Die landesweite Quarantäne hat  die Zahl der Fälle von Gewalt gegen Frauen erhöht. Dabei ist es für Betroffene noch komplizierter geworden, Hilfe zu suchen oder Anzeige zu erstatten.

 

Einer der so genannten Kollateralschäden der Coronakrise ist der Anstieg der häuslichen Gewalt. Um sich gegen Covid-19 zu schützen, ist die eigene Wohnung der sicherste Ort der Welt. Doch für Frauen, Kinder und Jugendliche, die mit einem gewalttätigen Partner oder Verwandten zusammenleben, verwandelt sich dieser Ort in einen der dunkelsten und gefährlichsten überhaupt – zu einem Gefängnis, dem sie nicht entfliehen können. Die UNO-Frauenrechtskommission warnt, dass in Notsituationen und Ausnahmezuständen das Risiko von häuslicher Gewalt weltweit ansteigt. In Peru, wo wir seit drei Monaten das Haus nur verlassen dürfen, um das Notwendigste zu erledigen, ist die Situation diesbezüglich besonders prekär.

Laut der Beobachtungsstelle der Generalstaatsanwaltschaft (Observatorio del Ministerio Público) wurden allein in den ersten fünf Quarantänewochen 3060 Personen wegen häuslicher Gewalt und 285 Personen wegen sexueller Gewalt festgenommen. Die Ministerin für Frauen und verletzliche Bevölkerungsgruppen (MIMP), Gloria Montenegro, gab bekannt, dass zwischen dem 16. März und dem 10. Mai fast 28’000 Anrufe wegen häuslicher Gewalt auf der Notfallnummer 100 eingegangen sind. Dies sind knapp 40 Prozent mehr als in der selben Zeitspanne im Vorjahr.

 

Doch die Dunkelziffern dürften noch einiges höher sein. Unter anderem aufgrund der limitierten Transportmöglichkeiten und weil die Büros vieler öffentlicher Institutionen geschlossen bleiben, ist es für betroffene Frauen in Peru zurzeit sehr schwierig, Hilfe zu suchen, Anzeige zu erstatten oder gar von zu Hause auszuziehen. Das Notfallzentrum für Frauen (Centro de Emergenia Mujer CEM) im Distrikt Chucuito (Puno) bestätigt diese Vermutung ebenfalls: Auf Anfrage hiess es, in den ersten neun Wochen des Jahres seien 49 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt eingegangen, in den ersten neun Quarantänewochen jedoch nur 8 – und keine einzige aus einem weiter entfernt liegenden Gebiet.

 

Die Opfer werden nicht angemessen betreut

Angesichts dieser Situation haben die Behörden sowohl auf staatlicher als auch auf regionaler Ebene ihre Kapazitäten aufgestockt, unter anderem wurde mehr Personal zur Verfügung gestellt, um die Notfallnummern zu betreuen. Aber in Wirklichkeit können die Opfer nicht immer angemessen unterstützt werden.

Die Anthropologin Yuly del Pilar Quispe Cusacani, feministische Aktivistin sowie Gründerin und Präsidentin des Frauenkollektivs Awqa Warmi in Puno und Mitglied verschiedener Netzwerke, die sich im Bereich häuslicher Gewalt engagieren, sagt: «Die Notfallzentren und die öffentlichen Instanzen haben oft nicht genügend Anwältinnen und Psychologinnen, um die Fälle angemessen zu betreuen, auch sind sie nicht immer optimal dazu ausgebildet.» Yuly del Pilar selbst hat verschiedene Frauen, die sich an Awqa Warmi gewandt haben, dabei unterstützt, professionelle juristische Hilfe zu bekommen, und dafür sehr viel Ausdauer gebraucht. «Wenn es sogar für mich so schwierig ist, die ich in der Stadt wohne und Kontakte zu den entsprechenden Behörden habe, kann man sich vorstellen, wie unmöglich es für Frauen aus dem ländlichen Gebiet ist, die oft nicht einmal ein Handy haben. Das finde ich sehr besorgniserregend.» 

 

Nur telefonische Beratung ist möglich

Aber Personalengpässe sind nicht das einzige Problem. Die zuständigen Instanzen bieten von Gewalt betroffenen Frauen juristische Unterstützung an, unter anderem indem sie Fälle, die vor Gericht kommen, begleiten, damit diese nicht im Sande verlaufen, oder auch die Kosten für eine/n Verteidiger/in übernehmen. Auf Grund der Pandemie läuft nun jedoch alles telefonisch ab, weshalb sich viele Opfer mehr denn je mit der Situation alleingelassen fühlen. «Man muss bedenken, dass Frauen in einer solchen Situation sehr verletzlich sind, und dass eine persönliche und individuelle Betreuung grundlegend ist. Dies ist ein grundsätzliches Problem, das durch die Quarantäne noch verschärft wurde», sagt Yuly del Pilar. Sie bemängelt ausserdem, dass oft nicht in Betracht gezogen wird, dass Peru ein sehr vielfältiges Land ist. «Die Vorgehensweise wird nicht den jeweiligen regionalen und kulturellen Eigenheiten angepasst, sondern es werden einfach Standardverfahren angewandt.» Wenn es sich um einen schweren Fall handelt, kann die Staatsanwaltschaft auch veranlassen, dass die Opfer in einem Frauenhaus aufgenommen werden. Solche Institutionen gibt es allerdings nicht überall in Peru. In Puno zum Beispiel wurde während der Quarantäne eine Art Notfallunterkunft im Busterminal eingerichtet, wo betroffene Frauen, Kinder und Jugendliche unterkommen können.

