Die Informationsstelle Peru und weitere Organisationen appellieren an die soziale Verantwortung der Unternehmen – Offener Brief an die Firma Linde

Produzenten medizinischer Produkte dürfen aus der Corona-Krise keine unangemessenen Profite ziehen, fordern die Informationsstelle Peru, Caritas international, Misereor, Adveniat und die Erzdiözese Freiburg  zusammen mit 29 Nichtregierungsorganisationen und Partnerschaftsgruppen. Die Unternehmen müssen vielmehr ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden und dürfen nicht, beispielsweise durch ihre Preispolitik, soziale Ungleichheiten in den Gesellschaften vertiefen.

 

Besonders im Blick ist dabei die deutsch-amerikanische Firma Linde, die medizinischen und industriellen Sauerstoff weltweit herstellt und verkauft. In einem Offenen Brief appellieren die Informationsstelle Per und die anderen Unterzeichner, die Versorgung der peruanischen Bevölkerung mit medizinischem Sauerstoff zu verbessern und vor allem für alle Betroffenen wirtschaftlich erschwinglich zu machen.

 

Trotz eines frühen Lockdowns ist Peru eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen lateinamerikanischen Länder. Am 18. September waren nach offiziellen Angaben 744.400 Menschen mit dem Virus infiziert. 31.051 Menschen sind demnach an oder wegen des Virus gestorben. Die Infektionsrate mit 2.268 Infizierten pro 100.000 Einwohner*innen ist amerikaweit die zweithöchste, die Sterblichkeitsrate mit 95 Toten pro 100.000 Einwohner*innen mittlerweile die höchste weltweit.

 

Neben vielen anderen Problemen liegt dies auch an dem großen Mangel an medizinischem Sauerstoff, den dafür notwendigen Geräten und den extrem hohen Preisen für Sauerstoff. Peruanische Krankenhäuser müssen Patientinnen und Patienten nach Hause schicken, weil sie keine oder zu wenig Sauerstoffgeräte und Sauerstoff haben. Dann müssen die Familien selbst Sauerstoff besorgen, um eine einfachste Beatmung zu ermöglichen. Und dies zu Preisen, die sich die Menschen vielfach nicht leisten können. Laut Berichten kostet eine 10-Kubikmeter-Flasche umgerechnet 42 Euro. Zwei solcher Flaschen brauchen schwer an Covid-19 Erkrankte jeden Tag. Das macht rund 560 Euro pro Woche – das Doppelte des monatlichen Mindestlohns in Peru.

 

Seit 2010 schreibt  das peruanische Gesundheitsministerium für medizinischen Sauerstoff  einen Reinheitsgrad von 99% vor. Die  Folge: Einheimische Anbieter mussten aufgeben. Seither kontrollieren Linde und die US-amerikanische Firma AirProducts den Markt. Dass die Regierung nun in der Corona-Krise die Vorschrift zurückgenommen hat, konnte an dem Grundproblem nichts mehr ändern.

 

Auf einen ersten offenen Brief der Infostelle Peru mit einigen kritischen Fragen hatte das Unternehmen geantwortet, Linde Peru habe in den vergangenen Monaten seine Produktionskapazität deutlich erhöht, um die Versorgung von über 320 öffentlichen Krankenhäusern in Peru mit medizinischem Sauerstoff sicherzustellen. Vor der Pandemie betrug die Sauerstoffproduktion von Linde Peru rund 85% für den industriellen Sektor und rund 15% für den medizinischen Sektor. Bis heute seien rund 90% der Sauerstoffproduktion für den medizinischen Sektor bestimmt und die restlichen rund 10% für den so genannten „wesentlichen industriellen Markt“ (Lebensmittel- und Kohlenwasserstoffindustrie). Linde Peru importiere derzeit auch medizinischen Sauerstoff aus anderen Ländern. Keinem der Krankenhäuser, die Linde beliefert, sei der medizinische Sauerstoff ausgegangen. Die Preise entsprächen den Ergebnissen der öffentlichen Ausschreibungen der staatlichen Krankenhäuser in der Vergangenheit.

 

Die Informationsstelle Peru und die anderen Unterzeichner fordern von dem Unternehmen angesichts der Corona-Krise, sein Geschäftsgebaren zu ändern: „Linde muss seiner sozialen Verantwortung gerecht werden und den Preis für medizinischen Sauerstoff deutlich senken“, fordert Annette Brox, Geschäftsführerin der Informationsstelle Peru.  Das Unternehmen solle alles ihm Mögliche tun, um – durch Errichtung neuer Sauerstoffanlagen und den Aufbau neuer Verteilungsnetze – eine ausreichende Versorgung mit medizinischem Sauerstoff in Peru sicherzustellen.

 

Der Offene Brief kann hier heruntergeladen werden 20200914 Offener Brief an Linde_Sauerstoffmangel in Peru (4).

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