Frauen in Umwelt- und Bergbaukonflikten stehen vor ganz eigenen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Zu dieser Schlußfolgerung kommt die Juristin, Dichterin und Menschenrechtsaktivistin Rocío Silva-Santisteban in ihrem Buch „Frauen und öko-territoriale Konflikte. Auswirkungen, Strategien, Widerstand“.

Für das Buch hat Rocío Silva-Santisteban zahlreiche Frauen und Anführerinnen aus dem Widerstand gegen extraktive Projekte befragt.

Lili Essenwanger hat Rocío Silva-Santisteban dazu interviewt.

Infostelle Peru: In Deinem Buch beschäftigst Du Dich mit der Frage von Umweltschützerinnen, die von Bergbau-Unternehmen misshandelt wurden. Warum befragst Du nur die Frauen ? Ist die Gewalt gegen Frauen anders als die, die Männer erfahren?

Rocío Silva-Santisteban: Bei sozialen Konflikten sterben mehr Männer als Frauen, etwa 80% sind Männer. Dennoch ist der geringe Anteil an Frauen nicht zu unterschätzen, da für sie die Konsequenzen deutlich andere sind.

Die Lebensweise von Frauen verändert sich radikal. Frauen sind diejenigen, die sich der Suche nach Gerechtigkeit annehmen müssen, wenn ihre Männer, Väter und Kinder getötet worden sind. Frauen müssen sich all den Veränderungen stellen, die extraktive Unternehmen in ihrem Leben schaffen, sowohl im Bergbau als auch in der Ölindustrie.

Und es ist auch vorgekommen, dass die Arten der Gewalt gegen Frauen vor allem stigmatisierend sind. Sie werden verunglimpft und als Verräterinnen der Gemeinschaft angesehen. Es gibt eine ganze Reihe von internen Rufmordkampagnen, die der Person Schaden zufügen. Eine andere, ganz gewöhnliche Sache ist die sexuelle Gewalt, die unter verschiedenen Umständen in verschiedenen Räumen aufgetreten ist. Darüber hinaus gibt es auch die Kriminalisierung von Frauen durch Anschuldigungen, wie zum Beispiel, dass sie Terroristinnen seien, Geldwäsche betreiben würden oder Land widerrechtlich besetzten.

Die Form der Belästigung ist bei Männern anders. Zum Beispiel wurde Oscar Mollohuanca, ehemaliger Bürgermeister von Espinar, angezeigt und sogar für einen Monat inhaftiert, obwohl er völlig unschuldig war.

Während die Fälle bei Männern für gewöhnlich das Arbeitsumfeld betreffen, konzentrieren sich die Fälle bei den Frauen eher auf ihre Persönlichkeit und einfach auf die Tatsache, eine Frau zu sein.

Infostelle Peru: Wie war es für Dich, mit diesen Frauen zu sprechen? War es leicht für sie, sich Dir zu öffnen?

Rocío Silva-Santisteban: In den meisten Fällen war es einfach, weil ich schon einige von ihnen kannte. Ich beschäftige mich seit mehreren Jahren mit Menschenrechten, auch mit Menschen, die ich nicht so gut kannte, wie zum Beispiel die Anführerinnen aus dem zentralen Regenwald. Einige von ihnen waren etwas zurückhaltender, aber im Endeffekt war es so, dass ich Frauen interviewt habe, die ihr Herz für mich geöffnet haben. Einige wollten nicht, dass ihre Informationen veröffentlicht werden, aber sie haben mir geholfen, Dinge zu verstehen. Aber ja, alles war sehr positiv.

Infostelle Peru: Du benutzt oft den Begriff „Biopolitik“. Was ist das und auf welche Weise bezieht sich das auf den Fall dieser Frauen?

Rocío Silva-Santisteban: Biopolitik ist ein Begriff, den der französische Philosoph Michel Foucault geprägt hat. Vor einiger Zeit interessierte ich mich für sein berühmtes Buch „Überwachen und Strafen“. Foucault sagt, dass die Politik nicht nur durch die Kontrolle der Öffentlichkeit geprägt wird, sondern auch durch die Kontrolle privater Unternehmungen und des Körpers.

Im Buch sage ich, dass Politik mit der Kriminalisierung von Protest verbunden ist. Politikstrategien, die mit dieser Notwendigkeit und Dringlichkeit einer extraktiven Entwicklung in allem verbunden sind, wollen das Leben kontrollieren – nicht nur durch die Kontrolle der Körper von Menschen, sondern auch durch die Gewalt des Staates, Polizeirepression oder sogar die Kontrolle der Mobilität, wenn z.B. Strassen gesperrt werden. Dadurch kommt es zur Kontrolle des Lebens selbst, im biologischen Sinne. In vielen Fällen wird dort, wo sich eine Minen-, Gas- oder Ölgesellschaft niederlassen will, die Kontrolle über Wasser und alle natürlichen Lebens-Umstände angestrebt, die mit diesem Gebiet verbunden sind. Die gesamte Umgebung wird zum Verwaltungsgebiet des Unternehmens.