 

Die peruanische Gesetzgebung enthält verschiedene Schutzartikel im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen, zum Beispiel das «Gesetz 30314 für Prävention und Bestrafung von sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit» (Ley 30314 para prevenir y sancionar el acoso sexual en espacios público), das «Gesetz 27942 für Prävention und Bestrafung von sexuellen Übergriffen» (Ley 27942 de Prevención y Sanción del Hostigamiento Sexual) oder das «Gesetz 30364 für Prävention, Bestrafung und Verhinderung von Gewalt gegen Frauen und innerhalb von Familien» (Ley 30364 para prevenir, sancionar y erradicar la violencia contra las mujeres y los integrantes del grupo familiar).

 

Dennoch sehen viele Frauen davon ab, Anzeige zu erstatten – laut der nationalen Beobachtungsstelle für Gewalt gegen Frauen (Observatorio Nacional de la Violencia contra las Mujeres) gelangen nur 30 Prozent der betroffenen Frauen an Institutionen oder Behörden, um Hilfe zu suchen. Dies hängt unter anderem mit schlechten Erfahrungen zusammen, beispielsweise berichten viele Frauen, dass sie in den örtlichen Polizeirevieren herablassend und ablehnend behandelt wurden: «Die Polizisten hinterfragen die Frauen, verunglimpfen sie und sagen, sie seien wahrscheinlich selbst Schuld, dass sie geschlagen wurden, da sie den häuslichen Pflichten nicht nachgekommen seien», sagt Yuly del Pilar. «Das muss man sich einmal vorstellen – man entflieht einer gewalttätigen Situation, um dann von der Polizei wieder schlecht behandelt zu werden.» Dasselbe haben uns im März dieses Jahres auch diverse Frauen an einer Veranstaltung anlässlich des Frauentages in Desaguadero erzählt. Edith Calisaya Callamollo, Präsidentin der Aymara-Frauenorganisation OMABASI (Organización de Mujeres Aymaras Bartolina Sisa), klagte damals öffentlich die anwesenden Beamten an: «Wir werden von den Behörden diskriminiert, und uns wird ins Gesicht gesagt, wir sollen still sein. Das muss aufhören, und den Frauentag feiern wir erst, wenn es keinerlei Diskriminierung mehr gibt. Dann, ja – dann machen wir ein grosses Fest.»

 

Edith Calisaya Callamollo sprach anlässlich des Frauentags 2020 in Desaguadero vor einem Podium, in dem ausschliesslich Männer sassen. Foto: Nicole Maron

 

«Wir setzen unser Leben aufs Spiel, um das unserer Schwestern zu verteidigen»

 

Kollektive wie Awqa Warmi oder Ni una menos bemühen sich, auf lokaler Ebene möglichst vielen Frauen zu helfen. Doch da es sich um freiwilliges Engagement handelt, stehen den Aktivistinnen keinerlei finanzielle Ressourcen zur Verfügung. «Wir machen das alles nebst unserem Studium oder unserer Arbeit», sagt Yuly de Pilar. «Wenn wir ein bisschen Geld hätten, könnten wir weiss was nicht alles erreichen! Dennoch versuchen wir, so vielen Frauen wie möglich zu helfen vor allem, die Fälle öffentlich zu machen. Dies ist die einzige Möglichkeit, um Druck auf die Behörden auszuüben.» 

 

Aber alles hat seinen Preis, und ihr Engagement kann für Frauen wie Yuly gefährlich werden: «Weil ich mehrere Fälle von Mobbing begleitet habe, unter anderem im Kulturministerium von Puno (Direccion Desconcentrada del Ministerio de Cultura), bekam ich Drohbriefe, und man wollte mich wegen Verleumdung anzeigen. In einem anderen Fall wurde ich per WhatsApp bedroht und beschimpft, und am 3. Dezember letzten Jahres wurde ich auf der Strasse überfallen und ausgeraubt. Man hat all meine persönlichen Dokumente, Notizen sowie mein Handy geklaut. Es war ein sehr seltsamer Überfall, und ich vermute, dass man mich damit diffamieren und auch an vertrauliche Informationen oder Kontakte von Opfern herankommen wollte. Einige der Konversationen auf meinem Handy wurden an die Medien weitergegeben. Aufgrund solcher Vorfälle hören viele Aktivistinnen auf, sich für Gewaltopfer einzusetzen, denn wir setzen effektiv unser eigenes Leben aufs Spiel, um das unserer Schwestern zu verteidigen.» 

 

Nicole Maron

Nicole Maron ist Journalistin und Fachperson von Comundo bei der NRO Ideca in Puno. Sie betreibt auch einen lesenswerten Blog www.maron.ch

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