Das Jahr 2019 in Peru in 10 Blitzlichtern.

  1. Ein Befreiungstheologe wird Erzbischof von Lima

Am 25. Januar gab Papst Franziskus bekannt, dass der Befreiungstheologe Carlos Castillo neuer Erzbischof von Lima wird und damit den Opus-Dei-Kardinal Juan Carlos Cipriani ablösen wird. Mit dieser Ernennung ging die über 20-jährige Machtstellung des rechtskatholischen Opus Dei und anderer rechtskatholischer Gruppierungen (z.Bsp. Sodalicio) innerhalb der katholischen Kirche Perus endgültig zu Ende.

 

  1. Ein Ex-Präsident bringt sich um

Als die Polizei am 17. April mit einem Haftbefehl vor der Türe des zweimaligen Ex-Präsidenten Alan Garcia stand, ging dieser in sein Schlafzimmer, holte den Revolver aus dem Schrank und schoss sich eine Kugel in den Kopf.  Er wollte die Schmach, in der Öffentlichkeit mit Handschellen abgeführt zu werden, nicht erleiden. Alan Garca war zweimal Präsident Perus gewesen, galt als überaus korrupt, war aber immer so gut vernetzt in der Justiz, dass er deswegen nie vor Gericht gestellt worden war. Mit dem Odebrecht-Skandal hätte sich sein Schicksal nun gewendet. Das Gefängnis stand ihm bevor. Er zog den Tod vor.

Ein Jahr später ist seine Partei, die APRA, in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Und Alan Garcia geistert als Untoter durch Peru. Die meisten Peruaner sind nicht vom Glauben abzubringen, dass Alan Garcia seinen Tod nur vorgetäuscht habe und wieder einmal davon gekommen sei.

 

  1. U-Haft für korrupte Politiker*innen

Der Odebrecht-Korruptions-Skandal zeigt seine Auswirkungen in ganz Südamerika. Kaum ein Land, eine Regierung, die nicht vom brasilianischen Baukonzern geschmiert worden war.  Peru war für Odebrecht ein besonders lukratives Terrain, waren doch die Staatskassen gefüllt und der Bedarf an Infrastruktur riesig. Welche peruanischen Poliitker*innen im Gegenzug für öffentliche Aufträge wieviel Schmiergeld bekamen, erregt seit Jahr und Tag die Öffentlichkeit. Neu ist, dass die so beschuldigten Politiker*innen in Peru inzwischen im Gefängnis sitzen. Den Anfang machten Ex-Präsident Humala und seine Frau Nadine Heredia, inzwischen wieder auf freiem Fuss. Ex-Präsident Kucyznski sitzt seit April seine 36-monatige U-Haft im Hausarrest ab.  Ex-Bürgermeisterin Susana Villaran ist seit Mai Insassin des Frauengefängnisses in Chorrillo. Ex – Präsident Alejandro Toledo sitzt seit 16. Juli in Auslieferungshaft in den USA. Oppositionsführerin Keiko Fujimori kam im November nach über einjähriger U-Haft – vorerst – frei.  Kein Wunder, dass die Nachbarländer neidisch auf Peru schauen, wo, in ihrer Wahrnehmung, hart gegen die Korrupten vorgegangen wird.

 

  1. Panamerikanische Spiele werden ein voller Erfolg

Vom 26.Juli bis 11. August fanden in Lima erstmals die Panamerikanischen Spiele statt, das nach den Olympischen Spielen wichtigste Sportereignis auf dem Kontinent. Im Vorfeld war noch befürchtet worden, dass die eigens gebauten Stadien und Unterkünfte für die Athlet*innen nicht rechtzeitig fertig würden. Doch die Panamerikanischen Spiele liefen wie am Schnürchen ab und bescherten Peru wenn schon nicht den Medaillenrekord, so doch eine gute internationale Presse. Die Peruaner nahmen dafür, und für das Auftakt- und Schlussspektakel auch in Kauf, dass der Staat für die Spiele über 1 Milliarde US-Dollar ausgegeben hat.

 

  1. Der politisch-religiöse Fundamentalismus auf dem Vormarsch

 

Konservativ denkende, fundamentalistisch ausgerichtete Menschen gab es in Peru schon immer. Neu ist, dass diese evangelikalen und rechtskatholischen Kreise ihre Positionen offensiv politisch einbringen: sei es mit Protestmärschen, Strassenaktionen oder mit der Delegation offen fundamentalistischer Politiker*innen, vor allem in der Fujijmori-Fraktion. Unter dem Motto „ Leg dich nicht mit meinen Kindern“ an, haben sich diese Gruppen den Kampf gegen das Gender-Mainstreaming in Schulbüchern und gegen den schulischen Sexualkundeunterricht auf die Fahnen geschrieben.  Laut Umfragen machen diese fundamentalistischen Kreise nur rund 15% der Bevölkerung aus, sie können bei Protesten aber viele Menschen mobilisieren.