Es spielt dabei keine Rolle, ob dort Bäume, Lagunen oder Feuchtgebiete sind. Was auch immer dort ist, es wird je nach Unternehmenstyp dem Erdboden gleich gemacht. So kommt es zur Kontrolle des biologischen Lebens in unserer Umwelt. Und das müssen wir stoppen und darüber nachdenken, weil es brutal vorkommt.

Infostelle Peru: Und warum verwendest Du den Begriff „ecoterritorial“ (öko-territorial) anstatt den Begriff „Sozio-Umwelt“ weiter zu verwenden?

Rocío Silva-Santisteban: „Socio-ambiental“ (sozial und umweltbezogen) bezieht sich auf Konflikte im Zusammenhang mit der Umwelt im weitesten Sinne , aber wenn wir diese Konflikte analysieren, besonders bei Bergbaukonflikten, erkennen wir, dass in Wirklichkeit der Hauptgrund des Konflikts nicht unbedingt die Umwelt ist, sondern das Territorium, denn hier gibt es Territorien indigener Gemeinschaften, die praktisch von den Minengesellschaften annektiert oder gekauft werden.

Infostelle Peru: Wie verhält sich das Territorium zu den Frauen?

Rocío Silva-Santisteban: Während alle Menschen in Bezug zu einem Territorium stehen, gibt es eine Komponente, die speziell Frauen schadet. Es ist nämlich so, dass der gemeinschaftliche Landbesitz in den Händen von Männern ist. Und es sind die Männer, die die Entscheidungen treffen. Im Gesetz der bäuerlichen Gemeinschaften wird in einem Artikel festgestellt, dass der Eigentümer des Landes das Familienoberhaupt ist, welches immer männlich ist. So kommt es, dass die Entscheidungsträger die Männer sind. Und oft entscheiden sie, ohne die Meinung ihrer Frauen zu Rate zu ziehen. Sie treffen die Entscheidung angesichts dessen, was sie selbst denken bzw. was die anderen Gemeinschaftsmitglieder sagen. Letztendlich wird die Ehefrau dann damit überrascht, dass das Eigentum verkauft wurde. Dies ist eine Situation, die der Frau und den Kindern sehr schadet, da die Kinder normalerweise bei der Mutter bleiben.

Infostelle Peru: Du sagst, dass es wichtig ist, eine eigene Strategie für die Verteidigung der Rechte der Frauen in Umweltkonflikten auszuarbeiten. Was wären die wichtigsten Punkte, um im Rahmen eines Projektes neue Gesetze auf den Weg zu bringen?

Rocío Silva-Santisteban: Der erste Schritt wäre ein Gesetzentwurf zum Schutz der Verteidigerinnen des Territoriums und der Umwelt. In dem im Dezember letzten Jahres veröffentlichten Menschenrechtsplan sollten mehrere Artikel bezüglich der Verteidiger enthalten sein, doch wurden diese Artikel schließlich auf Druck des Unternehmerverbandes CONFIEP (Confederación Nacional de Instituciones Empresariales Privadas) annulliert. Das ist schrecklich, weil ich glaube, dass es Menschen gibt, die in unserem Land mit einem hohen Risiko leben. Es gibt so viele Menschen, die Verteidiger ihrer Umwelt sind, Verteidiger von Wasser, Verteidiger des Landes, und ihnen wird nicht die nötige Aufmerksamkeit oder der gebührende Schutz geboten. Zunächst müsste damit begonnen werden, und zweitens sollte zumindest ein Protokoll zum Schutz von Menschenrechtsverteidigern erstellt werden.

Verteidiger des Territoriums und der Umwelt fordern oft vorsorgende Maßnahmen von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, und die Vorsichtsmaßnahmen bestehen zum Beispiel darin, dass ein Polizist morgens, mittags und abends eingesetzt werden sollte, um sie zu beschützen. Und das ist absurd, denn das ist nicht unbedingt etwas Gutes. Im Fall von Máxima Acuña in Cajamarca kam die Polizei einmal in der Woche vorbei, um sie zu fragen: „Geht es Dir gut?“ Es gibt viele andere Arten des Schutzes jenseits einer Leibwächter-Polizei. Außerdem gibt es im Fall von Máxima Acuña Polizisten, die als Spione für alles, was sie tat, dienten.

