Francisco Cárdenas ist eine Art Entwicklungshelfer, der den umgekehrten Weg gegangen ist. Der Peruaner aus Cajamarca arbeitet in einem Berliner Bezirk mit, die ankommenden Flüchtlinge zu betreuen.

Francisco Cárdenas Ruiz, 35, wurde in Cajamarca geboren, studierte in Peru Jura und bekam über die Städtepartnerschaft zwischen seiner Heimatstadt und dem Berliner Bezirk Treptow-Köpenick Kontakt zu Deutschland, zur deutschen Sprache, und vor allem zu seiner deutschen Frau, die er schon im Jahr 2000 kennenlernte. Seit 8 Jahren lebt er nun in Berlin, hat eine kleine Tochter und absolvierte hier einen Master-Studiengang in „Recht für die öffentliche Verwaltung“.
Heute arbeitet er im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf in der Koordinierung der Flüchtlingsarbeit der Bezirksverwaltung.
Ich treffe mich mit Francisco, um über seine Arbeit zu sprechen und seinen Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen hierzulande zu erkunden.

Infostelle: Wie bist du zur Arbeit mit Flüchtlingen gekommen?

Franciso Cárdenas: Die Frage der Menschenrechte war schon immer sehr wichtig für mich. Auch in der Städtepartnerschaft setze ich mich dafür ein, und bei einem Pflichtpraktikum im Bundestagsausschuss für „Menschenrechte und Humanitäre Hilfe“ wurde ich mit dem Thema Flucht in Europa konfrontiert.- Als in Hellersdorf die rechte Bewegung „Nein zum Heim“ auf den Straßen sichtbar und hörbar wurde, wollte ich aktiv werden und suchte nach Möglichkeiten. In Treptow-Köpenick gab es wenig später Widerstand von Seiten der Einwohner gegen eine geplante Unterkunft im Salvador-Allende-Viertel. Das war der Anlass für eine Diskussion in unserer Städtepartnerschaft, die sich ja mit dem Thema Interkulturalität intensiv beschäftigt. Aus Peru flohen ja auch viele Menschen, die die Gewalt im Rahmen des „Internen Krieges“ nicht mehr ertrugen oder politisch-links engagiert waren und in Europa oder den USA Zuflucht suchen mussten; auch über die Infostelle Peru lernte ich PeruanerInnen kennen, die deshalb nach Deutschland kamen und nun hier leben.

Infostelle Peru: Was ist deine Aufgabe für das Bezirksamt?

Francisco Cárdenas: Im Bezirk leben etwa 2.400 Geflüchtete in z.Zt. 7 Sammelunterkünften, und zusätzlich noch etwa 500 in Privatwohnungen, Hostels und Pensionen. Zu meinen Aufgaben gehören die Einhaltung und Entwicklung von Qualitätsstandards für die Unterbringung und Betreuung geflüchteter Menschen sowie die Koordinierung der bezirklichen Unterstützung der Geflüchteten bei ihren Integrationsbestrebungen. Ich bin Fachansprechpartner für die Ämter auf Landes- und Bezirksebene und versuche, darauf hinzuwirken, dass die Belange von geflüchteten Menschen bei allem wichtigen Verwaltungshandeln entsprechend berücksichtigt werden. Weiterhin fungiere ich als Schnittstelle für die Kommunikation zwischen der Verwaltung und den Flüchtlingseinrichtungen. Ich arbeite in direkter Abstimmung mit dem Integrationsbeauftragten des Bezirkes mit Trägern, Netzwerken, Initiativen, Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen im Bereich Integration und Flüchtlingsarbeit zusammen. Unsere direkte Vorgesetzte ist die Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Die Linke). Im Bezirk werden verschiedene Projekte gefördert, beispielsweise planen wir schon lange Patenschaften für die sog. „Unbegleiteten Minderjährigen“, für die Unterstützung im Zugang zum Arbeits- und zum Wohnungsmarkt. Wir setzen uns als Bezirk dafür ein, dass junge Geflüchtete über 16 Jahre in die Schule gehen können und fordern das bei den zuständigen Ämtern ein.

InfoPeru: Wie ist dein Blick auf die Flüchtlings-Welle in Deutschland?

