Wer die soziale Dynamik in der nördlichen Andenregion Perus und speziell von Cajamarca verstehen will, muss einen kritisch-solidarischen Blick auf die dortigen Rondas Campesinas, die Bauernwehren (Selbstverteidigungs-und Kontrollorganisationen der ländlichen Bevölkerung) werfen.

Die Anfänge

 Die erste Ronda gründete sich am 29.12.1976 nach wiederholten Einbrüchen mit Möbeldiebstählen an der Schule im Dorf Cuyamalca in der Provinz Chota unter Beteiligung der damals dort tätigen Lehrerin.

 Die Idee machte Schule. Bezeichnend war, dass sich häufig Katecheten für den Aufbau von Rondas besonders engagierten und sehr hohe ethische Ansprüche einbrachten. Diese Kleinbauern hatten im Zug der Pastoralarbeit der Diözese Cajamarca des befreiungstheologischen Bischofs José Dammert Bellido (Don Pepe) in der Zusammenarbeit mit engagierten Priestern und Laien erlebt, dass soziale Verbesserungen zu erreichen gewesen waren, wenn sie basisdemokratisch organisiert und gemeinsam auftraten.

So entstanden viele weitere Rondas als autonome, von den Campesinos auf kommunaler Ebene selbst entwickelte (partei-)politisch unabhängige Organisationen in Reaktion auf die bestehende  Rechtlosigkeit und das Versagen von Polizei und Justiz, insbesondere bei Abwehr und Verfolgung des immer massiver werdenden Viehdiebstahls.

Als sich bei den Rondas die Erfahrungen häuften, dass von ihnen ertappte und dem nächsten Polizeiposten ausgelieferte Diebe flugs frei kamen, bestätigten sich die Vermutungen von Korruption und Seilschaften (Viehdiebstahl und Polizei); die Rondas begannen, Polizei und Justiz (bestechliche Richter) durch selbstorgansisierte  „Verfahren“ im eigenen Dorf zu ersetzen, Vergehen zu ahnden und Delinquenten zu maßregeln.

Die Rondas gaben sich feste Regeln. Im Kern waren es folgende:

Um eine Ronda zu gründen und als solche agieren zu können, musste das ganze Dorf zustimmen. Die Männer hielten Nachtwache und machten Streifengänge, die Frauen waren in der Ronda für Verpflegung und Disziplin(armaßnahmen) zuständig. Auswärtige erhielten einen „Passierschein“ und wurden quasi von einer Ronda zur anderen weiter geleitet. Strafen für festgenommene Diebe legten die Rondas fest.

Später wurde dieses Prinzip der öffentlichen Anklage, Konfliktregelung oder Bestrafung in den Dörfern, die dies beschlossen hatten, auch auf andere Vergehen angewandt.  Es kam etwa bei Fällen von familiärer Gewalt zur Anwendung: In einem offenen Verfahren im Rahmen einer Dorfversammlung wurde dann das Problem besprochen  und eine Strafe wurde verhängt. Diese bestand zumeist in der Verpflichtung zu Tätigkeiten, die dem Dorf dienten. Es gab aber auch Körperstrafen.

Innerhalb weniger Jahre war in der Region  Cajamarca ein zuverlässiges, solides und bodenständiges Netz entstanden, das die notorische Abwesenheit von Staatsgewalt und -fürsorge positiv ersetzte und mehr Sicherheit und Ordnung in den Dorfalltag brachte.

Die Rondas arbeiteten offen, transparent und unabhängig in Selbstorganisation für ihre Dörfer und Kommunen gegen Kriminalität und für bessere Entwicklung.

Parteipolitische Begehrlichkeiten

Zweifelsohne waren die Rondas Campesinas die größte unabhängige Basisorganisation in Cajamarca. Das rief Parteien auf den Plan. Während sich einige um punktuelle Zusammenarbeit und gegenseitigen Respekt bemühten, versuchten andere, die Rondas und ihre Führungspersönlichkeiten unter ihre Kontrolle zu bringen und zu instrumentalisieren. In diesem Sinn muss die maoistische Partei Patria Roja (Rotes Vaterland) erwähnt  werden: Deren Kader sahen in den autonomen kommunal organisierten Rondas die Keimzelle für ein späteres Volksheer und versuchten, Rondas ideologisch zu kontrollieren. Wo dies gelang und die Partei  Einfluss bekam, verstanden sich die Rondas bald nicht mehr als  zivile Kraft, sondern als Bausteine einer politisch-militärischen Gegenmacht zu Justiz und herrschender Politik. Die Rondas, die von Patria Roja dominiert wurden, bestraften Delinquenten bzw. Opfer wesentlich oft auch härter als die anderen – bis hin zur Anwendung brutaler Gewalt.  (Die juristische Aufarbeitung solch eines Falls erregt gerade jetzt wieder Aufsehen und wird medial ausgeschlachtet: Ein ungeklärter tragischer Todesfall, eine Entführung und Körperverletzungen werden vor einem Gericht in Lambayeque verhandelt. Das Aufsehenerregende des Falls ist, dass der derzeitige Regionalpräsident Gregorio Santos und Präsident der Partei MAS darin verwickelt ist;  er war zur Zeit des Geschehens Chef der Rondas Campesinas in Jaen im Norden Cajamarcas.)

