VRAEM, das Quellgebiet der Flüsse Apurímac, Ene und Mantaro in der Grenzregion von Ayacucho, Huancavelica, Cuzco und Junin, gilt als das wichtigste Kokaanbaugebiet Perus und bis heute als „rote“ Zone . Christoph Heuser hat sie besucht

Inmitten eines riesigen Kokafeldes in Peru. Umgeben von mehreren Hügeln, die alle von hellgrünen Kokasträuchern bedeckt sind, in der Luft liegt ein süßlich herber Geruch. Mit geübten Griffen reißt eine ältere Frau die Kokablätter vom Strauch und befördert sie in den riesigen Sack neben sich. Ihr Gesicht sonnengegerbt mit tiefen Falten, ihre Haltung gebeugt. Ihr Lächeln und ihre wachen Augen lassen hingegen ungebrochene Lebensfreude erahnen. Geschützt durch einen schwarzen Hut gegen die gleißende Sonne und einem Pflaster gegen die rauen Äste des Kokastrauchs hat sie innerhalb kürzester Zeit den Strauch abgearbeitet und widmet sich dem nächsten.Schnell, gründlich und mit einer fast stoischen Ruhe. Ob sie wisse, wofür die Blätter verwendet würden, die sie und ihre Kolleginnen hier abernten, möchte ich wissen. Sie steckt sich ein Kokablatt in den Mund und bedeutet mir: genau hierfür. Sie meint den traditionellen Gebrauch von Koka („el Chacchado“), der Konsum während der Arbeit auf dem Feld. Er gebe Energie und beuge dem Hungergefühl vor. Auch bei unzähligen Touristen, die Jahr für Jahr die Andenregion Perus besuchen, ist die Pflanze ein beliebtes Mittel gegen Probleme mit der Höhe. Tatsächlich geht dieser Gebrauch der Pflanze auf Jahrhunderte zurück. Was Maria, die Dame auf dem Feld, nicht sagt und vermutlich in dem Ausmaß auch nicht weiß: der Großteil der Kokapflanze wird weiterverarbeitet zu Kokapaste und anschließend zu Kokain.

Armut und relativer Wohlstand

Wir sind im VRAEM, dem Hauptkokaanbauregion in Peru – knapp 19.000ha Anbaufläche, der überwiegende Teil illegal. Die Region trägt ihren Namen aufgrund der Flüsse Apurimac, Ene und Mantaro und wurde vom Staat lange vernachlässigt, staatliche Investitionen und Infrastrukturprojekte fehlten. Das merke ich bereits auf der Hinfahrt. Ein Erdrutsch stoppt unsere Fahrt abrupt. Erde und Geröll versperren die Straße. Die meisten Leute bleiben gelassen, der Räumdienst komme bald. Eine Stunde später in brütender Hitze stehen wir noch immer vor den Erdmassen und mit uns mittlerweile eine ganze Kolonne an weiteren Fahrzeugen. Auffällig viele Fahrzeuge sind große Toyota Pickup Trucks mit einem Preis um die 40.000 USD, in einer der ärmsten Regionen in Peru bemerkenswert. Dieser Widerspruch zwischen Armut und relativem Wohlstand begleitet uns während der gesamten Zeit in der Region. Nach knapp zwei Stunden wird klar, dass kein Räumdienst kommen wird und so machen sich ca. 20 Männer selbst daran den Weg wieder zu räumen. Sie schleppen Steine und klopfen Erde fest, immer wieder unterbrochen von kleineren Erdrutschen. Nach viereinhalb Stunden kann es weitergehen. Die Leute der Region haben offensichtlich Übung im Umgang mit Erdrutschen auf dem weiteren Weg zähle ich mindestens fünfunddreißig. Viele nur sporadisch geräumt oder so befestigt, dass die Erdhügel mittlerweile ein Teil der Straße geworden sind. Im März diesen Jahres musste die Straße, der einzige Landzugang zu der Region, aufgrund starker Regenfälle für mehrere Tage gesperrt werden.

