Wenn man als „Gringo“ mit Peruanern spricht, erscheint Deutschland oft als „gelobtes Land“, als unantastbares Vorbild, das man in Peru kopieren müsse. Im Umgang mit humanitären Krisen aber könnte Deutschland sich eine Scheibe von Peru abschneiden.

Fast 11.000 Kilometer Luftlinie trennen Deutschland und Peru, eine komplett verschiedene Geschichte, eine – wie wir sehen werden – andere Kultur und Sprache. Und doch gibt es seit jüngster Zeit eine Gemeinsamkeit, welche die beiden Länder verbindet: beide sind das Hauptziel einer gewaltigen Migrationsbewegung auf ihrem jeweiligen Kontinent.

500.000 Flüchtlinge – und Peru bleibt entspannt

Rund 500.000 Venezolaner hat Peru bisher aufgenommen. Sie fliehen vor einem verbrecherischen kommunistischen Regime, das keinen Ausweg aus der nicht enden wollenden Wirtschaftskrise findet und bestrebt ist, jegliche seiner Kritiker mundtot zu machen.
500.000 Venezolaner, das sind rund 1,6 Prozent der peruanischen Bevölkerung. Deutschland nahm 2015, je nach Zählung, zwischen 750.000 und einer Million Flüchtlinge auf. Das sind jedoch maximal 1,2 Prozent der Bevölkerung. Das wirtschaftlich deutlich schwächere Peru nahm also verhältnismäßig mehr Flüchtlinge auf als der „starke Mann“ Europas.

Trotzdem bleibt Peru relativ ruhig. Natürlich gibt es Venezolaner, die unter rassistischen Anfeindungen leiden. Natürlich wurden die sozialen Netzwerke überschwemmt mit Falschnachrichten und erfundenen Geschichten über venezolanische Gewaltverbrecher, oftmals unterstützt durch sensationsgierige Nachrichtenportale. Und natürlich sind die Behörden Perus mit der Registrierung der zahlreichen Migranten völlig überfordert.

Und doch: die peruanische Regierung bleibt handlungsfähig. Handlungsfähig in dem Sinne, dass sie nicht seit drei Jahren darüber diskutiert, ob eine Entscheidung in einer Notsituation, die nun nicht mehr rückgängig zu machen ist, nun richtig war oder falsch. Handlungsfähig in dem Sinne, dass sie nicht ständig mit sich selbst beschäftigt ist, sondern mit innenpolitischen Sachthemen: die Regierung von Präsident Vizcarra hat den Kampf gegen die Korruption aufgenommen, ein ambitioniertes Verfassungsreferendum für den 9. Dezember durchgesetzt – und ist mit dieser Strategie so beliebt wie nie zuvor.
Es gibt keine „Patriotischen Peruaner gegen die Venezolanisierung des Tawantinsuyu“, wie man das vielleicht nennen könnte, die jede Woche auf den Straßen Limas gegen venezolanische Flüchtlinge Stimmung machen würden, und keine Alternative für Peru, welche mit einer ausländerfeindlichen Rhetorik die Parlamente erobern würde. Im Gegenteil, der Rechtsaußen-Kandidat Ricardo Belmont erhielt bei den Bürgermeisterwahlen in Lima nur 3,89 Prozent.
Die venezolanische Flüchtlingskrise? Ist in Peru nur eine Randnotiz.

Das Recht auf Arbeit

Woran liegt das? Warum kommt das „kleine“ Peru mit der venezolanischen Flüchtlingskrise augenscheinlich besser klar als das „große“ Deutschland mit der afrikanisch-syrischen?

