Liebe Leserin, lieber Leser des InfoPeru,

 vor 50 Jahren fand das für Peru womöglich bedeutendste Ereignis des 20. Jahrhunderts statt. Der Militärdiktator Juan Velasco enteignete die Grossgrundbesitzer und führte eine Agrarreform durch. Auch wenn die Reform wirtschaftlich nicht erfolgreich war – die neuen Genossenschaften funktionierten nur mässig bis gar nicht – so stellt die Agrarreform doch die entscheidende Wegmarke dar für die Befreiung aus einer vor-modernen, feudalen Gesellschaft. Denn vor der Agrarreform lebten Millionen von Indigenen und Landarbeiter*innen in quasi-feudalen Verhältnissen, hatten kein Stimmrecht, waren sozusagen Leibeigene. Diese feudale Klassengesellschaft wurde mit der Enteignung der Grossgrundbesitzer und der Verteilung des Landes gebrochen. Etwas, worauf ein Land im Rückblick stolz sein sollte, zumal die Reform ohne Blutvergiessen und dramatische Menschenrechtsvergehen auskam ? 

Mitnichten. Kaum ein Ereignis polarisiert bis heute die peruanische Gesellschaft so sehr wie diese Agrarreform. Für die enteigneten und z.T. bis heute nicht entschädigten Grossgrundbesitzer und deren Nachkommen ist General Velasco schlimmer als der Satan. Am anderen Extrem des Spektrums befinden sich Sozialfaschisten, welche den Rassismus umkehren und mit Rekurs auf Velasco von der Superiorität der braunen Rasse faseln.

Um kein anderes peruanisches Ereignis herrscht deshalb ein solch öffentliches Tabu, wie um die Bewertung dieser Agrarreform. Es gibt keine nationale Erzählung, wie Peru gemeinsam auf dieses Ereignis blickt. Das mag für den bewaffneten internen Konflikt ebenfalls gelten, aber mit der Wahrheitskommission und dem Museum „Lugar de la Memoria“, hat der peruanische Staat doch immerhin versucht, die Fakten zu eruieren und eine gemeinsame Erzählung zu schaffen. Für die Agrarreform gibt es dies bis heute nicht.

Deswegen ist es bemerkenswert, dass ein Dokumentarfilm über die Agrarreform (La revolucion y la Tierra) in diesen Wochen zum Kassenschlager in den peruanischen Kinos wird. Der junge Regisseur Gonzalo Benavente will mit seiner Montage filmischer Zeugnisse vor und nach der Agrarreform die Debatte um ihre Bedeutung für die heutige peruanische Gesellschaft anfachen . Dies scheint ihm zu gelingen.

Sie wundern sich vielleicht, dass ich dieses Editorial mit einem Rückblick auf die peruanische Geschichte begonnen habe, wo in den letzten Wochen in Peru doch so viel Dramatisches geschehen ist: nichts weniger als eine Parlamentsauflösung und die Ausrufung von Neuwahlen. Alles Wichtige darüber finden Sie in den ausführlichen Hintergrundartikeln von Cesar Bazan und Andreas Baumgart in diesem InfoPeru.

Auch dieses jüngste Ereignis hat übrigens noch eine direkte Verbindung zur vor einem halben Jahrhundert erfolgten Agrarreform: der nun abgesetzte Parlamentspräsident, Pedro  Olaechea, ist Besitzer eines grossen Weingutes und hat bis vor kurzem die vor 50 Jahren  enteigneten Grossgrundbesitzer in ihrer Klage auf Entschädigung vertreten. 

Auch ein weiterer Schwerpunkt dieser Nummer des InfoPeru ist ohne einen Rückblick auf die Agrarreform nur schwer zu verstehen: die Aufwertung der indigenen Sprachen, insbesondere des Quechua, nahm unter General Velasco einen bescheidenen Anfang. Die Linguistin Carola Mick und Sebastian Ritter schreiben in diesem InfoPeru über den heutigen Stand im Umgang mit indigenen Sprachen in Peru. 

Und schliesslich ist es traurig und beunruhigend, dass 50 Jahre nach der Agrarreform erneut grosse Latifundien in Peru entstehen. Besitzer sind nicht mehr die aristokratischen Grossgrundbesitzer der letzten Jahrhunderte, sondern reiche Bergbauunternehmer, internationale Kapitalanleger und Unternehmer aus der Hauptstadt, die  grosse Flächen aufkaufen, um dort Obst und Gemüse für den Export auch in deutsche Supermärkte anbauen. Die dort beschäftigten Landarbeiter*innen sind nicht mehr Leibeigene, geniessen aber nicht die in Peru sonst üblichen Arbeitsrechte. Dieses Sonderreglement wurde vom Parlament kurz vor dessen Auflösung noch um 10 Jahre verlängert, wie Jorge Paucar in diesem InfoPeru beschreibt.

Es ist immer riskant, als Ausländerin eine Meinung zu einem innerperuanisch so umstrittenen Thema wie der Agrarreform abzugeben. Dennoch möchte ich dies tun,  aufgrund einer Beobachtung aus heutiger Zeit: wenn ich sehe, wie stark der Rassismus und das Klassendenken das Peru zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch prägen, dann möchte ich mir nicht vorstellen, wie Peru heute aussähe, wenn es vor 50 Jahren nicht die Agrarreform gegeben hätte.

Hildegard Willer

 

 

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