Eine vernachlässigte Region mit wachsender Bevölkerung
Trotz der infrastrukturellen Mängel, vernachlässigten Bildungsinstitutionen oder schwacher Gesundheitsversorgung erlebte die Region insbesondere in den letzten 15 Jahren einen starken Bevölkerungszuwachs, was vor allem einen Grund hatte: Koka. Denn im VRAEM wird nicht nur Koka angebaut, sondern eben auch Kokapaste und Kokain. Die Weiterverarbeitung bedeutet einen enormen Gewinnzuwachs bereits unmittelbar in der Region. Ein Kilogramm Kokapaste, das Basisprodukt zur Herstellung von Kokain, kostet je nach Schätzung in der Region 600 – 800 US Dollar, Kokain knapp 1100 US Dollar. Zur Herstellung von einem Kilo Kokapaste benötigt man ca. 100kg Kokablätter. Bauern, wie Maria, stehen am Anfang einer Wertschöpfungskette, die auf den Feldern im peruanischen Urwald anfängt; über Drogenlabore und verschiedenste Schmuggelrouten gewinnt das hergestellte Kokain dann schnell an Wert. Wenn die Droge in Frankfurt oder Hamburg ankommt liegt der Preis bei ca. 60.000 US Dollar pro Kilogramm. Maria schafft es an guten Tagen knapp 30kg pro Tag zu ernten und verdient damit 30 Peruanische Soles (ca. 8 Euro).

Die Koka(in)-Ökonomie
So wie Maria geht es vielen der sogenannten „peones“ (Tagelöhnern) die auf den unzähligen Plantagen in der Region arbeiten. Von den großen Gewinnen der Drogenhändler bekommen sie nur einen verschwindend geringen Teil. Der internationale Fokus liegt mehr auf den Großverdienern in diesem Geschäft. Bei den vielen Berichten über Mexikanische Kartelle, Jugendgangs in Zentralamerika oder der medialen Ausschlachtung des Lebens Pablo Escobars bleibt oftmals wenig Raum, um über die Herkunftsregionen der Drogen zu sprechen. Dabei sind gerade hier soziale Auswirkungen der Drogen deutlich sichtbar. Nicht etwa als Folge übermäßigem Konsums der Drogen oder großer Bandenkriege. Es sind vielmehr Geschichten über Bauern, die mit der Furcht leben, dass ihre Felder zerstört werden oder der Preis der Koka sinkt. Geschichten von Jugendlichen ohne Perspektive und mit der Aussicht als mochilero, als Rucksackkurier von Drogen, schnelles Geld zu verdienen, oder aber Polizisten, die ihr mageres Gehalt durch Korruption oder Drogentransporte aufbessern. Kurz, eine Region, die sich zu fast 100% über die illegale Ökonomie, sprich den Drogenhandel, finanziert.

Neben Tagelöhnern auf den Feldern sind Geschäfte, Restaurants, und Hotels Teil des Kreislaufs und dienen vermutlich auch zur Geldwäsche. So lässt sich zum Beispiel kaum anders erklären, warum in einer Distrikthauptstadt fern von jeglichem Tourismusstrom acht relativ neue Hotels stehen. Ein weiteres Beispiel ist ein regelrechter Bauboom. Gerade in den Distriktzentren stehen mehrgeschossige Häuser leer oder werden neu gebaut. Der Einfluss des „schnellen Geldes“ ist auch an den Preisen spürbar: Restaurants beispielsweise haben ähnliche Preise wie in Lima. Gleichzeitig weist die nationale Statistikagentur hohe Raten an Armut und extremer Armut auf. Eine wirklich paradoxe, eine perverse Situation. Fährt man nicht weit in die anliegenden kleineren Dörfer, sieht man einfache Häuser aus einem Gemisch aus Steinen, gepresster Erde oder Holz, einem instabilen Stromnetz und zum Großteil ohne (dauerhaft) fließend Wasser. Davor  und auf dem Weg sieht man wieder Pick-ups der neuesten Generation.

