Nimmt man eine Südamerika-Landkarte zur Hand und sucht an der Nordküste Perus die Region Lambayeque, so erkennt man, dass diese Region auch Gebirgszonen umfasst. Eine der Provinzen von Lambayeque ist Ferreñafe und dort liegen im Distrikt Cañaris die Jahrhunderte alten Ortschaften San Juan de Cañaris und Incawasi. Je nach Höhenlage auf drei geologischen Stockwerken leben ihre BewohnerInnen vom Anbau von Kaffee, Obst, Zuckerrohr, Mais, Bohnen, Kartoffeln, Weizen, Quinua. Jedoch, die Idylle trügt.

96,16 % der Distriktfläche sind von Regierungsbeamten im fernen Lima in Konzession an Bergbauunternehmen vergeben worden, darunter an die kanadische Candente Copper Corporation-Cañariaco, die drei Projekte (Cañariaco Norte, Cañariaco Sur und Quebrada Verde) plant. In einer selbst organisierten Bürgerbefragung sprachen sich im September 2012 95% der Bevölkerung gegen diese Bergwerkstätigkeit aus. Die Befragung war zweifelsfrei sauber und absolut transparent durchgeführt. Eine Gemeindevollversammlung im November in San Juan ergab ebenfalls: 97 % der „Comuneros“ und „Comuneras“ sprachen sich gegen die Bergbauprojekte aus.

Um ihre Befragungsergebnisse an die Öffentlichkeit zu bringen und  gehört zu werden, gehen die Leute von Cañaris seit geraumer Zeit auf die Straße und protestieren gegen die weitere Zerstörung ihrer Umwelt und Lebensgrundlagen. Denn tatsächlich lebt ganz Lambayeque vor allem von Landwirtschaft, Viehhaltung, Fischfang und vom Tourismus. Letzterer blüht dank Attraktionen der Mochica- und anderer Kulturen sowie der enormen Biodiversität, die sich nicht zuletzt in den wichtigen Nebelwäldern von Cañaris verbirgt.

 

Runder Tisch als Alibifunktion

Auf die Proteste der Bevölkerung von Canaris musste die Politik reagieren. Sie installierte einen Koordinierungskreis mit VertreterInnen der Bevölkerung, der, wie sich bald herausstellte, eine Alibifunktion hatte. Während die Cañaris unter Berufung auf die peruanische Verfassung, auf die ILO-Konvention 169, auf die UN-Deklaration über die Rechte Indigener Völker sowie den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte die Entscheidung gegen die weiteren Bergbaupläne für getroffen und gültig hielten, ging es den Vertretern der Politik darum, den Bergbau durch Angebote von Infrastrukturmaßnahmen wie Schulbau etc. schmackhaft zu machen. Ein exemplarischer Streitpunkt war und ist, ob sich die Cañaris überhaupt auf ihr Recht nach einer Vorab-Konsultation als indigenes Volk nach der von Peru ratifizierten ILO-Konvention 169 berufen dürften, denn schließlich sprächen nur 64 % der Cañaris Quechua und etwa 30 % sprächen ausschließlich Spanisch. Also, meint die Politik: Hier handelt es sich um keine indigene Bevölkerung.

 

Obwohl die Beantwortung dieser Frage nichts mit den Bürgerrechten der Cañaris in der aktuellen Situation zu tun haben sollte, sind die Ausführungen des Historikers Antonio Zapata nicht uninteressant, denn sie illustrieren die alte südamerikanische und aktuell politische Debatte, wer indigen ist.

 

Ein Blick in die Geschichte der Cañaris

 

Die Hauptsiedlung der ethnischen Gruppe der Cañaris befand sich im heutigen Ecuador.

Der Inka-Herrscher Huayna Cápac lernte sie bei seinen Eroberungsfeldzügen als kampfbereit schätzen und nahm sie als Söldner in sein Richtung Quito marschierendes Heer auf. Da sie sich bewährten, übernahm er sie ins riesige Inkareich und siedelte die Cañaris in Wehrdörfern zur Sicherung der Grenze an. Sie waren zwangsintegriert, aber als Beschützer auch privilegiert.