Zum einen liegt das an den Fakten.
Ein Venezolaner bekommt in Peru viel leichter eine Arbeitserlaubnis als ein Syrer in Deutschland. Helferorganisationen wie der bayerische Flüchtlingsrat klagen seit Jahren, dass Gesetze wie die 2+3-Regelung, die einem Flüchtling mit Ausbildungsvertrag insgesamt fünf Jahre Bleiberecht gewährt, nicht umgesetzt werden. Je nach Bundesland gleicht der Zugang zu einer Arbeitserlaubnis einem Spießrutenlauf oder einem Lottospiel.
Anders in Peru. Wer hier Asyl beantragt, bekommt bereits mit der Antragsstellung seine Arbeitserlaubnis. Noch dazu hat die Regierung den Ernst der Lage erkannt und eine „permiso temporal de permanencia“ (PTP) eingeführt, eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis, exklusiv für Venezolaner. Zugang zu ihr hat jeder, der bis zum 31. Oktober legal eingereist ist; ob das Programm verlängert werden wird, ist noch nicht bekannt.
Dass die „PTP“ zu beantragen ewig dauern kann und viele Migranten sich daher für das Asylrecht entscheiden, ohne ein wirkliches Recht auf Asyl zu haben? Geschenkt.

Geplante Planlosigkeit

Zum anderen liegt das aber auch, wir hatten es bereits angedeutet, an der Kultur. Sicher, der kulturelle Unterschied zwischen den spanischsprechenden Venezolanern und den spanischsprechenden Peruanern mag kleiner sein als der zwischen einem Deutschen und einem Syrer. Doch das ist nicht alles.

Deutschland ist weltweit bekannt dafür, eine Kultur der „hohen Unsicherheitsvermeidung“ zu pflegen. Deutsche sind pünktlich und kommen nie zu spät; es gibt Vorschriften und Regeln bis hin zum Krümmungsgrad von Gurken (eine Regel, die deutsche Transport-Lobbyisten europaweit durchgesetzt hatten); sie planen alles, sogar ihren Urlaub; und wenn ein ursprünglich gefasster Plan scheitert, dann ist die Hölle los.
Ganz anders Peru, ein Land, das sich durch eine „niedrige Unsicherheitsvermeidung“ auszeichnet. Von „hora alemana“ spricht der Peruaner, wenn ein Treffen pünktlich stattfinden soll. Von „hora peruana“ spricht er, wenn doch wieder alle zu spät kommen. Mündliche Absprachen dienen dazu, eine Beziehung zu etablieren, sind aber nicht unbedingt als verbindlich zu betrachten. Und im Alltag regiert die „Feuerwehr-Mentalität“: anstatt planvoll zu kalkulieren, welche Aufgabe die wichtigste und dringendste ist, hechtet der Peruaner von einem Problem zum nächsten, je nachdem, wo es eben gerade „brennt“.

Peru ist auf die Flüchtlingskrise besser vorbereitet als Deutschland

Das sind Vorurteile, ohne Zweifel, aber sie haben einen wahren Kern. Und dieser Kern wird im Umgang mit den Flüchtlingen zum Trumpf. „Deutsche Gründlichkeit ist super, aber jetzt wird deutsche Flexibilität gebraucht“, sagte Angela Merkel Anfang 2016, ein Satz, den heute schon keiner mehr zu zitieren wagt. Die Peruaner wissen, was Flexibilität bedeutet. Sie sind auf ihre Flüchtlingskrise besser vorbereitet als die stets verplanten Deutschen, denn sie sind mit ihrer Mentalität in der Lage, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren. Merkel hatte ihrem Land im Wahlkampf 2013 versprochen, dass es mit ihr keine großen Überraschungen geben werde. Zwei Jahre danach kam dann die große Überraschung, doch die Deutschen mögen keine Überraschungen. Diese Krise wäre zu meistern gewesen, wenn Merkel einen strukturierten Plan vorgelegt hätte und sich mit allen Akteuren der Gesellschaft zu einem runden Tisch zusammengesetzt hätte. Aber diesen Plan gab es nicht, und wenn es keinen Plan gibt, ist wie gesagt die Hölle los in Deutschland. (siehe dazu auch https://asyl.dillingen.de/index.php/aktuelles/396-wir-koennten-das-schaffen)

