Die peruanische Rechte ist mehr an individueller Bereicherung als an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert.
Auf einer Anhöhe in Lima steht eine Nachbildung des Cristo del Corcovado von Rio de Janeiro, der mit ausgebreiteten Armen auf die Stadt herunterblickt. Das Christus-Monument wurde 2011 als Geschenk des brasilianischen Baukonzerns Odebrecht an das „peruanische Volk“, etikettiert, war tatsächlich aber eine Abschiedsgeste für den scheidenden Präsidenten Alán Garcia. Odebrecht hatte exorbitante Geschäfte in Peru gemacht und dafür die Eliten der gesamten rechtsgerichteten politischen Klasse bestochen. Im peruanischen Volksmund, wurde aus dem Cristo del Corcovado flugs ein Cristo de lo robado, sinngemäß der „Jesus der Bestohlenen“. Vor wenigen Tagen, in der Nacht vom 17. November 2018, ist jener Alán García vor der peruanischen Justiz in die Botschaft Uruguays geflüchtet und hat Asyl beantragt. In einem Schreiben beklagt er seine „politische Verfolgung“ und den (angeblichen) Verfall der Rechtstaatlichkeit im Land. Garcia steht symbolisch für eine korrupte, heterogene, politische Klasse, die von oben bis zu den untersten Verästelungen den Staat als Instrument für persönliche Bereicherung und Freundschaftsdienste ansieht, auch wenn die Protagonist*innen aus ganz unterschiedlichen Schichten, Regionen, Lebenswelten und politischen Traditionen stammen. Ansonsten bekämpfen sie sich unerbittlich, wenn sie nicht gerade konjunkturelle Bündnisse in den erstaunlichsten Konstellationen gebildet haben.

Alan Garcías Asylsuche in Uruguays Vertretung ist eine Neuauflage, denn schon einmal war er, nach seiner ersten Regentschaft, wegen Korruption und Gefängnismassakern angeklagt, in eine Botschaft geflüchtet. Das war 1992. Kolumbien gewährte ihm Exil. Von dort zog er nach Paris, wo er sich bis zur Verjährung seiner Straftaten frei und von der peruanischen Justiz unbehelligt aufhielt. 2001 kehrte er nach Peru zurück, um 2006 erneut als Präsidentschaftskandidat für seine Partei APRA anzutreten. Trotz seines schlechten Images wurde er erneut gewählt. Sein Hauptrivale war damals der neu am Firmament aufgetauchte populistische Kandidat Ollanta Humala Tasso, der in den Augen der weißen rechten Eliten mit dem Makel des links-nationalistischen Radikalismus, provinzieller Herkunft und dunklerer Hautfarbe behaftet war.
Alán Garcia reiht sich in die Galerie peruanischer Präsidenten ein, gegen die seit einiger Zeit von integeren und mutigen Staatsanwält*innen und Richtern ermittelt wird, werden soll oder die schon verurteilt wurden. Es sind alle Präsidenten seit 1990 (Alberto Fujimori, Alán Garcia, Alejandro Toledo, Ollanta Humala und Pedro Pablo Kuczynski) mit Ausnahme des 2000 für ein Jahr bestimmten Interimspräsidenten Valentín Paniagua. Dazu kommen ehemalige Minister, Familienangehörige, Geschäftspartner und Staatsbedienstete.
Auch der Führungselite des korrupten mafiotischen Fujimorismo (die Parteigänger*innen Alberto Fujimoris und seiner Familie) geht es nun endlich an den Kragen. Seit einigen Wochen sitzt die bis dato unangefochtene Caudilla Keiko Fujimori in Präventivhaft, die für 36 Monate festgelegt wurde. Dazu Personen aus ihrem engen Führungskreis, ehemalige Minister etc. die in einem Marathonverfahren, geradezu im Tagestakt, zu Präventivhaft oder Bewegungsauflagen verdonnert werden.
Keiko und Alán García waren bis vor wenigen Wochen trotz evidenter Verwicklung in Korruptionsfälle noch verschont geblieben. Möglich war dies durch ein taktisches Bündnis zwischen ihren beiden, historisch eigentlich verfeindeten Parteien Fuerza Popular und APRA. Angesichts ihrer absoluten parlamentarischen Mehrheit und ihrer gemeinsamen politischen Dominanz, konnten sie sich lange Zeit vor der parlamentarischen und gerichtlichen Verfolgung schützen. Das für die Justiz zuständige Ministerio Público wurde systematisch durch linientreue wie bestochene Staatsanwälte und Richter infiltriert. An der Spitze des Ministeriums steht seit Juli 2018 Generalstaatsanwalt Pedro Chávarry, ein Fujimorist, der selbst unter dem Verdacht der Korruption, Titelerschleichung, Strafvereitelung und Mafiaverbindungen steht und mit allen Mitteln versucht, die laufenden Untersuchungen zu sabotieren. Noch vor wenigen Tagen trug die fujimorista Rosa María Bartra als Vorsitzende der parlamentarische Untersuchungskommission zu den Korruptionsfällen LavaJato den offiziellen Abschlussbericht im Parlament vor, in dem, oh Wunder, weder Alan Garcia noch Keiko Fujimori auftauchten.
Das Blatt scheint sich aber nun zu wenden, dank der linken und liberalen Opposition, den kritischen Medien und vor allem den Staatsanwält*innen und Richter*innen, die ihre Jobs und durchaus auch ihre und die Unversehrtheit ihrer Familien riskieren.
