Die Infostelle Peru möchte eine Debatte anstossen, darüber, wie Solidarität und Partnerschaft heute zwischen Peruaner*innen und Deutschen aussehen kann. In jedem InfoPeru werden wir je eine Peruanerin und einen Deutschen um einen Artikel bitten. Wir werden diesen Artikel auch in spanisch veröffentlichen unter der Rubrik http://www.infostelle-peru.de/web/que-es-la-informationsstelle-peru/debate-solidaridad-entre-peru-y-alemania/ , so dass Peruanerinnen und Peruaner sich an der Debatte beteiligen können. Wir freuen uns aber auch um spontane Zuschriften. Eure Kommentare könnt Ihr in der Kommentarfunktion unter dem jeweiligen Beitrag anbringen.

Allen sei folgender älterer Beitrag von Trudi Schulze über 40 Jahre Peru-Solidarität erneut ans Herz gelegt. http://www.infostelle-peru.de/web/mit-langem-atem-40-jahre-peru-solidaritaet/

Auf einen heftigen, fruchtbaren und konkreten Austausch freut sich

Eure Infostelle

Diskussionsbeitrag I: Solidarität, Hilfe, Partnerschaft – aber wie?

Wenn ich heute jungen Menschen erzähle, dass die Infostelle Peru ein Netzwerk von Solidaritätsgruppen ist, dann kommt oft die Frage: „Was ist denn das, eine Solidaritätsgruppe?“

Die Infostelle Peru wurde sie vor 29 Jahren von ehemaligen Entwicklungshelfer*innen und sonstigen Peru-Engagierten gegründet. Hintergrund war die linke politische Solidarität von Menschen der reichen Industrieländer mit Menschen der armen Entwicklungsländer. Prägend war die Dependenztheorie: die armen Länder sind arm, weil die reichen Länder reich sind. Während einige Solidaritätsgruppen bewusst linke Regierungen in Lateinamerika (Nicaragua, Kuba) gegen den US-amerikanischen Imperialismus unterstützten, so war die Peru-Solidarität ausgerichtet an der Arbeit der Menschenrechtsgruppen während der bewaffneten Auseinandersetzungen mit dem Leuchtenden Pfad.

Seit 1990 hat sich die Welt jedoch um 180 Grad gedreht. Entwicklungsländer sind heute „emerging markets“ (zumindest einige, Peru gehört dazu); Entwicklungshelfer*innen nennen sich heute ganz steril „Fachkräfte“. Aus Entwicklungshilfe wurde Entwicklungszusammenarbeit. Für die ehemals als unterentwickelt bezeichneten Länder haben wir bis heute keinen rechten Namen gefunden: einige sprechen vom globalen Süden (gehört dann Australien und Neuseeland auch dazu?), einige vom Trikont. Andere von Ländern mit einer kolonialen Vergangenheit. Und wohin gehören nun die Länder der ehemaligen Sowjetunion und China?

Aber auch in Deutschland hat sich einiges geändert: die Schere zwischen Armen und Reichen klafft immer mehr auf, alte Sicherheiten verschwinden. Armut, schlecht bezahlte Zeitarbeit und eine Klassengesellschaft, wo sich die (weißen) Wohlhabenden in ihre eigenen Schulen, Krankenhäuser und Clubs zurückziehen – all das findet man in Deutschland auch zusehends.

Die Trennlinie verläuft schon lang nicht mehr zwischen Peruaner*innen und Deutschen, sondern zwischen Mittelschichts-Peruaner*innen und -Deutschen einerseits und abgehängten Peruaner*innen und Deutschen andererseits. Nur dass sich die „abgehängten“ Peruaner*innen und die „abgehängten“ Deutschen nicht zusammentun, wie das bei der marxistischen Arbeiter*innensolidarität noch der Fall gewesen sein mag, die Arbeiter*innen – also die damaligen „Abgehängten“ – aller Völker zur gemeinsamen Revolution aufrief.

Wenn man von Solidarität zwischen Ländern spricht, schwingt immer auch ein anderes Wort mit: das der Hilfe. Solidarität bedeutet gegenseitige Hilfe: ich helfe Dir heute, Du hilfst mir morgen, dann wenn ich Hilfe brauche. Grundlage dafür sind gemeinsame Werte, Ziele und Vertrauen. Solidarität funktioniert innerhalb einer Familie und innerhalb ganz weniger Staaten. Solidarität ist auf Gegenseitigkeit angelegt, während Hilfe ein Ungleichgewicht ausdrückt: einer hilft, der andere empfängt die Hilfe. Hier gilt: wer hilft, hat die Macht.

In den letzten Jahren ist noch ein neuer Begriff hinzugekommen, um die Beziehungen zwischen ehemaligen Industrie- und ehemaligen Entwicklungsländern zu beschreiben. Der Begriff der Partnerschaft: Pfarreien, Schulen, Universitäten und ganze Städte gehen Partnerschaften ein. Austausch ist gefragt, sehr viel einseitige Hilfe kommt aber auch weiterhin unter dem Mantel der „Partnerschaft“ daher. Die Muster sind jahrhundertelang eingeschliffen. Beide Seiten haben sich darin eingerichtet. Die Deutschen gefallen sich in der des guten Helfers, und damit implizit in der Rolle des Besserwissers; die Peruaner*innen müssen sich als ewige Hilfsempfänger*innen nicht darum bemühen, einheimische (zahlende) Mitglieder für ihre NGOs zu werben, oder ihre Flüge für den Besuch bei den deutschen Partner*innen selber zu bezahlen.

Wie also kann Partnerschaft und Solidarität zwischen Gruppen der deutschen Zivilgesellschaft und Gruppen der peruanischen Zivilgesellschaft zu einer Straße mit Gegenverkehr werden?

Es gibt erste Ansätze und Ideen, wie beispielsweise, dass junge Peruaner*innen heute einen Freiwilligendienst in Deutschland absolvieren können, wie dies deutsche Jugendliche schon seit Jahren machen. Ob dereinst Peruaner*innen in Peru Unterschriften sammeln, um beispielsweise die deutsche Regierung dazu aufzufordern, ihre eigenen Umweltstandards einzuhalten? Genau dahin muss es gehen, wenn wir von gegenseitiger Solidarität sprechen.

Hildegard Willer

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