In Peru gab es noch nie einen Plan. Die Idee, dass sich die Zukunft vorausplanen ließe, ist den Peruanern fremd: „vamos a ver“, wir schauen, was kommt. Und reagieren dann spontan auf die Herausforderungen, die sich uns stellen.
In Peru gab es auch keinen starken Staat, der versagen könnte angesichts einer nicht zu bewältigenden Krise. Durchwurschteln ist Staatsräson, und so wurschteln sich die Venezolaner eben durch auf einem schwarzen Arbeitsmarkt, der schon vorher bestand, und in einem System, das schon vorher auch mal „fünfe gerade sein“ ließ.

Was kann Deutschland also von Peru lernen? Dass es angesichts einer Krise nichts nützt, sich endlos darüber zu streiten, ob diese oder jene Entscheidung richtig oder falsch war. Dass man die Krise anpacken muss, mit Optimismus und dem Wissen, dass das Leben eben nicht planbar ist. Und dass man sich nicht wegducken sollte wie Angela Merkel angesichts der Rechtspopulisten, die immer nur dagegen sind, ohne selbst eigene Vorschläge zu machen, sondern als Präsident mit mutigen Reformen vorangeht wie Martín Vizcarra. Mit Reformen, die das Land tatsächlich braucht.

 

Jan Doria
(Jan Doria studiert in Tübingen Medienwissenschaft und Spanisch und verbringt ein Auslandssemester an der Katholischen Universität Perus).

7 Responses

  1. Gerehard Redecker

    Stimmt alles im Grossen und Ganzen. Man sollte aber nicht vergessen zu erwähnen, dass Venezuela in den 70ern zig Tausenden von Peruanern mit liberalen Aufenthaltsregeln die Flucht aus der Armut ermöglichte. Daher ist die Aufnahme der Venezolaner nicht zuletzt auch ein Akt der Dankbarkeit und Reziprozität. Auf den peruanischen Arbeitsmarkt sind die idR gut ausgebildeten Venezolaner iÜ hoch willkommen.

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  2. Bärtiger Hassan

    Ich habe mir diesen Artikel komplett durchgelesen und finde die dargestellten Inhalte sehr dubios und teilweise tendenziös.

    Nebst falsch zitierten statistischen Zahlen sowohl über die Flüchtlingslage in Deutschland als auch die in Peru und inkohärenten Vergleichszeiträumen stellt sich mir doch die Frage, ob der Autor, bzw. ihr Verein die enthaltenen Argumente ernst meint. Die von ihnen gelobte peruanische „Feuerwehrmentalität“ und „geplante Planlosigkeit“ existiert doch ebenfalls in Deutschland par excellence seit 2015. Dass sie aber ebendiese Zustände und Auswirkungen in Peru loben und diese für Deutschland empfehlen, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

    Einerseits erkennt der Autor ja selbst im Text, dass interkulturelle Differenzen für einen unterschiedlichen Umgang mit der Situation verantwortlich sind. Weshalb aber durchgehend in autoaggressiver Manier (ich vermute mal hinter dem Autor auch die deutsche Nationalität) das eigene Land, Regierung, Bevölkerung und Mentalität weitaus schlechter gemacht wird, als es dann doch tatsächlich ist, bleibt für mich ein ungelöstes Rätsel. Das ist dann doch nicht mehr als kritische Reflexion zu werten, sondern eine durchgehend negative Ausschmückung.

    Ich selbst habe mit vielen Venezolanern gesprochen, mit den meisten in Lima. Da waren rassistische Anfeindungen teils noch der mildeste Umgang, von dem gesprochen wurde. Natürlich (!) verhalten sich nicht alle Peruaner gegenüber den Venezolanern so, jedoch wird im gesamten Artikel eigentlich viel zu wenig über das eigentliche Thema des gegenseitigen Umgangs und der daraus resultierenden Chancen geschrieben. DAS wäre nämlich tatsächlich interessant gewesen. Wie der Kommentator zuvor schon schrieb, sind Venezolaner im Durchschnitt besser ausgebildet als Peruaner.

