Die Coronakrise aus indigener Perspektive, im Gespräch mit  Richard Rubio, Vizepräsident von AIDESEP

Richard Rubio gehört zum Volk der Kichwa und ist Vizepräsident des indigenen Dachverbandes AIDESEP. Seine Führungsrolle übt er derzeit mit Computer und Handy aus: Er verfasst und verbreitet Informationen, Briefe und Erklärungen, immer in Abstimmung mit den indigenen Gemeinden und ihren Verantwortlichen. Er hält Videokonferenzen mit Vertreter*innen staatlicher Behörden, mit Fachkräften, die im Amazonasgebiet arbeiten. Alles mit dem einen, klaren Ziel: zu verhindern, das Covid-19 irreparable Schäden in den indigenen Gemeinden im Regenwald anrichtet.

 

AIDESEP hat eine klare Botschaft in der Krise: „Der Staat hat keinen Plan für die indigenen Völker im Amazonasgebiet.“ Das sei immer wieder klar geworden, wenn der Präsident und seine Minister*innen zur Situation des Regenwaldes und seiner Bewohner*innen befragt wurden. „Sie haben keine ermutigenden Antworten, sie weichen den Fragen aus. Wir wissen, dass der Staat seine Defizite hat. Deshalb wollen wir dabei helfen, konkrete Pläne zu erarbeiten. Wir kennen das staatliche und Verwaltungshandeln. Deshalb müssen wir andere Formen finden, um Maßnahmen in dieser Krisensituation zu beschleunigen, denn die Krise entwickelt sich zu schnell, gerade in der Region Loreto.“ Rubio gesteht ein, dass es um eine geteilte Verantwortung geht: „Es gibt eine halbe Schuld, denn die Bereitschaft und die Verantwortung jedes und jeder Einzelnen zählt.“

 

Im Interview mit Beatriz García Blasco von der Nichtregierungsorganisation CAAAP beschreibt Rubio die Situation im Amazonasgebiet.

 

Sind den Menschen in den indigenen Gemeinden die Situation und ihr Ausmaß bewusst?

Denjenigen, die Zugang zu Radios haben, ja. Sie wissen Bescheid und beachten ganz überwiegend die Ausgangssperre. Schwierig ist es in den Gebieten, in die es keine Verbindung über Radio oder Mobiltelefon gibt. Für sie suchen wir nach anderen Mitteln, etwa Informationsblätter. Leider verschanzt sich der Staat hinter der weiten Entfernung zu den Gemeinden und schenkt ihnen zu wenig Aufmerksamkeit, obwohl sich das Virus schon sehr in ihre Nähe ausgebreitet hat.

 

Und wie gelingt es, für diese abgelegenen Gemeinden interkulturelle Strategien anzugehen? Hat das Motto #QuédateEnCasa (#BleibZuhause) in diesen Gebieten überhaupt Sinn, wo sich das Leben die meiste Zeit draußen abspielt?

Obwohl es schwierig ist im Haus zu bleiben, weil die Familien sehr groß und die Häuser dafür wenig geeignet sind, halten sich die Gemeinden an die Bestimmungen. Wofür wir vor allem sorgen müssen, ist der Selbstschutz: keinen fremden Personen den Eintritt in das eigene Haus und in die Gemeinden zu erlauben. Und die große Sorge aller ist die Unzulänglichkeit des Gesundheitssystems in unseren Gebieten. Es gibt weder Medikamente noch eine ausreichende Ausstattung. Da kommt wieder die Schwierigkeit auf uns zurück, dass die Menschen Angst haben, wenn Fremde aus Lima oder Iquitos kommen, die infiziert sein könnten. Denn die meisten wurden nicht getestet.

 

Die Gesundheit ist sicher eine große Sorge, aufgrund der Defizite im Gesundheitssystem in den ländlichen und abgelegenen Gebieten. Aber wie sieht es mit der Lebensmittelversorgung aus?

Als peruanische Staatsbürger*innen haben wir alle das Recht auf Ernährung. Um das zu gewährleisten, braucht es für die indigenen Gemeinden eine jeweils angepasste Unterstützung. Die Realitäten in den indigenen Gemeinden sind sehr unterschiedlich und hängen von verschiedenen Faktoren ab. Jetzt ist nicht der Moment um Diagnosen zu stellen, es ist Zeit zu handeln. Unsere Organisationen können die Informationen liefern, welche Maßnahmen nötig sind. Und sie können Sicherheitsmaßnahmen des Staates für die indigenen Völker logistisch unterstützen.

 

Zufall oder nicht – Richard Rubio erzählt, dass schon im vergangenen Jahr während eines Kongresses der lokalen indigenen Organisation in seinem Geburtsort, am Río Napo, im März 2019, über eine „zukünftige Krise, die wir jetzt schon kommen spüren“ gesprochen wurde. „Wir wussten nicht, ob es eine tödliche Krise oder eine Hungerkrise würde, aber es gab Vorzeichen: Tiere starben, die Schmetterlinge fielen wegen der unerträglichen Hitze vom Himmel. Das sind Zeichen, die die Bevölkerung aufmerksam werden lassen.“  Rubio erinnert sich, dass auf dem Kongress darüber viel gesprochen und debattiert wurde. Aus indigener Sicht liest sich dieses Ereignis wie ein Ausgangspunkt, der es ermöglicht, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

 

Wie wird Covid-19 aus indigener Perspektive wahrgenommen?

Die Gemeinden sehen die aktuelle Situation als eine Prüfung des Lebens an, die sich uns stellt, weil wir die Natur nicht achten, die Gott uns geschenkt hat, den menschlichen und gemeinschaftlichen Wert und die Würde, die jedem Leben innewohnt. Die Technologie macht, dass uns dies verloren geht. Vielleicht wird sie uns zukünftig in einigen Bereichen das Leben zerstören. Dies ist ein Schlüsselmoment für Reflexion und Innehalten. In den Gemeinden wurde die Fastenzeit sehr intensiv gelebt, wir haben die soziale Isolation respektiert und uns in den Familien zusammengesetzt um zu überlegen, was wir jetzt tun müssen. Es ist Zeit,  die Solidarität unter den Menschen wieder zu beleben. Ich glaube, in diese Richtung muss unser Diskurs gehen. Mit dieser Einstellung müssen wir weitermachen, auch wenn die Telefon- und Online-Konferenzen nicht so effizient sind. Aber wir müssen uns dieser Krise entgegenstellen, ohne uns entmutigen zu lassen.

 

Rubio betont die wichtige Rolle der Kirche. „Die Unterstützung durch die Kirche ist sehr wertvoll. Es ist jetzt nicht die Zeit zu reden und zu diskutieren. Die Kirche hat schon gehandelt. Das ist, was wir wollen: dass gehandelt wird.“

 

Das – hier leicht gekürzte – Interview ist in spanischer Sprache nachzulesen auf

http://www.caaap.org.pe/website/2020/04/18/los-pueblos-indigenas-siempre-vamos-a-aportar-porque-somos-parte-del-peru-richard-rubio-vicepresidente-de-aidesep/

 

Übersetzung: Annette Brox

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