Vom 8. bis 11. Oktober fand in Lima die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank statt. Erstmals seit knapp 50 Jahren fand die Veranstaltung wieder in Lateinamerika statt. 13.000 Finanzexperten – Finanzminister, Notenbanker, Parlamentarier, Fachleute privater Banken und Nichtregierungsorganisationen  aus 188 Ländern waren angereist, um über die “Krise der Schwellenländer” zu diskutieren, die Bewältigung der Flüchtlingsströme und den Klimawandel.

Alles dreht sich um´s Klima

Überhaupt spielte das Klimathema beim Jahrestreffen der globalen Finanzelite eine so dominante Rolle wie selten zuvor. IWF-Chefin Christine Lagarde wählte auf der Konferenz drastische Worte, um auf die globale Erwärmung hinzuweisen. Sollte die Menschheit dem Klimawandel tatenlos zusehen, werde es ihr so ergehen wie dem peruanischen Geflügel, das die Konferenzteilnehmer in Lima genössen, sagte Lagarde während einer Podiumsdiskussion mit Weltbankpräsident Jim Yong Kim und UN-Klimageneralsekretärin Christina Figueres. “Wir werden uns alle in Hühnchen verwandeln und gebraten, gegrillt, getoastet und geröstet”, sagte sie. Kim und Lagarde forderten die Abkehr von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Notwendigkeit von Verbrauchssteuern für Kohlenstoffemissionen.

Mit der Wahl des Tagungsortes in Lima zeichneten Weltbank und IWF ein Land aus, das in den letzten Jahren durch forsches Wirtschaftswachstum aufgefallen ist. In Wirtschaftskreisen und bei Entwicklungsorganisationen gilt Peru als Vorzeigeland. Konsequent seien die Rezepte des Währungsfonds und neoliberaler Ökonomen seit dem Ende der autoritären Herrschaft von Präsident Fujimori im Jahr 2000 umgesetzt worden, schreibt die NZZ. Laut Weltbank ist die Wirtschaft des Andenlandes in den letzten zehn Jahren jährlich im Durchschnitt um 6,4% gewachsen. Im selben Zeitraum habe sich das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelt – ein Erfolg, den kein anderes lateinamerikanisches Land vorweisen könne – und liege heute bei 6370 $.

Alternativgipfel bestreitet Wirtschaftswunder

So weit so schön. Das Wirtschaftswunderland Peru genießt den Applaus der internationalen Finanzwelt. Dann fällt der Theatervorhang. Die Protagonisten verschwinden in der Garderobe. Und unter der Maske tauchen andere Gesichter auf, andere Geschichten. Auf dem Alternativforum zum Treffen der internationalen Finanzelite , organisiert vom Komitee zur Abschaffung der Schulden der Entwicklungsländer (CADTM) kamen sie zum Vorschein. “Desmintiendo el milagro peruano” nannte sich die Veranstaltung, was so viel bedeutet wie “Hinter den Kulissen des Wirtschaftswunders von Peru”. Im Gran Hotel Bolivar am Plaza San Martín trafen sich NGOs, Hilfsorgansationen, Wissenschaftler und Aktivisten und sprachen über die Herausforderung der (wirtschaftlichen) Ungleichheit in Peru und Ländern Lateinamerikas, über alternative Wirtschaftsmodelle, Auswirkungen des Mega-Bergbaus, Menschenrechte und Landsicherung für indigene Völker. Auch die Rolle der internationalen Finanzorganisationen und der Klimawandel wurden ausgiebig debattiert.

Tatsache ist: vom Wirtschaftswachstum profitieren – wie so oft – einige sehr, andere gar nicht. Die Armut im Land ist längst nicht bewältigt. In Cajamarca, der Provinz mit den großen Goldvorkommen, befinden sich die ärmsten Distrikte des Landes. “Sin agua, vivienda, empleo y educación no existe el milagro peruano” proklamierten entsprechend einige Hundert Aktivisten, die am Freitag auf die Straße gingen, um gegen den Weltbankgipfel zu demonstrieren – ohne Wasser, Wohnung, Arbeit und Bildung gebe es kein peruanisches Wunder.
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Auf dem Gegengipfel waren Organisationen vertreten wie Oxfam, Coordinadora Nacional de DerechoP1060315s Humanos, CARE, IBC (Instituto del Bien Común / Institut für das Gemeinwohl) und AIDESEP (Interethnischer Verband für die Entwicklung des Peruanischen Regenwaldes). Am zweiten Konferenztag stellte das Red Muqui den Fall Yanacocha vor, der größten Goldmine Lateinamerikas in Cajamarca im Norden Perus. In Kooperation mit Grufides und der Plataforma Interinstitucional de Celendín (PIC) zeigten sie den Dokumentarfilm “La hija de la Laguna” (vom Film-Kollektiv Guarango), über den ich hier schon einmal geschrieben hatte. Máxima Acuña Chaupe und Elmer Campos erzählten, welche Auswirkungen die Macht der Mega-Unternehmen auf ihr Leben hat: Elmer wurde bei einer Demonstration gegen die Erweiterung der Goldmine (Conga-Projekt) in Cajamarca 2012 von einem Polizisten angeschossen und sitzt seitdem im Rollstohl, Máxima kämpft seit Jahren gegen Yanacocha um ihr Land, das sie nicht aufgeben will.

Eva Tempelmann

Eine Antwort

  1. Konrad Borst

    ich lkese Ihre Informationen mit größtem Interesse. Danke für die Mühe. Ich sende Geld vomn e.v. Sol Naciente-Reutlingen e.V. an unsere Küstenwüstenschule in Pachacútec, wo das Wasser immer nich per Tankwagen kommt. Das allerallerschlimmste in Peru ist die mangelhafte Ausbildung der Lehrer und der entsprechend niedere Bildungsstand der Schüler, penúltimo en América Latina aunque mejor que Haití !!!!!!
    Konrad.borst@t-online.de

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