    Was kann Deutschland also von Peru lernen? Bestimmt gastronomisch eine Menge, aber sicherlich in der Flüchtlingskrise rein gar nichts, denn beide Nationen sind ziemlich überfordert ob der finanziellen, wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen und Belastungen. Was natürlich auch nachvollziehbar ist, denn in solchen historischen Ausnahmesituationen beider Länder kann man weder spontan noch geplant für alle Anspruchsgruppen alles goldrichtig vollbringen. Zumal auch beide Situationen viel zu komplex und abstrakt sind, als dass sie einander vergleichbar gemacht werden könnten.

    Es ist darüber hinaus auch äußerst fragwürdig, dass Sie Angela Merkel für ihre beschlossenen Entscheidungen zu kritisieren, nur um zwei Paragraphe später wie von Ihnen beschrieben „angesichts einer Krise nichts nützt, sich endlos darüber zu streiten, ob diese oder jene Entscheidung richtig oder falsch war“. Spätestens damit haben sie sich selbst demaskiert, bzw. entwaffnet. Nicht nur, dass sie damit auch politisch werden wollen, das war ein deutliches und vermeidbares, kausales Eigentor in diesem Artikel.

    Dass der Autor darüber hinaus seine eigenen Argumente mit einem Link zu vermeintlichen Hintergrundinformationen des eingetragenen Vereins „Asyl/Migration Dillingen a.d.D.” verlinkt und zu untermauern versucht, ist auch irgendwo ein bisschen fadenscheinig. Schließlich ist er stellvertretender Vorsitzender des gleichen Vereins und laut Beschreibung „Verantwortlicher für die Medienarbeit und die Homepage unseres Vereins“. Sie beziehen sich hier also auf ihre eigenen Argumente aus einer anderen Quelle, geben diese aber für den Leser als Fakt vor. Allerspätestens das ist aber ein absolutes „NO GO“ für einen jeden Studenten, der glaubwürdig wirken will, insbesondere aber für jene der Zunft der Medienwissenschaftler.

    Nun absolviert der Autor jedoch – wie unten im Text beschrieben – ein Auslandssemester irgendwo in Peru. Eben drum wäre es doch eine einmalige und gute Gelegenheit gewesen, sich zu diesem Thema ausgiebig über Primärforschung (insbesondere Gespräche, bzw. Interviews) zu bilden und informieren, bevor der Artikel verfasst und veröffentlicht wird. Da aber nicht einmal die Sekundärforschung (insbesondere die zitierten Zahlen) korrekt ist, hat dieser Artikel leider sein Ziel vollends verfehlt.

    Ich hätte mir, wenn sie schon über das heikle Thema rund um Krisensituationen, Asyl und deren Umgang berichten wollen, nebst korrekter Zahlen und Vergleichszeiträumen eine dezidierte und objektive Darstellung gewünscht. So jedoch geben Sie dem uninformierten deutschen Leser ein völlig falsch gefärbtes Bild, über die Situation zwischen Peruanern/Venezolanern in Peru. Wer sich also selbst in Peru, vorzugsweise Lima, kein eigenes Bild von der Lage machen konnte, sieht das Land nun vorbildlich und möglicherweise sogar innovativ im Umgang mit einer Krisensituation. Da brauch es auch Ihren Artikel nicht, um das Gegenteil zu kennen.