 

Später, als die Inka-Herrschaft wegen der internen Kämpfe zwischen Huáscar und Atahualpa bröckelte, stellten sich die Cañaris auf die Seite von Huáscar (Cuzco-Clan) und konnten bald Atahualpa (Cajamarca-Clan) gefangen nehmen. Diesen Sieg feierten sie so exzessiv, dass Atahualpa fliehen und seinerseits die Geschichte verbreiten konnte, er habe sich zwecks Entkommen in eine Schlange verwandelt. Diese Fähigkeit verlieh ihm  zusätzlichen göttlichen Glanz. Jedenfalls gewannen seine Truppen in der Folgezeit alle Kämpfe gegen Huascar und dessen Verbündete, so dass die Cañaris zu den ewigen Verlierern zählten. Um zum siegreichen Atahualpa-Lager zu wechseln, schickten die Cañaris als Zeichen ihrer Ergebenheit und Garantie, keine Aufstandsabsichten zu haben, Kinder aus ihren Führungsfamilien zu Atahualpa. Der, so heißt es, ließ alle Kinder umbringen aus Rache, weil die Cañaris sein großes Ohr, Zeichen der Zugehörigkeit zur Inka-Aristokratie, eingeschnitten hatten.

Doch als spanische Truppen und ihre Verbündeten – ihrerseits früher von den Inka Eroberte, die sich bei dieser Gelegenheit aus Fron- und Abgabendiensten befreien wollten – das Heer von Atahualpa massakrierten und den letzten Inka gefangen nahmen, gehörten die Cañaris zum Atahualpa-Heer. Am Tag nach dem Massaker kamen sie, berichtet Antonio Zapata, ins spanische Lager und machten dort klar, dass sie ab sofort die Seiten wechseln und mit den Eroberungstruppen kämpfen würden. Sie waren dann mit den Chachapoyas und Kämpfern aus Huanca, Huaylas und anderen Regionen unterwegs um Cuzco einzunehmen.

Ein Teil der Cañaris war dort geblieben, wo sie vom Inka Huayna Cápac angesiedelt worden waren – im heutigen Distrikt Cañaris. Im Lauf der Jahre und Jahrhunderte vermischten sie sich mit der dort ansässigen Bevölkerung, behielten aber Teile ihrer Kultur, wie z.B. ihre Sprache, das Quechua.

 

An den Entwicklungsvorstellungen der Cañaris heute geht die theoretische Debatte, ob sie indigen sind oder nicht, vorbei. Sie sind es. In erster Linie geht es ihnen aber darum, die irreversible Zerstörung durch den flächendeckenden Abbau von Gold, Silber und Kupfer aufzuhalten. Da die Proteste und der Widerstand andauern, riefen die Vertreter der Politik statt zu gescheiterten Koordinierungstreffen nun zu Dialogrunden, die ebenfalls zum Scheitern verurteilt sind, so lang der Wille der Bevölkerung komplett ausgeblendet wird.

 

Die Cañaris haben sich inzwischen als dauerhaft in Alarmbereitschaft und im Widerstand deklariert. Ihre Demonstrationen und Kundgebungen wurden schon mehrmals niedergeknüppelt. Zuletzt wurden bei einer Straßenblockade von etwa 400 Comuneros mehrere hundert Polizisten eingesetzt: 26 Personen wurden verletzt, 2 von ihnen lebensgefährlich.

 

Es ist kaum anzunehmen, dass die Cañaris, die vor einem halben Jahrtausend in ihrem neuen Zuhause, dem Wehrdorf, geblieben waren und sich nicht den Rohstoffraubzügen der Spanier angeschlossen hatten, die Fronten wechseln und sich auf die Seite eines Unternehmens schlagen werden, das – flankiert von rohstofffixierter Politik – ihre Lebensgrundlagen vernichtet.

 

 

(Heinz Schulze, 16.2.2013)