Wen immer man in Peru fragt: der bei weitem korrupteste Präsident sei Alan García gewesen, heisst es. Dennoch hat es kein anderer peruanischer Ex-Präsident  geschafft, sich so lange der gerichtlichen Verfolgung zu entziehen. Als ihm alle Felle davon schwammen, hat Alan García, 69 Jahre alt, zweimal Präsident Perus, Selbstmord begangen.

Dabei fing alles so vielversprechend an. Als Garcìa 1986 zum ersten Mal Präsident wurde, war er gerade mal 36 Jahre alt. Er galt als Hoffnungsträger seiner Partei, der sozialdemokratischen APRA. Die 80-er Jahre waren das Jahrzehnt der Schuldenkrisen in Lateinamerika. Der junge linke García verstaatlichte kurzerhand die Banken, um der Schulden Herr zu werden – und schnitt damit sein Land vom internationalen Finanzstrom ab. Die Jahre seiner Präsidentschaft von 1985 – 1990 gerieten zu einem Desaster:  Hyperinflation, Mangelwirtschaft, Hunger, Terrorismus prägten seine Amtszeit. Immer wieder wird die erste Amtsperiode Alan Garcias mit der heutigen Krise in Venezuela verglichen. Hunderttausende Peruaner verliessen damals das Land, um woanders eine Perspektive zu suchen.

Als 1990 Alberto Fujimori die Wahlen gewann, bestanden bereits Korruptionsvorwürfe gegen Alan Garcia. Ein gerichtliches Verfahren wurde wegen Mangels an Beweisen eingestellt. 1992, als Fujimori den Senat auflöste, erhielt Alan Garcia Asyl in Kolumbien. 2001 waren die Korruptionsermittlungen gegen ihn verjährt und er kehrte nach Peru zurück.

Erstaunlich ist, dass die Peruaner diesen Politiker mit seinem desaströsen Amtsausweis und trotz handfester Korruptionsvorwürfe nochmal auf den Präsidentensessel hievten. Dass er 2006 erneut zum Präsidenten gewählt wurde, verdankt Alan García dreierlei: zum einen war seine Partei, die APRA, die einzige schlagkräftige Partei mit einer durchorganisierten Basis; zum zweiten versprach der rhetorisch brillante und charismatische Alan Garcia, dass er sich gewandelt habe; und drittens – und das war ausschlaggebend – war sein Rivale in der Stichwahl der Links-Kandidat Ollanta Humala. Der sei mit dem Venezolaner Hugo Chavez im Bunde, und um in Peru  venezolanische Zustände zu verhindern, sei der geläuterte Alan Garcia das kleinere Übel.

Tatsächlich war in der zweiten Präsidentschaft von Alan Garcia vom jungen linken Bankenstürmer nichts mehr übrig. 2006 bis 2011 waren die Wirtschaftswunderjahre Perus. Die Preise für die Rohstoffe stiegen und stiegen, Peru konnte gar nichts falsch machen; war Finanzkrise, stieg der Goldpreis. Boomte die Weltwirtschaft dagegen, wollten alle Perus Kupfer. Brasilien galt als aufstrebende Nation, die bald die USA als Hegemonialmacht auf dem Subkontinent ablösen würde. Es war die Zeit grosser Infrastruktur-Projekte, die Zeit des Geldausgebens – und,  wie man heute weiss, die  Zeit der grossen Schmiergelder.  Der brasilianische Präsident Lula und die Manager der Baufirma  Odebrecht gingen damals  im peruanischen Präsidentenpalast ein und aus.

In der peruanischen Öffentlichkeit ist die zweite Präsidentschaft Garcias auch wegen des gewaltsamen Zusammenstosses von Polizei und Indigenen in Erinnerung. Garcia war ein Modernisierer alten Schlages, der keinen Sinn für die Rechte der Ureinwohner oder für den Schutz der Umwelt  hatte. In einem vielbeachteten Zeitungsessay verglich er die Indigenen mit dem Hund aus einer bekannten Fabel, der selber das Essen verweigert, aber auch nicht andere essen lässt. So seien die peruanischen Indigenen des Regenwaldes: selbst wollten sie die Bodenschätze ihres Landes nicht ausbeuten, aber anderen dies auch nicht gönnen.  2009 kam es wegen eines umstrittenen Erlasses, der den indigenen Völkern ihre Landrechte absprach, zum Massaker von Bagua, bei dem rund 30 Soldaten und Indigene starben.

2011 übergab Alan Garcia das Amt an Ollanta Humala . Eine parlamentarische Untersuchungskommission, die die Korruptionsvorwürfe gegen Garcia untersuchen sollte, konnte er dank seiner guten Beziehungen zur hohen Gerichtsbarkeit abwenden.

Als 2014 in Brasilien der Lava Jato – Schmiergeldskandal um den Bauriesen Odebrecht bekannt wurde, geriet auch Alan Garcia wieder in das Blickfeld der Ermittler. Lange Zeit jedoch konnte er zusehen, wie alle seine Amts-Vorgänger und Nachfolger einer nach dem anderen wegen der Annahme von Wahlkampfspenden und Schmiergeldern  im Kittchen landeten oder per Haftbefehl gesucht wurden: Alejandro Toledo, Ollanta Humala, Ex-Präsidententochter Keiko Fujimori; erst Mitte April Ex-Präsident Pedro Pablo Kucyznski.

Die Schlinge zog sich auch um Alan Garcia immer mehr zu. Ein Richter ordnete an, dass er Peru nicht verlassen dürfe. Sein Asylgesuch bei der uruguayischen Regierung wurde von dieser im Dezember 2018  abgelehnt. Letzte Woche veröffentlichte das Rechercheportal IDL-Reporteros Beweise, dass Garcias ehemaliger Sekretär hohe Bestechungsgelder angenommen und auf einem Bankkonto in Andorra deponiert hatte.

Alan García beteuerte noch tags zuvor im peruanischen Fernsehen seine Unschuld. Er habe nie Bestechungsgeld genommen. Als am Mittwoch morgen der Staatsanwalt und Polizei  mit einem Haftbefehl vor seiner Tür standen, ging er in den 2. Stock seines Hauses, nahm eine seiner drei Pistolen und schoss sich in den Kopf. Am 17.4. um 10 Uhr 05 verstarb er an seinen Schussverletzungen.

Viele Peruaner – und gefühlt ist es die grosse Mehrheit – , die angesichts des Haftbefehls jubelten, weil Alan Garcia endlich vor Gericht kommen würde, sind konsterniert, betroffen, auch wütend. „Jetzt hat er es geschafft, sich doch nicht vor dem peruanischen Volk zu verantworten“.

Seine Partei, die APRA, webt bereits an seiner Märtyrerlegende. Andere, der Korruption bezichtigte Politiker Lateinamerikas, wie der Ecuadorianer Rafael Correa, sprechen von politischer Verfolgung und Mord.

Nur eines ist klar: kalt lässt der Selbstmord Alan Garcias in der Karwoche 2019 in Peru niemanden.

 

Hildegard Willer

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