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    • Wizard

      Hallo ich kann Ihren Kommentar nur veroeffentlichen, wenn Sie Ihren echten Namen angeben

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  3. Rosa

    Mir fehlen insbesondere zwei wichtige Punkte, die nicht erwähnt wurden. Peru ist nicht das starke Bein eines Zusammenschlusses von Ländern, der insgesamt eine der stärksten Wirtschaften der Welt darstellt. Deutschland trägt viel mehr politische und fianzielle Verantwortung gegenüber anderen Ländern und hat natürlich mehr Druck nicht nur gegenüber seinem eigenen Volk (dessen Teil des Herzens ziemlich rechts schlögt) sondern auch gegenüber Nachbarländern wie Ungarn, das bekannt sehr rechtsradikalt regiert. Peru lebt für sich und gehört keiner schwerwiegenden Union auf dieser Erde. Detuschland, seinerseits, repräsentiert das Niveau der Sicherheit, das jedes europäische Land haben sollte oder zumindest sich wünscht. Hat das reichste Land der EU keine Sicherheit, weil es durch die Armen und Flüchtlinge gefährdet wird, so sind somit die anderen schwächere Lönder auch bedroht. Sorry für die Sprachfehler! wollte nur was erwähnen, die mir wihtig scheinen.

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  4. Marco Herrmann

    Lieber Dorian,

    vielen Dank für deinen Bericht und deine persönliche Einschätzung und Wahrnehmung zur Lage der „Flüchtlingskrise“ in Deutschland und Peru.

    Ich möchte auf die Einschätzung/Expertise zum Thema der Migrationswellen in beiden Ländern nicht weiter eingehen.
    In deinem Artikel geht es ja vor allem um das Krisenmanagement oder besser gesagt die Bewältigung von Seite des Staates mit den Migrationswellen. Für mich als Leser ist die Zusammenfassung deines Artikel, folgende:
    Der Hauptunterschied in der Art und Weise wie Peru und Deutschland der Herausforderung entgegentreten liegt in Ihrer Mentalität. Auf der einen Seite das genormte, strukturierte, rationale Deutschland und auf der anderen Seite das unpünktliche, unstrukturierte Peru. „Das sind Vorurteile, ohne Zweifel, aber sie haben einen wahren Kern“ schriebst du selbst. Trotzdem befestigst du diese Vorurteile in dem du sie weiter im Artikel ausführst.
    Ich sehe deine Annahmen sehr kritisch „In Peru gab es noch nie einen Plan. Die Idee, dass sich die Zukunft vorausplanen ließe, ist den Peruanern fremd: „vamos a ver“, wir schauen, was kommt.“, es sind schon sehr gewagte Einschätzungen darüber das es in Peru noch nie einen Plan gab. Da nimmst du dir meiner Meinung nach zu viel Recht heraus, sowas über ein anderes Land zu schreiben. Es sind sehr pauschalisierende Aussagen. Sind alle Peruaner (wenn man überhaupt von DEN Peruanern sprechen kann) unpünktlich und haben „keinen Plan“?, sehr wahrscheinlich nicht.
    Ich frage mich, was eine Person aus Peru über die Darstellung ihrer Gesellschaft in diesem Artikel denkt und fühlt.
    Bärtiger Hassan hat in seinem Kommentar einen sehr interessanten Punkt angesprochen, und zwar die Berichterstattung mit Hilfe von Primärquellen, wie z.B. Interviews. Ich bin mir sicher, das das Einfließen von Stimmen aus Peru den Artikel vielfältiger gemacht hätte.
    Durch deine Einschätzungen hast du in deinem Artikel die Diskursmacht , denn deine Leser*innen erfahren dich als Experte (du studierst in Peru und dein Beitrag wird auf der wohl größten und wichtigsten Peru-Plattform in Deutschland veröffentlicht) zu diesem Thema, damit kannst du die Wahrnehmung zu Peru und „den Peruanern“ der Leser*innen maßgeblich beeinflussen.
    Ich hoffe, dass in deinem Umfeld in Peru nicht nur unpünktliche und planlose Menschen gibt, sondern auch strukturierte und pünktliche.