 

  1. Menschen protestieren gegen Bergbau

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten beschäftigt das „Pro und Contra Bergbau“ die peruanische Öffentlichkeit.  Während die Zentralregierung auf die Durchführung grosser Bergbauprojekte drängt, protestiert die lokale Bevölkerung. Im Jahr 2019 tat sie dies besonders im Departament Arequipa gegen das Kupferabbauprojekt Tia Maria, der mexikanischen Firma Southern Peru Copper.

 

  1. Präsident Vizcarra löst das Parlament auf

Das politisch bedeutsamste Ereignis war ohne Zweifel, dass Präsident Vizcarra nach zweimal abgelehnter Vertrauensfrage am 30. September den Kongress auflöste und Neuwahlen für den 26. Januar 2020 ausrief. Notwendig wurde dieser Schritt, weil das von der oppositionellen Fujimori-Partei dominierte Parlament jegliche Reformbemühungen der Regierung zunichte machte. Vizcarra erhielt von der Bevölkerung grosse Zustimmung zu diesem Akt, der normalerweise Diktatoren zugeschrieben wird.

Zur gleichen Zeit, als Vizcarra das Parlament auflöste, protestierten die Menschen in  Ecuador, Bolivien, Chile gegen ihre Regierungen. In Peru sind viele der Meinung, dass die Parlamentsauflösung die Entrüstung und den Frust vieler Peruaner*innen kanalisierte und somit grössere Proteste, wie in den Nachbarländern, verhinderte.

 

  1. 50 Jahre danach – Agrarreform wird Thema

Das wohl bedeutendste politische Ereignis im Peru des 20. Jahrhunderts war die Agrarreform, die 1969 eine linke Militärregierung unter General Velasco durchführte. Grosse Ländereien wurden enteignet und in Genossenschaften übergeführt, feudale Strukturen abgeschafft. Auch wenn die Genossenschaften schon bald zusammenbrachen: ohne diese Agrarreform wäre das heutige Peru noch kolonialer und feudaler, als es heute noch ist. Deswegen ist es bemerkenswert, dass in der öffentlichen Diskussion ein Schleier des Schweigens über dieser Agrarreform lag.  Dieses Schweigen zerriss ein peruanischer Dokumentarfilm über die Agrarreform „La revolucion y la tierra“. Der Film des jungen Filmemachers Gonzalo Benavente, eine Collage von filmischen Zeitzeugnissen, wurde im Oktober 2019 zum Zuschauerhit mit über 50 000 verkauften  Eintrittskarten .     

 

  1. Venezolaner zwischen Willkommen und Anfeindung

Nach Kolumbien ist Peru das Land, das die meisten venezolanischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Über 800 000 sind es bisher, die meisten von ihnen leben in der Hauptstadt Lima. Waren sie zu Beginn der Fluchtwelle sehr willkommen, hat  in diesem Jahr die Abneigung und sogar der unverhohlene Fremdenhass gegen Venezolaner zugenommen.  Bei einer Umfrage des Instituto de Estudios Peruanos im Juni diesen Jahres gaben 73% der Befragten an, dass sie gegen das Kommen der Venezolaner seien. 32% sagten, sie kennten jemanden, der von einem Venezolaner an seinem Arbeitsplatz verdrängt worden sei.

Andererseits stellte eine Studie der Bank BBVA fest, dass die Migration das Wirtschaftswachstum in Peru gefördert habe. 1 (2018) bis 0,5 (2019) Prozentpunkte des peruanischen Bruttoinlandsproduktes liessen sich auf die  Zuwanderung der Venezolaner zurückführen.

 

  1. Prekäre Arbeitsverhältnisse: zwei Arbeiter sterben im McDonald

Wenige Tage vor Weihnachten starben der 19-jährige Gabriel Zapata und die 18-jährige Alexandra Porras an einem Stromschlag in einem McDonalds-Restaurant mitten an einer Hauptverkehrsstrasse in Pueblo Libre, Lima. Wie nachherige Untersuchungen ergaben, hatten die jungen Arbeiter keine Schutzkleidung; ein Getränkeautomat war unter Strom gestanden und war nicht rechtzeitig repariert worden. Der tragische Tod der beiden jungen Angestellten von McDonalds zeigte wieder einmal die überaus prekären Arbeitsbedingungen, unter denen gerade junge Peruaner leiden, sowie die mangelnde Aufsicht durch die zuständigen Behörden.  Diese Arbeitsbedingungen herrschen eben nicht nur in informellen Läden, sonder auch bei einem multinationalen Unternehmen wie McDonalds in Peru.

 

Hildegard Willer

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