Liebe Leserin, lieber Leser,
Wenn man die Bilder von den Flüchtlingsströmen in Europa sieht, dann sitzt man in Peru in diesen Tagen vergleichsweise an einer sehr ruhigen Ecke der Weltgeschichte. Das Aufregendste,  was in diesen Tagen in Peru passiert, sind die Kleiderkäufe und Tagebücher der First Lady Nadine Heredia, aus denen verschiedene Oppositionspolitiker eine Anklage wegen Geldwäsche gegen die Präsidentengattin gebastelt haben.

Auch wenn es einen schon ärgern kann als Präsidenten, wenn die Medien tag ein tagaus nichts wichtigeres zu kommentieren haben – deswegen einfach die leitende Geldwäsche-Ermittlerin Julia Príncipe abzusetzen, gehört nicht zum demokratischen Ton. Schon gar nicht, wenn Geldwäsche und illegale Geschäfte aller Art einen guten Teil des peruanischen Wirtschaftswunders ausmachen. Die gechasste Julia Príncipe hat u.a. auch die Spur des illegalen Goldes aus Peru in verschiedene Länder hinweg verfolgt. Im ZDF-Film „Dreckiges Gold“ redet sie über ihre Ermittlungen.
Die Regierung Ollanta Humala verschleisst sich mit solchen Entscheidungen – wie der willkürlichen Absetzung der Staatsanwältin Julia Príncipa – immer mehr. Nur gut, mag sich da so einer sagen, dass nächsten April ein neuer Präsident gewählt wird. Wenn es denn wirklich ein neuer Präsident werden würde… . In den Umfragen führen die altbekannten Gesichter: Alan García von der APRA scheint kein Skandal etwas anhaben zu können; er hofft, mit einer nochmaligen Präsidentschaft endgültig in den Olymp lateinamerikanischer Staatsmänner aufgenommen zu werden. Die zweite im Rennen ist Keiko Fujimori, Politikertochter und selber Politikerin, seit Alberto Fujimori sie im zarten Alter von 19 Jahren zur First Lady ernannt hatte, nachdem er die Mutter Susana Higuchi aus dem Präsidentenpalast gejagt hatte. Der dritte der Kandidaten, der 77-jährige Pedro Pablo Kuczynski, war schon Minister, als Mit-Konkurrentin Keiko Fujimori noch gar nicht geboren war. Die drei gelten als die aussichtsreichsten Kandidaten.
Das frische Gesicht unter all den Kandidaten ist die 35jährige Abgeordnete Veronika Mendoza des „Frente Amplio“ , die in der Vorwahl den Parteigründer Marco Arana auf den zweiten Platz verwies. Ob sie in den Wahlen nächstes Jahr mehr als einen Achtungserfolg vorweisen kann, hängt auch davon ab, ob die sich traditionell zerstrittene Linke für die Wahlen 2016 glaubhaft zusammentun kann.
Hauptthema des anlaufenden Wahlkampfes dürfte das darbende Wirtschaftswachstum sein. Das würde zwar mit seinen rund 3% einem deutschen Finanzminister Jubelrufe entlocken; die Peruaner, die an Zuwächse von 5 – 8 % gewohnt sind, dagegen malen bereits den Teufel der Rezession an die Wand. Bisher nicht thematisiert wird, auf welch tönernem Entwicklungsmodell Perus Wachstum steht: die einseitige Abhängigkeit vom Bergbau- und Erdölsektor zeigt seine Kehrseite, sobald die Nachfrage aus China schwächelt.
Dabei weist gerade die Weltklimakonferenz, die im Dezember in Paris stattfindet, darauf hin, dass es mit unserem Entwicklungsmodell nicht einfach so weiter gehen kann. Letztes Jahr fand die COP 20 in Lima statt – einen nachhaltigen Eindruck hat sie in der peruanischen Gesellschaft nicht hinterlassen. Die Frage nach einer anderen Entwicklung wird in Peru höchstens in kleinen alternativen Zirkeln gestellt.
Und schliesslich noch eine gute Nachricht: die Kampagne von amnesty international zur Entschädigung der in den 90-er Jahren zwangssterilisierten Peruanerinnen scheint Früchte zu tragen. Der peruanische Botschafter vor dem Interamerikanischen Gerichtshof kündigte die Einrichtung eines Registers für die geschädigten Frauen an – ein erster Schritt auf dem Weg zur Gerechtigkeit.

Hildegard Willer

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