    Beste Grüße

    Marco

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  5. Michael

    Ich habe Anfang der 1970er drei Jahre in Perú verbracht, das Land auch in den 1990ern noch einmal länger bereist, nach wie vor Kontakte und verfolge dortige Ereignisse natürlich mit entsprechendem Interesse.

    Die Situation der venezolanischen Flüchtlinge in Perú mit der Situation, die wir gerade in Europa erleben, zu vergleichen, verbietet sich von selbst.

    Im Gegensatz zu den Migranten, die ihr Glück derzeit in den europäischen Wohlfahrtsstaaten suchen, sprechen Venezolaner schon von Haus auf dieselbe Sprache wie die meisten Menschen ihres Gastlandes. Die kulturelle Prägung ist ähnlich und ihre Ausbildung im Zielland gefragt. Betroffene Venezolaner flüchten also in ein Land, in dem sie sich gesellschaftlich und insbesondere in den Arbeitsmarkt schnell integrieren können. Eine bedingungslose Vollkasko-Versorgung auf Kosten peruanischer Beitrags- und Steuerzahler gehört dabei ganz gewiss nicht zu den Erwartungen venezolanischer Flüchtlinge.

    All das lässt sich doch beim besten Willen nicht ernsthaft mit der Situation und den absurd-utopischen Erwartungen insbesondere afrikanischer Einwanderer in die aufgeblasenen Sozialsysteme Deutschlands, Österreichs oder skandinavischer Länder vergleichen.

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  6. Andreas Baumgart

    Ich möchte gerne meine Meinung zu dem Artikel und einem Leserbrief beisteuern. Zunächst zu Venezuela: Venezuela ist keine kommunistische Diktatur. Venezuela hat sich weder als kommunistisches Land bezeichnet noch wird es von einer kommunistischen Partei regiert. Die Regierung wird vom „Partido Socialista Unido de Venezuela“ gestellt und die Bezeichnung für den Staat lautet „Bolivarianische REPUBLIK von Venezuela“. Privateigentum und Marktwirtschaft bilden die ökonomische Grundlage. Ca. 97% aller Unternehmen befinden sich in privater Hand. Unter den ca. 2% bis 3% Staatsunternehmen sind allerdings einige ökonomische Schwergewichte, z.B. aus dem Erdölsektor. Die Staatsquote liegt bei 37%, in Deutschland sind es 45%. Der Staat versucht mehr schlecht als recht die Wirtschaft zu regulieren und die Privatwirtschaft entzieht sich dem, vor allem durch Warenboykott. Vor diesem Hintergrund von Kommunismus zu sprechen ist absurd. Wäre Venezuela tatsächlich eine kommunistische Diktatur, dann gäbe es in Venezuela keine Opposition und Herr Guaidó wäre längst Tod, säße im Gefängnis oder würde im Exil leben. Das Venezuela ein autoritäres Regime mit starken diktatorischen Tendenzen ist, ist dagegen nicht ernsthaft zu bestreiten.
    Der wesentliche Grund für die Migration in andere Staaten ist allerdings durch die desolate Wirtschaftslage bedingt. Nur ein geringer Teil der Flüchtenden war von politischer Verfolgung und Repression betroffen. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass die bolivarianische Revolution unter Chavez erst die Grundlage dafür geschaffen hat, dass es in Venezuela und dementsprechend auch unter den Auswanderern so viele studierte Menschen und qualifizierte Fachleute gibt. Wesentlich mehr als in den meisten lateinamerikanischen Ländern. Gleiches gilt übrigens auch für die geflüchteten Syrer, die aus einem säkular regierten Land kommen, in dem es vor dem Bürgerkrieg ein breites staatliches Bildungswesen gab, mit ca. 33% Studenten.

