Eine große Zahl von Vergewaltigungen junger Mädchen und Frauen ist in Peru Gesprächsthema.

Der Fall der 11-jährigen Jimena aus dem Armenviertel San Juan de Lurigancho (Lima) bewegt viele Menschen in Peru. Sie wurde von einem bekannten Sexualtäter vergewaltigt und anschließend verbrannt. Ein 9-jähriges Mädchen brachte nach einer Vergewaltigung durch ihren Vater in Tacna ein Kind zur Welt. Die Asháninka-Organisation CARE berichtete von sexuellen Übergriffen von Lehrern gegenüber 10/11 jährigen Mädchen in Grundschulen im Regenwald am Ene-Fluss. So könnte man die Beispiele endlos fortführen.

Eine jüngste Studie der Nachrichtenagentur Thomson-Reuters listet Lima an fünfter Stelle der weltweit gefährlichsten Städte für Frauen. Dabei wurde die Gewaltrate, aber auch der Zugang von Frauen zu Bildung und Gesundheit gemessen.

Das peruanische Gesundheitssystem spricht von über 11.000 angezeigten Vergewaltigungen an Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren in den Jahren 2011-2016. Die Dunkelziffern sind natürlich viel höher.

Die Diskussionen nach den Ursachen für diese Brutalität sind heftig und kontrovers.

Ein Teil der Kommentare geht in die Richtung, das sei ein Problem der „unteren Schichten“, der frustrierten Männer, die es nicht geschafft hätten, in die „Mittelschicht“ aufzusteigen. Die Premierministerin Aráoz sagt, dass die Ursache in Familien liege, in denen Hunger herrsche, wo das Gehirn der Kinder nicht genügend entwickelt werde und wo – somit – die Gewalt als Normalzustand gelte.

Eine andere „Volksstimme“ sagt: Todesstrafe für alle Vergewaltiger – oder zumindest eine „chemische Kastration“. Marina Navarro, Direktorin von Amnesty International in Peru, lehnt die Forderung nach einer Todesstrafe ab. Das schrecke keinen potentiellen Vergewaltiger ab. Der Staat müsse juristisch agieren und bestrafen, aber keine Vergeltung ausüben.

Zum „Argument“, Peru sei kein Land von Vergewaltigern, kommt das Gegenargument: doch, es gibt mehr Vergewaltiger als Handydiebe oder Drogenverkäufer.

Dafür gibt es verschiedene Ursachen:

Frauenorganisationen betonen, dass die Ursachen dafür im Machismus liegen. Das heißt, verkürzt gesagt: Diese Machos sehen in ihren (und anderen) Frauen und Kinder ihnen untergeordnete Wesen, die ihre Forderungen gefälligst erfüllen müssen.

Andere Reflexionen machen das System verantwortlich: die vorherrschende neoliberale Ideologie des „Informellen“ im Sinne, dass es keine ethischen Prinzipien zu beachten gelte, dass man nur weiter komme, wenn man über andere hinaufsteige, gelte auch im Umgang von Männern mit Frauen.

Als Überbegriff wird genannt: Machtausübung! Zwei von drei Vergewaltigungen finden entweder durch den Vater, Bruder, Cousin, Onkel oder Großvater statt. Und das nicht nur in Familien der „unteren Schichten“.

In den Polizeistationen haben Anzeigen wegen Vergewaltigungen keine große Priorität und oft machen sich die Polizisten noch über die Frauen lustig…. die Frauen seien ja selber Schuld.

Kaum aufgearbeitet werden die systematischen Vergewaltigungen durch das Militär und Terroristen des Leuchtenden Pfads.

Aktuell sind ca. 8.000 Männer wegen sexueller Übergriffe in den peruanischen Gefängnissen.

Die Strafen für Vergewaltiger sind gering: Ein Vergewaltiger von Frauen über 18 Jahren wird weniger hart bestraft als ein Geldfälscher, sagt die bekannte Journalistin Rosa María Palacios.

Nicht zu vergessen: Die (kath.) Kirche und deren Funktionsträger sind kein Vorbild im Umgang mit sexuellen Übergriffen. Bei seinem Besuch im Januar 2018 in Peru fand Papst Franziskus keine klaren Worte gegen sexuelle Übergriffe von Priestern (in Callao, Ayacucho) und Mitgliedern der rechtskatholischen Sekte „Sodalitium Vitae Cristianae“. Deren Gründer und ehemaliger Leiter, Luis Fernando Figari, wird verschiedener, auch sexueller Übergriffe gegenüber Jungen, die in der Obhut von Sodalitium waren, beschuldigt.

Ein großer Vorwurf geht an die evangelikalen Religionsgemeinschaften mit ihrer Totalweigerung, das Thema Sexualität mit besonderer Berücksichtigung der Gender-Gerechtigkeit in den Lehrplan der peruanischen Schulen aufzunehmen . Den Evangelikalen wird vorgeworfen, dass sie mit ihrer finanzkräftigen Kampagne „Con mi hijo ne te metas“ („Lass meine Kinder in Ruhe“) dazu beitragen, dass die „Macho-Ideologie“ weiter gestärkt wird; die Kampagne behauptet, wenn an Schulen über Genderfragen informiert werde, dann würden ihre Söhne homosexuell werden,.

Eigene Nachfragen bei peruanischen Freunden und Bekannten ergeben, dass eine verständliche Aufklärung – auch in der Schule – mit einem Schwerpunkt auf Partnerschaft und Achtung voreinander, wichtig ist und dass nicht nur Reproduktionsaspekte behandelt werden.

Und: Diejenigen, die mit der Katholischen Kirche verbunden sind, betonen, dass diese ihre eigenen Verhältnisse auch in diesem Bereich in Ordnung bringen müsse.

Heinz Schulze

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