Infostelle Peru: Wer müsste etwas tun, um diese Situation zu ändern? Und was können wir aus Deutschland beitragen?

Rocío Silva-Santisteban: Aus Deutschland kann eine Menge Hilfe kommen. Das nationale Ombudsbüro (Defensoría del Pueblo) ist die Institution in Peru, die über alle Informationen bezüglich sozialer Konflikte verfügt. Darüber hinaus hat die Ombudsstelle ein Konfliktmodell aufgestellt, das meines Erachtens aber nicht funktioniert. Es ist ein Modell, das einen Anfang, einen Höhepunkt, eine Antiklimax und ein Ende hat. Und die Ombudsstelle führt dieses Modell immer noch fort. Ich habe hingegen etwas sehr Einfaches vorgeschlagen. In meinem Vorschlag habe ich das Modell eines Österreichers namens Friedrich Glasl zitiert. Dies scheint ein Modell zu sein, das in Deutschland benutzt wird, um einen Konflikt wirklich zu verstehen. In der Defensoría del Pueblo sehen sie die Konflikte als etwas Regelmäßiges an, wobei Konflikte von Natur aus immer sehr unregelmäßig sind. Ich denke, wir sollten das Modell von Friedrich Glasl an Peru anpassen, nicht nur in der defensoría del Pueblo, sondern auch in den Institutionen, die sich mit dem Thema der sozialen Konflikte befassen.

Wenn Deutschland die Peruaner darin unterstützen könnte, neue Formen der Konzeptualisierung sozialer Konflikte zu verstehen, wäre das eine große Hilfe. Zweitens glaube ich, dass Deutschland eine Tradition hat, hart an den Menschenrechten zu arbeiten. Dieses Arbeitsmodell zwischen der Zivilgesellschaft und dem Staat ist ein Arbeitsmodell, das wir gerne einbeziehen würden. Darüber hinaus denke ich, dass es ein großes Problem ist, dass der Zivile Friedensdienst (ZFD), der ein sehr wichtiges Programm aus Deutschland und für viele Jahre in Peru aktiv war, zurückgezogen wurde.

Infostelle Peru: Viele Frauen in Umweltkonflikten werden als Opfer behandelt. Denkst du, dass die Konnotation als Opfer ihnen hilft, sich selbst zu stärken?

Rocío Silva-Santisteban: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe kürzlich einen Dokumentarfilm über Frauen gesehen, die in den USA angegriffen wurden. Eine grundlegende Sache war, dass sie aus dem Opferstatus herauskommen müssen, um etwas tun zu können. Den Zustand des Opfers zu verlassen bedeutet, auf die Seite des Überlebenden zu gehen. Der anschließende Schritt vom Zustand des Überlebenden zum Zustand des „Verteidigers“, ist ein kleiner. Was man also tun muss, ist das Arbeiten am Opferstatus. Wenn man nämlich sich im Zustand des Opfers befindet, ist man zu verletzlich.

Infostelle Peru: Welche Verantwortung haben die Männer im Kampf gegen den Extraktivismus, wo Frauen das Gesicht des Kampfes sind?

Rocío Silva-Santisteban: Ich glaube, dass sie eine große Verantwortung haben, weil sie nicht nur gegen den Extraktivismus, sondern gegen ihr eigenes Machogehabe kämpfen müssen, und gegen den Machismo des Extraktivismus. Man spricht von Machismus im Extraktivismus, wenn die Geschäftsleute eine Vereinbarung mit den Gemeindeführern (dirigentes) treffen und die Frauen diskriminiert werden, wenn es darum geht, Entscheidungen über ihre Territorien zu treffen. Es scheint jedoch, dass es bereits mehrere Gemeindeführer (dirigentes) gibt, bei denen ein Umdenken stattfindet. Sie versuchen, die Beteiligung von Frauen zu sichern, vor allem in Cajamarca ist mehr Fortschritt zu sehen.

Infostelle Peru: Was hast Du persönlich von den Gemeindeführerinnen und Umweltschützerinnen gelernt ?

Rocío Silva-Santisteban: Ich habe viel gelernt, zum Beispiel Führungsstile, die ich vorher noch nicht kannte. Ich kann nun auch die vielen persönlichen Schwierigkeiten verstehen, die viele dieser Gemeindeführerinnen hatten, um vorwärts zu kommen: Schwerwiegende persönliche Schwierigkeiten, viele mussten sich von ihren Ehemännern trennen, in eine andere Stadt ziehen oder an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen.

Interview: Lili Essenwanger

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