    Zu Europa: Der größte Teil der Geflüchteten, die nach Europa kommen, möchte einfach nur arbeiten und sich eine möglichst selbstbestimmte Zukunft schaffen. Was ist daran schlecht? In seinem Leserbrief bezeichnet Herr Michael dies als „absurd-utopischen Erwartungen“. Leider werden die meisten daran gehindert, sich hier dieses Leben aufzubauen, nicht etwa weil kulturelle Gründe gegen ein Zusammenleben sprechen oder die Menschen hier eine „bedingungslose Vollkasko-Versorgung“ erwarten würden, wie Herr Michael uns durch die Blume sagt, sondern weil Vorurteile wie seine, Unwille seitens Behörden und politischen Entscheidern dafür sorgen. Sekundiert wird dies durch eine weit verbreiteten Propaganda, die auf selbsterfüllende Prophezeiung abzielt. Weil Deutschland kein Einwanderungsland sei und weil sie Fremde sind, werden wir nie zusammenleben können. Statt sich zu engagieren und den Menschen zu helfen, wird die angebliche „Integrationsunfähigkeit“ herbeigeredet. Wie wäre es denn stattdessen mit Hilfe und Engagement?

    Die Alltagspraxis im Zusammenleben mit Geflüchteten und anderen eingewanderten Menschen in Deutschland ist eine großartige Erfolgsgeschichte. Wer in der Lage ist, seine xenophoben und rassistischen Vorurteile beiseite zu schieben, wird u.a. feststellen, dass der größte Teil der hier wohnenden Geflüchteten die deutsche Sprache ausgesprochen fleißig und schnell erlernt. Anders als z.B. die tausenden Deutschen in Spanien, die nach teils Jahrzehnte langem Aufenthalt es gerade mal bis zu „hola“ und „cerveza“ gebracht haben. Aber Ironie beiseite.

    Die falsche Wahrnehmung fängt schon damit an, den Begriff der Kultur mit der Nationalität oder ganzen Kontinenten in eins zu setzen. Genauso wenig wie es eine afrikanische, venezolanische oder peruanische Kultur gibt, gibt es eine deutsche, englische oder französische. Auch wenn ich Deutsch spreche, lebe ich in einer völlig anderen Kultur als beispielsweise ein Herr Seehofer, Gauland oder Höcke. Deren Auffassungen und Lebensart sind mir völlig fremd und diese Leute würden mir niemals über die Türschwelle kommen. Unsere Gesellschaft zeichnet sich durch zahlreiche Kulturen aus, die nicht entlang der Nationalität oder Sprache, sondern dem Lebensstil, bestimmten Traditionen, Lebenserfahrungen, Religionen, Haltungen, gewähltem Umfeld, Szenen und Weltsicht geprägt sind. Dasselbe gilt für Peru, Venezuela und Syrien. Mich verbindet vermutlich mehr mit einem modernen städtischen Syrer als dies bei einem spanischsprachiger Venezolaner aus Caracas mit einem Quechua aus Puquio der Fall ist.

    Eine letzte Anmerkung: Was spricht gegen gute Sozialsysteme? Von einem „aufgeblasenen Sozialsystem“ in Deutschland zu sprechen, wie Herr Michael dies tut, halte ich für ziemlich zynisch. Mit 2,5 Mio. Kindern in Armut und Millionen Frauen mit Renten, die mit etwas Grundsicherung überleben müssen, verwundert mich diese Aussage doch ziemlich. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Hierzulande ist eine Haltung weit verbreitet, die man als Sozialneid von oben bezeichnen könnte: „Wenn ich mehr als du habe, dann soll dies auch so bleiben.“
    Ich frage mich immer wieder, wie man überhaupt das Gefühl bekommen kann, man werde von Geflüchteten und ärmeren Menschen ökonomisch ausgebeutet. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist fast doppelt so hoch wie das aller afrikanischen Staaten zusammen. Laut Oxfam arbeiten mehrere duzend Sklaven weltweit für jeden von uns, damit wir unser Konsumniveau halten können. Mir scheint es nicht zu viel verlangt, im Gegenzug einigen Inländern, darunter hilfebedürftigen Geflüchteten, eine helfende Hand zu reichen.

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