Vom 25. bis zum 27. September fand in Cusco die internationale „Regionalkonferenz für Indigene Sprachen für Lateinamerika und die Karibik“ statt. Die vom peruanischen Kulturministerium und der UNESCO organisierte Konferenz hatte das Ziel, im Austausch mit Akteur*innen aus  Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik konkrete politische Forderungen zur Förderung indigener Sprachen hervorzubringen. Thematische Schwerpunkte waren Sprachrechte, Revitalisierung, Immaterielles Kulturerbe, Interkulturelle und Bilinguale Bildung sowie neue Technologien und Medien für die Förderung indigener Sprachen.

Schon in seiner Rede zur Eröffnung der Konferenz machte der damalige peruanische Kulturminister Castillo Butters deutlich: Um indigene Sprachen anzuerkennen, reichen Worte der Wertschätzung nicht aus. Stattdessen sind  konkrete politische Handlungen gefragt, die die Anerkennung der indigenen Sprachen auch umsetzen.  Dabei müssen die Situation und Interessen der Sprecher*innen indigener Sprachen einbezogen werden. Begrüßt wurde deshalb die Teilnahme und die Panelbesetzungn mit vielen Sprecher*innen indigener Sprachen.

Eine von Ihnen ist Nely Huayta (33), die am Panel zu Neuen Medien teilnahm. Die zertifizierte Übersetzerin, Aktivistin und Sozialarbeiterin berichtete über ihre Arbeit als Radiomoderatorin beim quechua-sprachigen Radiosender “Radio Onda Azul” als Teil der Red Kechwa Satelital in Puno. Nely bemerkte, dass der Titel „Regional“ der Konferenz wohl missverständlich sein könnte, denn in der Tat nahmen Personen, Stake Holder und Aktivist*innen aus sehr vielen Ländern teil.

Positiv ist auch anzumerken, dass die Konferenz selbst mehrsprachig war. Nur wenige Sprecher*innen hielten ihre Beiträge jedoch ausschließlich in einer indigenen Sprache. So entschied sich auch Nely Huayta aus zeitpragmatischen Gründen dafür, ihren Vortrag auf Spanisch zu halten, auch wenn dies für sie bedeutete, in einer Sprache, in der sie sich unsicher fühlt, präsentieren und diskutieren zu müssen.

Wachsender Arbeitsmarkt fuer indigene Sprecher*innen

Den Kongress sowie die die dort besprochenen und bereits erfolgte politische Anerkennung indigener Sprachen erlebt sie als emanzipatorischen und stärkenden Prozess. Als zertifizierte Übersetzerin reist Nely Huayta etwa für die Durchführung von Vorabkonsultationen (consulta previa) in viele Dorfgemeinschaften und erlebt auch dort, dass der Wert der Sprachen und des Spracherhalts nun anerkannt wird. Dies stellt eine Verbesserung dar gegenüber der krassen Diskriminierung, die Sprecher*innen indigener Sprachen bis vor kurzem noch erleben mussten, und die selbstverständlich auch heute noch starke Auswirkungen hat, etwa wenn Eltern auf Grund ihrer eigenen Diskriminierungserfahrung nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule ihre indigenen Sprachen lernen.

Die Zertifizierung als Übersetzerin für indigene Sprachen ist ein Beispiel dafür, wie indigene Sprachen ein Plus für die Jobsuche werden könnten. Weshalb werden Menschen mit englischen Sprachkenntnissen in Peru bevorzugt eingestellt, während Kenntnisse in indigenen Sprachen von Bewerber*innen häufig verschwiegen werden? Weshalb werden in staatlichen Institutionen auf dem Land Beamte und Bürger gezwungen, auf Spanisch zu interagieren, wo sie beide womöglich eine gemeinsame Muttersprache sprechen?

 

Quechua ja – aber welcher Standard?

Wenn Sprachen standardisiert werden, so ist dies selbstverständlich auch ein Prozess, der mit Macht verknüpft ist. In Peru gibt es aktuell einen zuweilen heftig ausgetragenen Konflikt um die Quechua-Schreibweise und das fünf- bzw. dreivokalige Schreibsystem.

Nely Huayta kritisierte an dieser Stelle, dass dieser Konfliktpunkt auf der Konferenz eine zu große Rolle einnahm, da Quechua nicht die einzige indigene Sprache Peru ist, sondern eine von 48, und viele Teilnehmer*innen aus anderen Ländern kamen. Konsens war jedoch wohl, dass dann, wenn man Anerkennung für eine Sprache fordert, auch die unterschiedlichen Formen und Einzelheiten der jeweiligen Sprachen anerkannt werden.

Jede Sprache und all ihre Variäteten und Dialekte müssen respektiert werden, fordert auch die Ethnologiestudentin Solischa Secca Noa (21)  aus Cusco, die ebenfalls am Kongress teilnahm. Neben dem Diskussionsprogramm mit vielen interessanten Beiträgen lobt Solischa Secca den Rahmen und die Stimmung auf dem Kongress. Der Kongress ermöglichte ihr die Vernetzung mit vielen angereisten Aktivist*innen, und sie berichtet von einem solidarischen, freundschaftlichem und vertrauensvollem Umgang miteinander.

Der Kongress lenkte den Blick nicht nur auf die Sprachen, sondern vor allem auf die Sprecher*innen als Akteur*innen gelebter Kommunikation. Eine Schlussfolgerung und ein Gewinn des Kongresses könnte die Priorisierung der Sprecher*innen vor Sprache sein. Damit Sprache gefördert werden kann, muss zunächst möglichst vorurteilsfrei erkannt werden, wer die Sprecher*innen sind, welche Interessen sie verfolgen, und wo sie sich befinden. Durch Armuts- und Arbeitsmigration sind auch in der Hauptstadt Lima viele Sprecher*innen indigener Sprachen anzutreffen. So befindet sich der Distrikt mit der höchsten Anzahl an Sprecher*innen indigener Sprachen  in der Hauptstadt Lima: San Juan de Lurigancho.

Sprache ist in ständiger Veränderung begriffen. Wie wir sie verwenden, um zu kommunizieren, kann unheimlich stark variieren. Wie eine konstruktive, interessante und vielsprachige Kommunikation umgesetzt wird, konnte ich auf diesem Kongress beobachten.

 

Sebastian Ritter Choquehuanca

Deutsch-Peruaner, studiert Ethnologie, Linguistik und Literatur in München.

 

Aufzeichnungen und Informationsmaterial der Konferenz findet man unter https://www.facebook.com/events/en-cusco/congreso-regional-de-lenguas-ind%C3%ADgenas-para-am%C3%A9rica-latina-y-el/341254920162334/

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