In den Distrikthauptstädten ist die Situation deutlich besser. Auch das ist eine Erfahrung aus dem VRAEM und eine Konsequenz aus der Drogenökonomie: Relativer Reichtum in den Distrikthauptstädten und z. T. frappierende Armut in äußeren Bezirken. Daraus ergibt sich die nur auf den ersten Blick paradoxe Einstellung gegenüber dem Staat aus Forderung und Ablehnung: Forderung nach infrastruktureller Entwicklung und Ablehnung von Anti-Kokamaßnahmen, die damit einhergehen.

„Nicht die Koka ist schlecht, es sind die Menschen, die Drogen konsumieren“
Der Staat ist nun immer stärker präsent und das VRAEM die wohl am stärksten militarisierte Region Perus. Die Polizei  soll zwar den Drogenhandel bekämpfen, fällt aber vielfach durch Berichte über ihre korrupte Beteiligung an der illegalen Ökonomie auf. Ein weiterer Akteur ist das Militär. Primär in der Region eingesetzt für die Bekämpfung der Guerrilla Sendero Luminoso, de facto aber auch im Kampf gegen den Drogenhandel aktiv. Beispielsweise über die Zerstörung von illegalen Landebahnen, über die Drogen aus der Region ausgeflogen werden. 2015 wurden mit enormem Aufwand über 200 solcher illegalen Pisten zerstört. Hört man den lokalen Drogenkurieren zu, habe dies den Handel aber nur bedingt beeinträchtigt. Nun werde die Kokapaste und das Kokain mit Drogenkurieren, den sog. „Mochileros“ eben in entferntere Gebiete transportiert, sagt mir Juan, der mit 24 Jahren bereits auf eine lange Karriere als Schmuggler zurückblicken kann. Viele junge Männer verdienen vermeintlich leichtes Geld als Mochileros, indem sie Drogen zu entsprechenden Sammelplätzen transportieren.

Alternativer Anbau ohne Alternative
Solche Folgen der illegalen Ökonomie hat auch die nationale Drogenbekämpfungsbehörde DEVIDA im Blick und fördert Alternativprogramme wie den Anbau von Kaffee und Kakao. Diese Programme zeigen aber kaum die erhoffte Wirkung. Der Anbau von Koka ist stabil in der Region, Alternativprodukte brauchen Jahre, bis sie Früchte tragen, zum Teil wachsen sie sehr schlecht wegen des vom jahrelangen Kokaanbau ausgelaugten Bodens. Der Transport dieser alternativen Produkte ist zudem durch die schwache Infrastruktur schwierig, wohingegen die Koka wird meist direkt vom Feld abgeholt wird und dabei noch einen wesentlich höheren Betrag einbringt, als alternative legale Produkte. Ein hoher Funktionär von DEVIDA sagt mir daher: Das Einzige, das in der Bekämpfung des Drogenhandels etwas bringe, wäre die komplette Vernichtung der Koka. Dies hätte wiederum weitreichende Folgen für die Region – und löste vermutlich gewaltsamen Widerstand aus.
Maria versteht die Aufregung um ihre Koka nicht. Sie kommt aus einem kleinen Dorf in der Region Huanta. Dort, so sagt  sie, hat sie in großer Armut gelebt und nicht einmal Geld für Schuhe gehabt. Sie ist gekommen, um auf der Kokaplantage zu arbeiten. „Jetzt kann ich mir  mehr leisten und auch die Ausbildung meiner Kinder bezahlen“, erklärt sie mir ruhig, während sie die grünen Blätter in den Sack neben ihr wirft. „Die Koka ist meine einzige Einkommensquelle“. Nicht die Koka sei schlecht. Es seien die Menschen, die daraus Drogen machten und die Personen, die Drogen konsumierten. „Und die leben nicht hier in der Region, sondern in anderen Ländern“, sagt die Kokabäuerin.

Christoph Heuser

Christoph Heuser promoviert am GIGA-Institut in Hamburg über Drogenökonomie in Peru.

 

 

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