Als ich zum ersten Mal, vor etwa neun Jahren, in Deutschland den Begriff „Solidaritätsarbeit mit Peruaner*innen“ gehört habe, verstand ich nicht richtig, worum es ging.

Der Begriff war für mich ziemlich fremd. Ich habe diesen Begriff nie benutzt, um meine Arbeit in Peru als Menschenrechtsaktivist mit Quechua, Aymara, mit Bürgerwehren (Ronderos) oder Nachbarschaftsräten (Juntas Vecinales) zu bezeichnen. Und natürlich habe ich den Begriff auch nicht für meine Arbeit mit Beamten, Richtern, Polizisten oder Abgeordneten benutzt.

Was heißt das: Deutsche Solidarität mit Peruaner*innen? Damals in Deutschland habe ich mich selbst gefragt: ich bin Peruaner, und infolgedessen soll ich die deutsche Solidarität gern genießen? Dürfen die Peruaner*innen auch solidarisch mit den Deutschen sein? Was bedeutet es für einen deutschen „Otto Normalverbraucher“, solidarisch mit Peru zu sein? Was bedeutet es für die Infostelle? In den folgenden Zeilen äußere ich ein paar kritische Gedanken als Beitrag zur Diskussion um den Begriff Solidaritätsarbeit.

Für mich ist deutlich, dass die Weltordnung nicht gerecht ist. Die Beziehungen zwischen Personen und Ländern sind weltweit stark von Ungleichheit geprägt. In diesem Weltsystem befindet sich das Land Peru an der Peripherie und das Land Deutschland im Zentrum. Das habe ich von der Dependenz-Theorie gelernt, es wird heute von der post- und dekolonialen Debatte wieder aufgegriffen. Wenn also jemand über Solidarität von Menschen aus dem Norden mit Menschen vom Süden spricht, habe ich immer diese ungleichen Machtbeziehungen auf globaler Ebene im Hinterkopf. Natürlich ist Deutschland in dieser Beziehung mächtig und Peru schwach. In diesem Zusammenhang steht die Rhetorik der Erlösung (retórica de la salvacion), die bereits die Kolonialzeit geprägt hat und bis heute gültig ist: Die Europäer bringen den Indios das Heil, egal welchen Namen das Heil gerade hat, christlicher Gott, Zivilisation, oder Entwicklung.

Diese Auffassung von Solidaritätsarbeit ist selbstverständlich nicht diejenige der Informationsstelle Peru. Sonst wäre ich nicht aktives Mitglied der Infostelle. Die Ideengeschichte der Solidarität mit dem Süden ist älter als die Geschichte der Infostelle Peru und auch älter als die Geschichte der Solidaritätsarbeit. Die „Erlösungsrhetorik“ findet in den deutschen Medien täglich ihren Niederschlag. Die Medien wiederholen für den „Otto Normalverbraucher“, dass der Süden, in dem Fall Lateinamerika und Peru, nicht wichtig ist. Außer wenige auf Lateinamerika spezialisierte Medien wie Amerika 21, Infoperu, ila-info, Lateinamerika-Nachrichten findet man kaum Nachrichten über Lateinamerika in der deutschen Presse. Und wenn die Medien doch etwas über Lateinamerika bringen, dann oft höchst banale Nachrichten. Als zum Beispiel 2017 in Peru viele tausend Menschen aufgrund von Überschwemmungen ihre Häuser verloren, oder sogar verletzt oder gestorben sind, haben Spiegel, Berliner Zeitung und andere gebracht, dass neun Krokodile aus dem Zoo in Peru entkommen sind.

Andererseits gibt es einige wenige interessante Artikel oder Interviews, wie das Interview mit Brasiliens Ex-Präsident Lula im Januar 2018 in der ZEIT. Aber meist sprechen die deutschen Medien über Lateinamerika in den Schlagworten: unbedeutend, exotisch, korrupt. Und natürlich, wenn ein Land neun Krokodile entkommen lässt, braucht es die Solidarität von Ländern, in denen solche Katastrophen nicht stattfinden.

Wie kann auf diesem Hintergrund ein Peruaner solidarisch sein mit Deutschen? Keine Ahnung. Aber in der Infostelle Peru ist es anders. Hier existiert keine Auffassung von Solidaritätsarbeit als Erlösungs-Rhetorik. Wir denken, dass unsere Arbeit keine Einbahnstraße ist, sondern unsere Arbeit ein Geben und Nehmen ist. Die Infostelle ist Peripherie im Norden. Wir sind nicht Teil des Mainstreams der Entwicklungszusammenarbeit, sondern wir üben Kritik an den deutschen Interessen in Übersee. Wir stimmen nicht in die exotischen Mediendiskurse ein, sondern haben unser eigenes Medium InfoPeru. Wir arbeiten zusammen mit konkreten Personen und Organisationen1 in Peru, wir unterstützen ihre Kämpfe für bessere Lebensbedingungen. In diesem Kontext darf ein Peruaner solidarisch mit den Deutschen sein. Beispiele dazu sind Peruaner*innen, die aktiv in deutschen Vereinen wie die Infostelle mitmachen, die peruanischen Experten am jährlichen Peru-Seminar und die Menschen in Peru, die die Anliegen der Infostelle teilen.

Obwohl die Infostelle Peru eine eigene Auffassung von Solidaritätsarbeit hat, so ist der deutsche Kontext mit seiner Erlösungs-Rhetorik doch recht ausgeprägt und fließt auch in unsere Solidaritätsarbeit ein. Deswegen soll die Infostelle noch stärker mit deutschen Akteuren, privaten wie staatlichen, zusammenarbeiten und die Erlösungs-Rhetorik im deutschen Kontext umkehren. Ich bin aber der Meinung, dass wir auf den Begriff Solidaritätsarbeit verzichten können und einen besseren suchen sollten. Denn egal, ob wir das Konzept der „Solidaritätsarbeit“ verwenden oder nicht, so ist die Logik der „Erlösungs-Rhetorik“ doch immer präsent und unsere Aufgabe ist es, dagegen anzugehen.

César Bazán Seminario

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