Sozialwissenschaftler*innen und Angehörige sozialer Berufe auch im kirchlichen Bereich sollen sich mehr um die Rechte indigener Völker kümmern. Das fordert der Ethnologe Thomas Moore in mehreren Interviews.

Nun, diese Forderung ist nicht neu, Thomas Moore stützt sie aber mit Schlussfolgerungen aus seiner jahrelangen Begleitung der indigenen Bevölkerung, speziell in Madre de Dios im südlichen Regenwald Perus.

Dort richtet er den Blick insbesondere auf die Missionsarbeit des Dominikaner-Ordens und kritisiert sie heftig. Er meint, dass die Missionarstätigkeit dazu beigetragen hat und noch beiträgt, dass die Indigenen ihre Kultur aufgeben und ihre Sprache vergessen (sollen), indem z.B. in der Missionsschule ausschließlich auf Spanisch unterrichtet wird. Eine Begründung für diese Praxis sieht er unter anderem in den noch vorhandenen Denkmustern aus der Zeit der Franco-Diktatur, in der die Missionare in Spanien ausgebildet worden waren.

So billigt beispielsweise der italienischstämmige Gemeindepfarrer Miguel Piovesan zwar den illegalen Goldabbau in der Region nicht direkt, kooperiert aber durchaus mit fragwürdigen Holzfirmen, die ihrerseits die Kirche unterstützen, und er setzt sich für den Straßenbau im Regenwald ein. Umweltschützern hält er entgegen, dass die Straße der Bevölkerung Verkaufsmöglichkeiten eröffne.

In den 80-er Jahren hätten die Dominikaner versucht, die Selbstorganisation der Indigenen zu hintertreiben, als diese sich gegen die (Zwangs)arbeit in ihrer missionseigenen Goldmine Shintuya wehren wollten und die indigene FENAMAD (Federación Nativa del Rio Madre de Dios y Afluentes) gründeten. Ein Beispiel dafür: die einzige Tankstelle im Alto Manú gehörte Pater Iráizoz; der verkaufte schlicht kein Benzin, als 1982 der Gründungskongress anstand; im Missionsradio wurden Infos nicht durchgelassen, sondern blockiert. Wenn im Vorfeld der Verbandsgründung Versammlungen stattfanden, bestellten die Dominikaner die Männer zur Arbeit in der missionseigenen Sägewerkstatt ein, um sie an einer Teilnahme zu hindern.

Nach der Verbandsgründung zog mehr Offenheit in die Missionszentrale ein. Pater Torrealba ließ im Sender auch die Indigenen zu Wort kommen. Fast ein Vierteljahrhundert später, 2016, beförderten ein neuer Präsident der FENAMAD, Julio Cusurichi, und der Bischof der Region, Daniel Martinez, deutlichere Veränderungen. Unter anderem vereinbarten sie, dass das Katholische Hilfswerk Caritas in den indigenen Dorfgemeinschaften nur solche Arbeiten oder Projekte durchführt, die FENAMAD zuvor befürwortet hat.

FENAMAD wiederum schätzt Menschen wie Thomas Moore, die sie bei der Formulierung und Durchsetzung ihrer Belange unterstützen. In Madre de Dios, wo illegale Goldförderung großflächig Wald vernichtet, Flüsse vergiftet, also Mensch und Natur massiv schädigt, sind die Selbstorganisationen der indigenen Dorfgemeinschaften besonders wichtig, um ihre Verteidigung zu organisieren und überhaupt Gehör zu finden.

Als Beispiel für lohnende, nachhaltige Unterstützung der Selbstorganisationen durch Sozialwissenschaftler verweist Moore auf den nördlichen peruanischen Regenwald. Dort machen beispielsweise die Wampi inzwischen ihren Frieden mit den Siedlern. Die Siedler, die teils schon viele Jahre in der Region leben, müssen lediglich akzeptieren, dass sie in indigenem Territorium leben. Das heißt, alles, was sich nicht ein solcher Siedler angeeignet hat, bleibt Territorium der Wampi. Das Landwirtschaftsministerium stellt keine weiteren Landtitel für Parzellen an Siedler aus, das Territorium der Wampi wird nicht weiter zerstört.

In Hinblick auf die Amazonassynode der Katholischen Kirche (Oktober 2019 in Rom) stellt sich die Frage nach einer positiven Rolle der Sozialwissenschaften und sozialen Berufe noch einmal aus einer anderen Perspektive. Lassen die Missionen ihre Adressaten aus den langen Schatten der Obhut treten und gehen sie an der Seite der indigenen Völker?

Heinz Schulze

(Aus: Servindi, Lima, 2. und 3. 3.2018, Dokumenten von FENAMAD und privaten Quellen; https://www.survivalinternational.de/nachrichten/11530 )

 

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