7 Wochen lang waren die peruanischen Schüler ohne Unterricht. Ihre Lehrpersonen waren im Streik. Warum und was sie damit erreicht haben, darüber sprach InfoPeru mit Javier Torres, Direktor des Nachrichtenportals noticiasser.

 

InfoPeru: Wie kann man in Deutschland erklären, dass die Lehrer in Peru 2 Monate lang streiken und die Schüler soviel Unterricht verlieren ?

Javier Torres:  Dieser Streik war nicht nur lang, sondern auch schwer zu durchschauen, weil sich mehrere Ebenen vermischt haben. Zum einen ging es um die Erhöhung der Löhne, also die klassische Forderung einer Gewerkschaft. Dazu kam aber der Streit innerhalb der Lehrergewerkschaft SUTEP um die Kontrolle der Gewerkschaft. Und schliesslich spielten durch die Dezentralisierung auch die Regionen eine ganz andere Rolle.

Dies alles auf dem Hintergrund, dass die Regierung Kuczyniki nun die Reform im Bildungsbereich umsetzt, die vom Vorgänger Humala beschlossen und eingeleitet worden war.

Lange Lehrerstreiks sind in Peru nichts Neues. Gerade in den 70-er Jahren streikten die Lehrer  oft monatelang. Der längste Lehrerstreik mit 90 Tagen war zu Beginn der 90-er Jahre  unter der Regierung Fujimori.  Der springende Punkt ist jeweils, wann  die Eltern genug haben  und  die streikenden Lehrer nicht mehr unterstützen.

InfoPeru: Die Lehrer sind in Peru sehr schlecht bezahlt…

Javier Torres: Eben deshalb haben streikende Lehrer zumindest zu Beginn des Streikes grosse Sympathien, denn die Eltern wissen, dass die Lehrer ihrer Kinder zu schlecht bezahlt werden. Angestellte Lehrer verdienten z.T. nur 1253 Soles, also rund 330 Euro, im Monat für bis zu 30 Unterrichtsstunden pro Woche.  Durch den Streik wurde das niedrigste Lehrergehalt nun auf 2000 Soles hochgesetzt, also 526 Euro – auch dies ist noch  wenig.

InfoPeru: Während des Streiks war es sehr schwierig, zwischen den verschiedenen Fraktionen der Lehrergewerkschaft zu unterscheiden….

Javier Torres: Die landesweite Lehrergewerkschaft SUTEP wird seit Jahrzehnten von der links(extremen) Partei „Patria Roja“ kontrolliert. Dagegen hat sich in den letzten 15 Jahren mehrfach Widerstand geregt, vor allem in den Regionen Ayacucho, Huancavelica, Puno. Die dortigen Sektionen der SUTEP stehen dem Leuchtenden Pfad, bzw. dessen politischem Arm Movadef, nahe.  Bisher sind deren Streiks aber auf regionaler Ebene geblieben.

Dazu kommt die Dezentralisierungsreform, die unter der Regierung Toledo begann. Die Lehrergehälter werden seitdem von den Regionalregierungen ausbezahlt (wenn auch mit Geld aus Lima), die Regionen dürfen auch bei den Lehrplänen mitbestimmen. Auf einmal gibt es in den Regionen Arbeitsgruppen und öffentliche Diskussionen  zum Thema Schule,  die es vorher nicht gab. Dies hat die regionalen Sektionen der SUTEP gestärkt.

Bei den Auseinandersetzungen geht es immer auch um die Kontrolle über die Sozialwerke der SUTEP, die sog. Derrama Magistral . Mit Pflichtbeiträgen der Lehrer hat die Gewerkschaft verschiedene Unternehmungen aufgebaut, vergibt Kredite an Lehrer etc.  Bis jetzt ist die Derrama Magisterial fest in Hand der SUTEP . Aus den Regionen wurden immer wieder Beschwerden laut über das Management der Derrama Magisterial.

Der jetzige Streik wurde zuerst von den Lehrern in Cusco ausgerufen und griff von dort auf andere Regionen über.

 

InfoPeru: eine Forderung der Lehrer war es, die Prüfungen für Lehrer abzuschaffen ….

Javier Torres: Es ist Teil der Bildungsreform, dass alle Lehrer evaluiert werden und je nach Ergebnis Zusatzkurse machen müssen. Ein Teil der Bildungsreform der vorigen Präsidenten Alan García und Ollanta Humala war auch die Errichtung von Elite-Schulen auf regionaler Ebene. In diesen sogenannten “ Colegios de Alto Rendimiento“ werden die besten Schüler einer Region von besonders geschulten Lehrern unterrichtet. Die Gewerkschaft SUTEP sieht darin eine Elitisierung und Privatisierung der Bildung und sperrt sich auch gegen die Evaluation des Unterrichts seiner Lehrer.

Diese Forderung stösst gerade bei den Eltern nicht auf Gegenliebe: sie unterstützen zwar die Forderung nach mehr Geld, wollen im Gegensatz aber auch mehr Qualität in der Bildung ihrer Kinder. Mit ihrer Forderung nach „Nicht-Evaluierung“ sind die Lehrer denn auch nicht durchgekommen, allerdings willigte das Bildungsministerium ein, die Art der Evaluierung nochmal zu revidieren.

InfoPeru: Wer hat letztlich bei diesem Streik gewonnen und wer hat verloren ?

Javier Torres: Gewonnen haben die Lehrer, weil sie nun mehr Geld bekommen, sowie die regionalen Anführer der Lehrergewerkschaft.  Verlierer sind die zentrale Lehrergewerkschaft SUTEP, die Bildungsministerin Marilu Mertens, die von ihrer eigenen Regierung und den Kollegen in anderen Ministerien wenig unterstützt wurde und deren Absetzung von der Fujimori-Mehrheits-Fraktion im Parlament gefordert wird. Und natürlich die Schüler. Die sollen den verlorenen Unterricht nun in den grossen Ferien über Weihnachten nachholen.

 

Interview: Hildegard Willer

 

Nachtrag der Redaktion: Im Gefolge des Lehrerstreiks verlangte die Fujimori-Mehrheit im Parlament die Absetzung von Bildungsminiserin Martens. Premier Fernando Zavala stellte daraufhin die Vertrauensfrage. Das von den Fujimoristas dominierte Parlament entzog ihm daraufhin das Vertrauen und Präsident Kuczynski muss nun innerhalb von zwei Tagen ein neues Kabinett zusammenstellen.  

 

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