelt- und Naturschutzaktivisten  auf dem vierten Platz. Diese Bedrohungen erleben Indigenas aus allen Ländern des Amazonasbeckens.

Ana Clécia do Sousa ist Leiterin des Bündnis „Pitaguray de Brasil“. Vor 5 Jahren war sie zum Opfer ständiger Bedrohungen am Telefon geworden. Eines Tages hörte sie , wie mit einer Waffe geschossen wurde, nicht weit entfernt von ihrem Haus. Plötzlich klingelte das Telefon: „Hast du die Schüsse gehört? Das nächste Mal wird es deinen Kopf treffen“ . Die Angst brachte sie dazu, ihre Haar blond zu färben und eine Mütze aufzuziehen. Schließlich entschied sie sich,  Brasilien zu verlassen, nachdem die Stalker einen Monat später versucht hatten, ihre Tochter zu entführen.
Fälle wie diese sind inzwischen Alltag bei denen, die ihre Gemeinschaft verteidigen gegen diejenigen, die ihr Territorium „modernisieren“ wollen. Die bolivianische Expertin Natalie Calderón, die für die Stiftung „Amigos de la Naturaleza – FAN“ (Freunde der Natur) arbeitet, behauptet, dass 52 % der Amazonasgebiete gefährdet sind. „Während die sogenannte Entwicklung aufoktroyiert wird, werden die Indigena-Gemeinschaften weiter bedroht sein“ fügt die Umweltwirtschaftswissenschaftlerin hinzu.
Bedrohung durch die  Justiz
Die Ecuadorianerin Catalina Chumbi ist Teil der Gemeinschaft Shuar und auf demKriegspfad gegen Erdölfirmen. Die haben zusammen mit chinesischen Bergbauunternehmen Konzessionen der indigenen Territorien zugesprochen bekommen.  Der Präsident des ecuadorianischen Shuar-Verbandes (FISCH),José Acacho,wurde wegen der Anstiftung zu Protesten festgenommen und wegen Sabotage zu 12 Jahren Haft verurteilt . Mit ihm wurden 189 weiter soziale Führer und Bauern vor Gericht angeklagt. „Das Volk hat geschafft, ihn wieder frei zu bekommen, weil wir uns wehren und für die  Verteidigung unserer Heimat leben. Und das werden wir bis auf den letzten Tropfen Blut durchziehen“ erzählt Catalina, die nach Perú gekommen ist, um die Stimme ihres Shuar-Volkes weiterzutragen.
Bergbauunternehmen und Wasserkraftwerke

Der Brasilianer Antonio Nobre, Mitglied im brasilianischen Wissenschaftsrat zum Klimawandel, behauptet, dass es ein Rückschritt sei, den in „50 Millionen Jahren entwickelten Amazonas für ein paar Wasserkraftwerke zu zerstören „. Diese  verursachen in Brasilien den Grossteil der sozialen Konflikte. Marcio Kokoj, vom Volk Kaingang und Koordinator desbrasilianischen Indigenen-Verbandes APIC, schildert, dass die Firmen seit einigen Jahren Auftragsmörder anheuern, um die Vorsitzenden aller Gemeinschaften zu bedrohen. „Die Lösung sind Schüsse.“ – so fasst Nobre  das Denken der Unternehmen zusammen: “ …entweder du akzeptierst mich oder ich verzehre dich, ähnlich einer Anakonda“.

Viele Ölgesellschaften, Bergarbeiter, Wasserkraftwerke und Holzhändler brauchen die Gebiete der Einheimischen, um ihre Rohstoffe zu extrahieren. Jedes Land hat Probleme mit der Vorherigen Konsultation und der Landtitulierung. Es ist üblich, dass die indigenen Anführer die Opfer der gewaltvollen Einschüchterung der privaten Unternehmen  werden.

Vor fünf Tagen wurde am Ufer des Flusses Zamora in Ecuador die Leiche von José Isidro Tendetza Antún gefunden. Er war Gegner einer lokalen Mine. Tendetza Antún hatte geplant in diesen Tagen nach Lima zu kommen, um für seine Gemeinschaft   auf der COP20 zu sprechen. Die Umstände seines Mordes sind bis heute noch nicht aufgeklärt.
Illegaler Drogen- und Holzhandel
Adolph Chávez ist Mitglied der COICA (Koordination der indigenen Organisationen des Amazonabeckens). Er sagt, dass nicht nur der Staat und private Firmen die Indigenas bedrängen, sondern  auch kriminelle Organisationen, die plötzlich in den Indigena-Gemeinschaften auftauchen.  “ Sie kennen die Weltanschauung der Gemeinschaft nicht, sie dringen nur ein und verbrennen. Das ist ein Feind mehr“, fügt er hinzu.

Carol Gonzáles ist Vorsitzende des kolumbianischen Indigena-Verbandes OPIAC , und versichert, dass “ die sogar noch gefährlicher sind, weil sie andere Indigenas zum Mitmachen – z.Bsp. beim illegalen Bergbau – überzeugen“ .
Vor zwei Monaten wurden im peruanischen Departament Madre de Dios  vier Mitglieder der Ashaninka ermordet, während sie gerade ihre alltägliche Strecke in ihrem Gebiet zurücklegten. Die Ermordeten waren bekannt als Gegner der hemmungslosen Holzhändler. Diese hatten versucht, in ihr Gebiet auf der Höhe von  „Tamaya Saweto“ einzudringen. Die Leichen waren zuerstückelt, als man sie fand; die Holzhändler wollten den Mord vertuschen.  Edwin Chota, einer der ermordeten Indigenen, hatte in einem Interview vor einem Jahr, bereits von den Todesdrohungen der Holzfäller  gegen ihn berichtet.
Bedrohung Staat
Der Peruaner Zebeblio Kayap war einer der Vorsitzenden des Awajún-Volkes,  die den Widerstand seines Volkes gegen Erdöl-Konzessionen an ein transnationales Unternehmen anführte. Der Widerstand endete vor fünf Jahren im Massake von Bagua (Baguazo), bei dem 30 Polizisten und Indigenas ums Leben kamen.  Zenobio wurde wegen Entführung von Polizisten  angeklagt.  Zebelio Kayap wehrt sich gegen den Vorwurf der Entführung, “ es war keine Entführung, wir wollten vermitteln “

Die Peruanerin  Ruth Buendia, Gewinnerin des Umweltpreises „Goldman“ und Führerin des Volkes der Asháninka gegen die Erbauung von Wasserkraftwerken auf indigenen Land, spricht Klartext: „Die hauptsächliche Bedrohung kommt vom Staat.  Er  glaubt, Rechte sind verkäuflich.“  Sie ist überzeugt, dass die verschiedenen Völker des Amazonasbeckens Bündnisse eingehen und gemeinsame Strategien gegen ihre jeweiligen Nationalregierungen erarbeiten müssen.

Der staatliche Druck, die Bedrohungen durch extraktive Industrien – legalen und illegalen – und die gerichtliche Verfolgung, sind das tägliche Brot der Indigena-Führer im Amazonas-Becken. Dies ist der Preis dafür, dass sie 52% des Landes des Amazonas-Beckens besitzen, in dem ein Drittel des gesamten CO2s der Tropen gespeichert ist.

Text: Hernán Padilla

Übersetzung: Lynda Wolff

Foto: Luisa Donner

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