Den Strukturen der Rondas Campesinas in Cajamarca ist andererseits zu verdanken, dass eine andere maoistische Partei, die Kommunistische Partei von Perú – besser bekannt als Sendero Luminoso, der Leuchtende Pfad – mit ihren Guerrillamethoden in Cajamarca kaum Fuss fassen konnte.

Die Existenz der Rondas Campesinas hatte in Polizei- und Justizkreisen Wut ausgelöst. Korrupten Polizisten und Richtern entgingen die gewohnten Nebeneinnahmen. Es gab jahrelang heftige Repression gegen verantwortliche Ronderos. Zehn Jahre nach Gründung der ersten Ronda erkannte ein peruanisches Gesetz (DL 24571 von 1986) erstmals die „friedlichen, demokratischen und unabhängigen Rondas Campesinas“ an, was zur Verringerung der Repression gegen sie führte.

Im Zuge der Militäraktionen gegen den Leuchtenden Pfad enstanden in anderen Regionen Perus – vor allem in den Kampf- und Rückzugszonen des Leuchtenden Pfads – sogenannte Rondas Campesinas, die aber mit der Selbstorganisation á la Cajamarca wenig  zu tun hatten, sondern eher als Hilfskräfte des Militärs fungieren sollten und fungierten.

2003, unter Federführung des damaligen Parlamentsabgeordneten in Lima, Luis Guerrero (Cajamarca), und nach Einbeziehung der früher starken Bauerngewerkschaft CCP, wurden die Rondas Campesinas per Gesetz (Ley de Rondas Campesinas, DL 27908) als juristische Personen legitimiert und legalisiert: nämlich die kommunalen, parteipolitisch unabhängigen Instanzen friedlicher interner wie externer Konfliktlösung, für Sicherheit und kommunalen Frieden.

Jahre später entstanden in Cajamarca völlig neue und andere Organisationen, die sich Rondas Urbanas nennen und als städtische Bürgerwehren gegen die Kriminalität in den Städten auftreten. Mitglieder der Rondas Urbanas in Cajamarca erregten jüngst Aufsehen, als sie ein Bordell in Cajamarca überfielen und die Frauen mit Stöcken zu vertreiben suchten. Dieser Akt der Selbstjustiz wurde von den Rondas Campesinas, von der Ombudsstelle  und von Menschenrechtsorganisationen einhellig verurteilt.

Zweischneidiges Schwert

So können heuzutage einige Gruppierungen, die sich selbst als Rondas Campesinas verstehen, angeheuert werden (so in Chota und Cutervo / Cajamarca), um Schulden einzutreiben oder bei privaten Konflikten die gegnerische Partei einzuschüchtern. Bei einer dieser Aktionen wurde ein Herr Collantes aus Yanacancha getötet.

Bekannt  ist auch, dass die eine oder andere Ronda Campesina (Region Bambamarca, Chota / Cajamarca) für Marihuana- und Kokainlaboratorien als Späh- und Warntrupp agiert.

Die Mehrheit der ländlichen Rondas setzt sich jedoch gemäß ihrer Prinzipien weiterhin  gegen Kriminalität und für lokale Entwicklung ein.

Jedenfalls, die Rondas Campesinas der Gründungsphase vor rund  40 Jahren in Cajamarca gibt es so nicht, wir haben es heute mit unterschiedlichen Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen zu tun. Das gilt auch für die Position der Rondas Campesinas für oder gegen Bergbau im großen Stil. Wer z.B. vom Drogengeschäft ein bisschen profitiert, ist – je nach geographischer Lage – vielleicht gegen den Bergbau, weil dieser bewaffnete Aufsicht und Wegekontrolle mit sich bringt. Wer aber einen Angehörigen  in der Gegend hat, der sich einen Arbeitsplatz oder Aufträge der Bergbaugesellschaft erhofft, neigt vielleicht eher zur Bagatellisierung möglicher Folgeschäden des Bergbaus.

Jedenfalls sind die Rondas Campesinas in der Umgebung der Mine von Yanacocha und Conga eher pro Bergwerkstätigkeit, während andere (aus Celendin und Bambamarca) gegen die Bergwerkstätigkeit und die Verschmutzung des Wassers kämpfen.

 Und somit sind die Rondas in dem zur Zeit  wegen der Berbauproblematik aufgeheizten  poltischen Stimmung in der Region sehr polarisiert und stehen unter Verdacht, Spielball  in der Auseinandersetzung zu sein.

 Heinz Schulze

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