Gestern abend war ich mit zwei Freundinnen im Kino. Das Kino liegt neben einer riesigen Shoppingmall in San Miguel, einem sehr wuseligen Stadtteil. Auf dem Weg dorthin fahren wir Slalom durch den Feierabendverkehr, die Autofahrer hupen, die Motoren knattern, manche Kombis kippen in den Kurven bedenklich zur Seite, weil sie so voll besetzt sind. Als wir den Kinosaal betraten, wird es schlagartig ruhig. Die Leinwand wird grün.

Und wir sehen einen wunderbar gemachten, erschütternden Film, El Choque de dos mundos, über zwei Welten, die aufeinanderprallen: das Leben der Menschen im peruanischen Regenwald und das der 10 Millionen Menschen in der Hauptstadt des Landes, wo Wirtschaftsinteressen regieren. Die einen sagen: „Das Land, diese Erde, gehört uns nicht, sie ist uns nur geliehen. Darum müssen wir noch achtsamer mit ihr sein, als wenn es tatsächlich unsere eigene wäre, und sie in besserem Zustand, als sie jetzt ist, an die nächsten Generationen weitergeben“. Der damalige Präsident Perus, Alan García, sagt (2007): „Kommt, amerikanische Investoren, hier findet ihr Rohstoffe in Hülle und Fülle. Seid euch sicher, niemand wird euch in euren Geschäften stören.“ Das kann nicht gutgehen.

 

Was folgt, ist eines der traurigen Kapitel der peruanischen Politik und Geschichte. 2009 protestieren Tausende Menschen in Bagua in der nördlichen Provinz Amazonas gegen eine Reihe von Eildekreten, die García erlassen hatte. Zu den Dekreten waren die Indigenen zuvor nicht konsultiert worden, aber die Auswirkungen – die Nutzung ihres Landes für den Erdölabbau, die möglichen Umweltschäden – hätten sie direkt betroffen. Die aufgebrachten Bewohner der Region fordern die Anerkennung ihrer politischen Rechte und ihrer Lebensweisen, sie wollen Dialoge. 60 Tage blockieren sie eine wichtige Zufahrtsstraße in der Region. Dann kippt der Präsident ein wichtiges Gesetz, das den Indigenen Mitspracherechte am Regenwald nimmt, aus Sorge, ein geplantes Handelsabkommen mit den USA zu gefährden. Einen Tag später schickt er Militär in die Curva del Diablo, die Teufelskurve, wo sich die Protestierenden aufhalten.

Am Ende sind 33 Menschen (davon 15 Polizisten) tot und 150 verletzt. In den Medien werden die „Morde an den Polizisten“ hochgepuscht und die Indigenen als rückständige Wilde diffamiert, die sich verschworen haben gegen den Fortschritt des Landes. Der Präsident der Indigenen Vereinigung zur Entwicklung im peruanischen Regenwald (AIDESEP), Alberto Pizango, wird wegen Unruhestiftung, Verschörung und Volksverhetzung angeklagt. Er flieht nach Nicaragua. Zwei Jahre später kommt er zurück, um sich den Vorwürfen zu stellen. Jetzt warten er und 53 andere indigene Führungspersonen und Zivile auf ihren Prozess. Die zuständigen Minister werden von jeder Verantwortung für die tödlichen Ereignisse freigesprochen.

Alan Garcia regiert weiter bis 2011. Das Gesetzespaket von damals ist, bis auf wenige Änderungen, trotzdem in Kraft getreten. Es erleichtert ausländischen Investoren bis heute, Ressourcen auf indigenen Territorien auszubeuten. Der jetzige Präsident Pedro Pablo Kuczynski wird an diesem Kurs vermutlich festhalten. Vizepräsidentin in seinem Kabinett ist Mercedes Aráoz Fernández, die unter Alan García Außenhandels-, Wirtschafts- und Tourismusministerin war und wesentlich zur Eskalation des Konflikts beigetragen hatte.

Eva Tempelmann

Der Beitrag von Eva Tempelmann stammt aus ihrem sehr lesenswerten Blog „Buen Vivir – Leben und soziale Bewegungen in Peru“  https://emaroja.wordpress.com/

Hier der Trailer zum Film:

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