Francisco Cárdenas: Ich bewundere Deutschland, dass es die Rolle des Rechtsstaats ernst nimmt und diese große Aufgabe auf sich genommen hat! Große Teile der Bevölkerung tragen diese Aufgabe mit, wohl auch angesichts der z.T. schlimmen Vergangenheit Deutschlands. In Berlin war zwar das Verwaltungssystem z.T. auch überfordert, wie das Beispiel des LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) gezeigt hat, wo im Jahr 2015 Flüchtlinge tagelang, oft im Freien, anstehen mussten für Bescheinigungen, Gutscheine etc. – Und leider werden wohl jetzt auch zunehmend die Rechte der Geflüchteten eingeschränkt, etwa beim Familiennachzug, dem gekürzten Mindestlohn. Nur bei sog. „Guter Bleibeperspektive“ gibt es den Zugang zu Sprachkursen, so dass ich manchmal den Eindruck bekomme, Europa wolle nun vielleicht Flüchtlinge auch etwas abschrecken. –
Dennoch finde ich, dass die öffentliche Verwaltung auch eine erstaunliche Reaktionskapazität gezeigt hat und flexibel auf die neuen Herausforderungen reagiert. Und natürlich bewundere ich die Bereitschaft aus der Zivilgesellschaft zu helfen; das war eine große Überraschung für mich.
In Peru wäre das so wohl nicht möglich und die Bereitschaft zu helfen viel geringer, unser Land ist auf Migranten nicht vorbereitet.
InfoPeru: Was überrascht dich an der täglichen Arbeit mit den Flüchtlingen?

Franciso Cárdenas: Ich habe nicht so viel direkten Kontakt, da ich hauptschlich für die interne Koordinierung unserer Verwaltung zuständig bin und ja auch eine Sprachbarriere vorhanden ist. Wir setzen auf „Sprachvermittler“, die ehrenamtlich die Dolmetscherarbeit übernehmen, oder auf die sozialen Betreuer und „Integrationslotsen“, die zu den staatlichen Stellen vermitteln können. Aber es kommt schon vor, dass mich Geflüchtete persönlich aufsuchen und Unterstützung z.B. bei der Wohnungssuche erbitten. Da dachte ich erst, das sei zu viel von mir gefordert. Aber jetzt helfe ich doch manchmal. Und da merke ich dann, dass die Geflüchteten meist eine große Bereitschaft haben, auch ihrerseits zu helfen, anzupacken z.B. bei notwendigen Arbeiten in den Unterkünften. Sie wollen zurückgeben, was sie hier bekommen! Dagegen finde ich die doch von vielen Deutschen verächtlich gemachte Bezeichnung der sog. „Kuschelkultur“ gegenüber den Geflüchteten als absurd!

InfoPeru: Hast du selbst schon erlebt, dass du als Ausländer in Deutschland rassistisch oder aggressiv behandelt worden bist?

Francisco Cárdenas: Ich persönlich habe noch kein Mal rassistische Übergriffe oder Beleidigungen erlebt; im Gegenteil habe ich schon Vorteile gehabt durch die Tatsache, dass ich Ausländer bin, etwa beim Studium. Ich werde hier als Individuum wahrgenommen, während die Flüchtlinge meist als Gruppe, als Kategorie betrachtet werden. Für die Geflüchteten werde ich oft als etwas Positives in diesem Land gesehen, nämlich als Beispiel, dass es Ausländer hier schaffen können, es zu etwas bringen können.
InfoPeru: Bist du im Rückblick zufrieden mit dem, was du machst? Hast du das Gefühl, etwas Positives in der Flüchtlingskrise beitragen zu können?

Francisco Cárdenas: Ich schätze unsere sog. westliche Kultur hoch ein, und ich fühle mich als Peruaner zugehörig dazu. Und ich kann die Ängste wegen des angeblichen „Verlusts europäischer und kultureller Werte“ überhaupt nicht nachvollziehen, halte Abgrenzung für völlig falsch! Wir sind alle aufgefordert, das Positive unserer westlichen Kultur noch klarer zu zeigen. Ich komme aus einem armen Land, ich kenne Armut, Gewalt und soziale Ungerechtigkeit. Deshalb sollten wir es in Deutschland erreichen, aus Solidarität noch verstärkt dazu beizutragen, dass die Geflüchteten schneller aus ihrer elenden Situation herauskommen und wieder in ein „normales Leben“ kommen können. Ich bin stolz darauf, dass ich ein wenig dazu beitragen kann. Abends kehre ich meist müde und oft gestresst nach Hause, aber ich empfinde meine Arbeit als sehr positiv, ich bin froh, meinen Beitrag leisten zu können.
Und wenn mir in Peru Freunde sagen, denen ich von der Flüchtlingsarbeit hier im Land erzähle, dass sie glauben, dass „Deutschland nun seine Geschichte gerade umschreibt“, bin ich sehr bewegt!
Das Interview mit Francisco Cárdenas führte Mechthild Ebeling

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