Tausende von Menschen protestierten am 4. März in Lima gegen die angebliche Gender-Ideologie im neuen Lehrplan. Wie früher gegen den Marxismus, so ziehen Konservative  heute gegen  „Gender“ in den Kampf.

Mit der Kampagne „No te metas con mis hijos“ (Finger weg von meinen Kindern) begannen im November letzten Jahres ultrakonservative rechte Sektoren ihre Hetzjagd gegen die vermeintliche „Gender-Ideologie“. Angeführt wird die Kampagne von Christan Rosas, Sohn des APP (Alianza para el progreso) Kongressabgeordneten Julio Rosas und Mitglied der konservativen evangelikalen  Kirche Alianza Cristiana y Misionera. Vertreter_innen konservativer evangelikaler Bewegungen und Kirchen, die meisten von ihnen finanziert von Kirchen aus den USA, haben sich in der Coordinadora Nacional Pro Familia (Conapfam), dessen Geschäftsführer ebenfalls Christian Rosas ist, zusammen geschlossen, um der „Gender-Ideologie“ den Kampf anzusagen.

Zielscheibe der mit falschen Fakten und Argumenten angeführten Attacken, ist der nationale Lehrplan, der sich mit Gender als einem seiner Transversalthemen für die Förderung einer gleichberechtigten Bildung von Jungen und Mädchen ausspricht. Mit „Gender“ würden Geschlechter aufgelöst, Kinder dazu getrieben, ihre Geschlechtsidentität zu wechseln, Homosexualität forciert und Kinder zum Geschlechtsverkehr animiert, so die Bombardements an Stellungnahmen in sämtlichen Medien und sozialen Netzen. Mit dem Vorwand um die Erziehung ihrer Kinder besorgt zu sein und der Behauptung, Geschlechtergleichheit führe zu Homosexualität propagiert das Organisationskomitee seine Haß- und Hetzkampagne, die von Homophobie und religiöser symbolischer Gewalt nur so strotzt und erschreckend viele Sympathisant_innen findet. Neben beständigen Konferenzen, in denen Rosas und Co ihre demagogische Meinungsmache verbreiten, gab es bereits mehrere Protestbekundungen vor dem Gebäude des Bildungsministeriums.

Auch die Bischofskonferenz äussert sich gegen Gender

Die katholische Kirche, die nicht direkt Teil der Kampagne, ist auch auf den Zug der homophoben Fundamentalisten aufgesprungen. Bereits im August 2016 gab die peruanische Bischofskonferenz als Antwort auf die landesweite Bewegung „Ni una menos“, die die eklatante Gewalt an Frauen in Peru anklagte und Zehntausende von Menschen auf die Straße brachte, eine Broschüre heraus mit dem Titel: „Gender-Ideologie: ihre Bedeutung und Gefahren“. Diese wurden in allen Diözesen verteilt. Und im Februar positionierte sie sich ebenfalls mit einer öffentlichen Stellungnahme in die Nähe der evangelikalen Gendergegner. Dass ihre Stimme in diesen Auseinandersetzungen nicht unbedeutend ist, haben auch die Debatten um die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften im vergangenen Jahr gezeigt. Konservative Kräfte hatten es mit Unterstützung der katholischen Kirche ebenfalls geschafft, eine Gesetzvorlage zur unión civil, in der gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt werden sollten, zu kippen.

Im Hintergrund: die Fujimoristas

Wer das ganze Szenarium genauer betrachtet, dem wird jedoch deutlich, dass es weniger um den Schutz der Familie und Bewahrung konservativer Werte geht, sondern politische Interessen im Kampf gegen Gender eine große Rolle spielen. An dieser Stelle sei nur auf das Abkommen hingewiesen, dass Keiko Fujimori im vergangenen Jahr mit evangelikalen Pastoren geschlossen hat, in dem sie versprach, ihre Kampagnen gegen die Legalisierung von Abtreibung im Fall von Vergewaltigungen und der Frage um die unión civil zu unterstützen. Auch so lassen sich Wählerstimmen erheischen. Zielt doch die Forderung der Evangelikalen nicht nur darauf, die Klausel zu Geschlechtergleichheit in den Lehrplänen  zu revidieren, sondern auch auf den Rücktritt der Bildungsministerin Marilú Martens, die Nachfolgerin von Jaime Saavedra, der auf den Druck der konservativen Sektoren zuvor bereits abgesetzt wurde.

Bildungsministerin hält dagegen

In einer deutlichen Botschaft machte die Bildungsministerin deutlich, dass die Kategorie Gender im nationalen Lehrplan darauf zielt, Respekt zu fördern und sämtliche Formen von Diskriminierungen in der Schule zu überwinden. In einem Interview  sprach sie sich deutlich dafür aus, dass es keine Gender-Ideologie gibt, sondern „Gender“ als Kategorie anzuwenden bedeutet, Schüler_innen die Möglichkeit zu eröffnen „sich in Freiheit zu äußern und ihre Träumen jenseits von Geschlechterstereotypen, die die Gesellschaft aufdrückt, zu erfüllen. Unterschiede zu respektieren und wert zu schätzen, heißt nicht Homosexualität zu verbreiten, so die Ministerin. Und sie schließt ihr Statement mit der Botschaft: Homosexualität erlernt man nicht. Was man allerdings lernt sind Homophobie, Gewalt und Rassismus.

Mehrere tausend Menschen brachte die Kampagne am 4.März in Lima und anderen Städten auf die Strassen.  Angesichts dessen lässt sich nur hoffen, dass der Aufforderung der Minister, den Lehrplan und seine Inhalte doch tatsächlich zu lesen, nachgekommen wird. Denn nur mit einer aufgeklärten Basis ist es möglich, dem Kreuzzzug gegen „gender“ Einhalt zu gebieten.

Sandra Lassak

(Sandra Lassak unterrichtet feministische Theologie in Lima und ist Koordinatorin von COMUNDO in Peru)

Eine Antwort

  1. konrad.borst@t-online.de

    qué bien la información sobre esa cruzada abigarrada. queremols que el Perú progrese y por eso primero hays que leer el curriiculo oficial que no justifica esas demostraciones.K.Borst

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