Peru  geht es in dieser Corona-Krise immer schlechter. Und das, obwohl die Regierung unter Martin Vizcarra frühzeitig und geschlossen gehandelt, transparent kommuniziert und keine schwerwiegenden Fehler begangen hat. Seit 39 Tagen ist Peru im „Lockdown“. Dennoch  gehört  Peru mit 572 an Covid19 Verstorbenen (Stand: 23.04.2020) zu den Ländern mit der höchsten Todesrate in Südamerika.  Mit immer noch steigender Tendenz.  Der Gipfel der Pandemie ist noch nicht erreicht. Woran also liegt es, wenn eine Regierung das Menschenmögliche tut, und die Pandemie dennoch nicht eindämmen kann ?

 

Der Zeichner „Heduardo“ ist einer der treffendsten Karikaturisten Perus. Vor drei Tagen hat er mit einer Karikatur in La Republica wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen: „So viele Jahre ist unser Wirtschaftswachstum spitze, und so viele Jahre liegt unser Gesundheitssystem am Boden“ – “ Unser Gesundheitssystem ist ein Bettler, der auf einem goldenen Bruttoinlandsprodukt sitzt“ (in Anspielung an das in Peru geflügelte Wort, dass Peru ein Bettler sei, der auf einer goldenen Truhe sässe). 

Die Coronakrise zeigt gerade dramatisch, wie nackt Peru in einer solchen Krise dasteht. Trotz seines tollen Wirtschaftswachstums und aller Leitartikel, die vom südamerikanischen Tigerland Peru schwärmen, treten die Schwächen Perus geradezu brutal in den Vordergrund:

  1. Ein defizitäres Gesundheitssystem

Niemand in Peru hat jemals gedacht, dass das Gesundheitssystem gut sei. Aber wie schlecht es wirklich darum bestellt ist, zeigt die Coronakrise in all seiner Schärfe. Das Gesundheitssystem in Peru ist fragmentiert, unterfinanziert und absolut ungenügend. Für 32 Millionen Peruaner*innen gibt es – inzwischen, d.h. nach vier Wochen des nationalen Notstandes und des Ausbaus der Intensivabteilungen – etwas mehr als 600 Intensivbetten. Im ganzen Land, und die Privatkliniken mitgezählt.  Die Dreiteilung des Systems in Gesundheitsministerium (Spitäler und Gesundheitsposten, die aus dem Staatssäckel bezahlt werden) – Essalud (untersteht dem Arbeitsministerium, hier sind alle fest angestellten Arbeitnehmer versichert, also rund 30%, und wird mit Beiträgen der Arbeitnehmer und -geber finanziert) – und schliesslich die verschiedensten Privatkliniken, vor allem für Mittel- und Oberschicht.  Das System ist bereits jetzt an seine Grenzen gelangt. Fotos von Müllsäcken mit Leichen im Hinterhof von -Spitälern, und Patient*innen auf Gängen liegend, machen die Runde.

 

2.     Ungenügende Dezentralisierung und eine schwerfällige Administration

Wer in Peru ernstlich erkrankt, sagen wir an Krebs, oder einen schweren Unfall hat, geht in der Regel zur Behandlung nach Lima, auch wenn es in seiner Heimatstadt ebenfalls ein Krankenhaus hat. Die wenigen staatlichen Mittel für das Gesundheitssystem fliessen in der Hauptstadt. Deswegen findet das Coronavirus vor allem auch ausserhalb Limas seine Opfer. Das nördliche Departament Lambayeque hat ca 1/9 der Bewohner von Lima, aber fast halb so viele Covid19-Todesfälle als die Hauptstadt.  Bis jetzt sind, nach Lima und Callao, die nördlichen Küstendepartamente Tumbes, Piura, Lambayeque und Libertad am meisten betroffen.

 

3.  Mangelnde Disziplin oder notwendiges Überlebensrisiko ?

Die Menschen, die in diesen Tagen an  Covid19 sterben, haben sich angesteckt, als bereits eine strenge Ausgangssperre galt.  Es ist müssig, sich zu fragen, ob die Menschen das Ausgangsverbot nicht einhalten wollten oder konnten. Tatsache ist, dass  wohl gerade die in Peru so beliebten offenen Märkte zu Ansteckungsorten wurden. Viele Menschen konnten auch nicht zu Hause bleiben, weil sie schlicht Geld verdienen mussten. Für viele Peruaner*innen hat sich die Coronakrise inzwischen zur Wahl zwischen Pest und Cholera gewendet: sterbe ich an Covid19 oder daran, dass ich nichts mehr zu essen habe ?

Die peruanische Regierung hat wenig Optionen. Sie kann nicht binnen weniger Wochen die jahrzehntelangen Defizite des Gesundheitssystems kompensieren. Im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützt der Staat die peruanische Bevölkerung   – am 23. April kündigte Präsident Vizcarra eine generelle Zahlung an alle Haushalte an, die in dieser Zeit ohne festes Einkommen sind. Ernüchternd ist, dass sich niemand um die 850 000 venezolanischen Migrant*innen in Peru kümmert, die jetzt grösstenteils ohne Arbeit und Einkommen sind und keinerlei staatliche Leistungen erhalten, allenfalls Lebensmittelspenden von NGOs oder Kirchen

Zugleich blieb der Regierung angesichts steigender Corona-Fälle nichts anderes übrig, als die Ausgangssperre um zwei Wochen bis zum 10. Mai zu verlängern. In dieser Zeit soll der Gipfelpunkt der Krise erreicht werden.  

Es ist zu hoffen, dass die Einsicht, dass ein gestiegenes Bruttoinlandsprodukt alleine keine Entwicklung bringt, auch nach der Pandemie anhalten wird. Immerhin, so Präsident Vizcarra in der heutigen Pressekonferenz, wird  die Coronakrise den öffentlichen Verkehr in Lima positiv umkrempeln. Nach dem Lockdown sollen alle Strassen eine Fahrradspur erhalten.

 

Hildegard Willer

 

 

 

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