Wenn die Gletscher der Anden weiterhin in dem Tempo schmelzen,wie sie dies bisher tun, dann koennte Benjamin Morales trotz seiner hohen Alters noch arbeitslos werden.  Der 78-jaehrige Peruaner will vom Ruhestand nichts wissen und ist der beste Beweis dafuer, dass Bergsteigen fit haelt. Benjamin Morales ist der Vater der peruansichen Glaziologie, der Gletscherkunde.  Heute tut der agile alte Herr im Anorak alles, um seine Gletscher vor dem Abschmelzen zu bewahren. Dabei greift  er auf uraltes Wissen der Indigenas zurueck: die brachten das Eis in Icchu-Gräser gewickelt auf den Markt herunter nach Huaraz. Wenn die das Eis halten, dann koennten sie doch auch die Gletscher vor dem Abschmelzen bewahren. Gedacht, getan. Auf drei Versuchsflaechen im Hochland der Cordillera Blanca  in Nordperu, in der sich ein Gletscher an den anderen reiht und die deshalb auch als Schweiz Perus bekannt ist, hat Benjamin Morales ausprobiert, welches Material  das Eis besser zurueckhaelt: Saegespaene, Zeltplanen (wie sie in den Skigebieten der Apen benutzt werden) oder eben das heimische Punagras, das Icchu.  Der Erfolg gibt der Andentradition recht: nach zwei Jahren ragt die mit Icchu bedeckte Versuchsflaeche zwei  Meter ueber dem sie umgebenden Eis.  So einfach und praktisch sei es, zumindest kleine Gletscherflaechen zu erhalten

Morales ist seit jeher ein Mann der Praxis: Als der frischgebackene Ingenieur Mitte der 60- Jahre vom Studium an der ETH Zuerich nach Peru zurueckkam, sicherte er fuer das damals staatliche Elektrizitaetsunternehmen Electroperu die Gletscherseen ab. Bis zu 300 Leute haetten damals in der Glaziologen-Einheit gearbeitet , aus aller Welt seien Glaziologen angereist, um zu sehen, wie die Peruaner Gletscherseen mittels Daemmen, Talsperren oder Drainagetunneln davor bewahrten, in die Tiefe und auf die Doerfer zu donnern.  Mit dem rasanten Abschmelzen der Gletscher hat sich die Gefahr vervielfacht: das Schmelzwasser fuellt die Gletscherseen, die wiederum mit Ueberlauf oder mit Schlammlawinen die Gemeinden entlang des Flusslaufes bedrohen. Zuletzt kamen 1970 im nahen Yungay bis zu 20 000 Menschen um, als durch ein Erdbeben ein Felsen auf einen Gletschersee stuerzte und eine riesige Geroelllawine ausloeste.

„Die Gefahr von Schlammlawinen ist heute wesentlich höher als der Wassermangel“, sagt Benjamin Morales  ueber die durch die Temperaturerwaermung beschleunigte Abschmelzen der Tropengletscher. 

Die Tradition der peruanischen Glaziologie  ist dem Privatisierungswahn der 90-er Jahre zum Opfer gefallen. Nachdem die staatliche Electroperu in den 90-er Jahren privatisiert wurde, fristete die Gletschereinheit ein Mauerbluemchendasein im Agrarministerium; heute ist sie der „Autoridad Nacional de Agua (ANA)“ unterstellt.

Vom 1. – 4. Juli trafen sich in Huaraz Wissenschaftler aus den USA, Kanada, der Schweiz, Oesterreich, Deutschland, Frankreich, Mexiko , der Tschechischen Republik und Norwegen zum inernationalen Gletscherkongress. Er wurde von der ANA organisiert und von der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit finanziert. Es fällt auf, dass kaum ein  Peruaner unter den Keynote-Speakern oder auf den Panels teilnimmt. Die Erforschung der peruanischen Gletscher mittels immer neuerer Technologien und Modellbildung scheint fest in auslaendischer Hand.  Dies liegt auch daran, dass der peruanische Staat bisher wenig bis keine Forschungsgelder zur Verfügung stellt.

Dabei ist das Ziel des Glaziologenkongresses eben dies: die vorhandenen Studien ueber die Auswirkungen des Abschmelzens der Gletscher sollen endlich Gehoer finden bei peruanischen Politikern und Behörden. Denn die müssen Massnahmen ergreifen, um ihre Bevoelkerung vor Naturkatastrophen zu schuetzen oder die zukuenftige Wasserversorgung sicherzustellen. Die naturwissenschaftlich ausgerichteten Glaziologen merken, dass es nicht reicht, die Dicke des Eises oder die Haeufigkeit der Niederschlaege zu messen, damit die lokale Bevoelkerung mitmacht und Druck auf ihre Regierung ausuebt. Letztlich steht und fällt auch die Wirksamkeit vn Frühwarnsystemen und Adaptionsmechanismen mit den peruanischen Institutionen, die sie umsetzen sollen.

Hildegard Willer