Liebe Leserin, lieber Leser des InfoPeru,

„Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Interviews mit Menschen geführt zu haben, die den Tränen nahe sind“, schreibt die erfahrene Reuters-Korrespondentin Mitra Taj auf Twitter. „Die einfachsten Fragen – woher kommst Du, wieviele Kinder haben Sie? – lassen die Leute in Tränen ausbrechen. Der letzte Schwung venezolanischer Migranten, die Peru erreichen, ist müde, ängstlich, mittellos und hungrig“.

Mitra Taj beschreibt die Szenen an der Grenze von Ecuador zu Peru, in den Tagen vor dem 15. Juni. An diesem Tag nämlich trat die Visumspflicht für Venezolaner in Kraft. Venezolaner brauchen dafür einen – schwer erhältlichen – Reisepass und müssen dann auf dem peruanischen Konsulat in Caracas ihr Visum abholen. Bis zu 6.500 Venezolaner täglich sind deshalb zu Fuß und mittellos uüber den halben Kontinent geeilt, um noch rechtzeitig nach Peru zu kommen.

Die peruanische Regierung hat mit der Visumspflicht der Stimmung in der Bevölkerung nachgegeben. Dort sehen viele die inzwischen auf 800.000 Menschen angewachsene Gemeinde der Venezolaner kritisch. Der auch ohne Immigration schon prekäre peruanische Arbeitsmarkt könne so viele Neuankömmlinge nicht aufnehmen, sagen einige. Das Arbeitsministerium hat inzwischen Arbeitgeber unter Strafe gestellt, welche (teurere) peruanische Mitarbeiter aus-, und (billigere) Venezolaner einstellen. Viele Medien bringen große Aufmacher über mutmasslich oder tatsächlich von Venezolanern begangene Verbrechen.

Auch dieses Mal dürfte die Einführung der Visumspflicht vor allem die öffentliche Meinung beruhigen. Denn schon wenig später machte die Regierung Ausnahmeregelungen für minderjährige und betagte Familiennachzügler geltend. Und wer um Asyl bittet, wurde an der peruanischen Grenze noch nie abgewiesen.

Bisher hat Peru den unerwarteten Andrang der Flüchtlinge aus Venezuela in einer Mischung aus Pragmatik, Improvisation und Menschlichkeit einigermaßen konfliktfrei bewältigt. Hoffentlich wird diese Mischung auch weiterhin den Umgang mit den venezolanischen Flüchtlingen bestimmen.

Während sich auf dem südamerikanischen Subkontinent die größte bisher bekannte Migrationsbewegung abspielt, hält sich die peruanische Tagespolitik meist in den Niederungen der Parteipolitik auf, die bei den meisten peruanischen Parlamentariern mit persönlichen Pfründen gleichzusetzen ist. Andreas Baumgart schildert in diesem InfoPeru ausführlich, warum das peruanische Parlament zuerst Präsident Vizcarra das Misstrauen aussprechen wollte, und warum sie es dann doch lieber sein ließen.

Mehrere Artikel und Interviews in dieser Ausgabe widmen sich der Selva, dem peruanischen Amazonasbecken. Im Oktober beginnt dazu eine Bischofssynode in Rom, in welche vor allem die Erneuerer innerhalb der katholischen Kirche große Hoffnungen stecken.

Viel Freude bei der Lektüre und hoffentlich auch beim fleißigen Kommentieren auf unserer Webseite wünscht

Hildegard Willer
Redakteurin InfoPeru

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