Staatsanwalt José Domingo Pérez, der Keiko in Haft gebracht und García in die Flucht geschlagen hat, genießt seitens der demokratischen Zivilgesellschaft inzwischen regelrecht Kultstatus. Wo immer er auftaucht, wird er mit Applaus begrüßt. Das Netz ist voll von Liebeserklärungen und Fotomontagen, die ihn mit Heldenkostüm zeigen

Das bisher gesagte verweist auf ein grundlegendes Problem, dass nicht nur die politische Klasse, sondern insbesondere die Wirtschaft und die verschiedenen, rechtsgerichteten Mittel- und Oberschichten betrifft. Mit seinem grundlegenden Werk Corrupt Circles: A History of Unbound Graft in Peru, überraschte der inzwischen verstorbene Alfonso Quiroz 2008 die Öffentlichkeit mit einer historischen Abhandlung über die historischen Triebfedern der Korruption und deren Auswirkung auf die Entwicklung Perus. In Peru erschien die spanischsprachige Version erst fünf Jahre später unter dem Titel Historia de la Corrupción en el Perú. Quiroz zeigt auf, dass 30 bis 40 Prozent des jährlichen Staatshausalts Perus in die Korruption fließen. Die Hälfte des jährlichen Wachstumsanteils des seit 2010 stetig wachsenden BIP verpufft und verschwindet in dunklen Kanälen. Der Staat ist strukturell korrupt und seine Bediensteten verinnerlichen die entsprechenden Denk- und Handlungsmuster seit der Gründung des republikanischen Staatswesens das selbst noch die Erbschaften des Kolonialismus mitgeschleppt hat. Es ist die Korruption, die nach Quiroz, den Anschluss Perus an die Moderne verhindert hat.
Das ist sicherlich ein zentraler Faktor, aber nicht der Einzige. Möchte man die vielschichtige, komplexe peruanische Gesellschaft und ihre politischen Vertretungen verstehen, sind weitere Faktoren ebenso ausschlaggebend: weit verbreiteter internalisierter Rassismus, Autoritarismus*, Klassendünkel (von oben), Unmittelbarkeitsdenken und die vom Kolonialismus ererbte und bis heute wirkende „Besatzermentalität“ von großen Teilen der traditionellen Mittel- und Oberschichten, die das Land lediglich als Territorium für lukrative Beutezüge ansehen. Ihr lebensweltliches Firmament liegt in einem weitestgehend imaginierten Europa, dem „Hort der Zivilisation“ und in den USA, für sie das Aufstiegs- und Konsumparadies schlechthin. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in eine ausländische Privatschule, lässt sie außerhalb Perus studieren, kauft sich ein oder mehrere Apartments in Europa oder den USA und legt sein Vermögen im Ausland an.
Das Zusammenwirken der genannten Faktoren hat eine Industrialisierung und Modernisierung des Landes sowie eine stärkere Homogenisierung der Bevölkerung in weniger und einheitlichere soziale Schichten, wie wir sie von Chile oder Argentinien kennen, bis heute verhindert. Perus wichtigste Einkommensquellen sind der Rohstoff-, Agrar-, Fisch(Mehl)- und Drogenexport. Neben der Exportwirtschaft dominieren Groß- und Einzelhandel sowie Dienstleistungen jedweder Art, Fischerei und Landwirtschaft für den internen Konsum, ein relativ großer Finanzsektor und Telekommunikation. Handwerk und Industrie tragen nur in geringerem Umfang zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die Digitalisierung und Vernetzung der dominanten Sektoren ist weit fortgeschritten und entspricht etwa der Spaniens, während sie kaum Eingang in Industrie und Handwerk gefunden hat.
Um dieses Panorama zu vervollständigen, ist ein Blick auf die gegensätzlichen Interessenslagen der zahlreichen und differenzierten Mittel- und Oberschichten nötig. Das verdeutlicht, warum es für sie so schwierig ist, halbwegs solide und gemeinsame politische Repräsentanzen zu finden und/oder sich selbst zu schaffen. Hier nun eine einfache Reihung von Schichten mit unterschiedlichen Charakteristika und konkurrierende bis gegensätzliche Interessenslagen:
Traditionelle und neue, meist bilinguale Mittelschichten* in den andinen Provinzen im Norden, Zentrum und Süden des Landes; provinzielle Mittel- und Oberschichten in den größeren Städten entlang der Küste; die alten aristokratischen Eliten aber auch neuere Mittel- und Oberschichten in der Hauptstadt Lima;
Landwirtschaft gegen Rohstoffförderung; Informelle Sektoren (Industrie, Fischfang, Rohstoffförderung, Handel, Bau etc.) die einen gewissen Grad an Formalität erwarten; Informelle Sektoren, die nicht in die Formalität wollen, um sich Steuern, Abgaben, bürokratischen Hindernissen und staatlichen Kontrollen zu entziehen; illegale Sektoren, die in Konkurrenz zur traditionellen Landwirtschaft stehen (z.B. Coca-Anbau, der Landwirtschaft verdrängt oder indigene Territorien zerstört); Drogenhandel; die Exportlandwirtschaft; die große Branche des Lebensmittelimports; die großen Rohstoffexporteure ausländischen Kapitals, die nationalen Rohstoffexporteure und die Mischkapitalien;
Sektoren die den Binnenmarkt versorgen und Schutz vor Importen (Protektionismus) fordern und solchen die den Binnenmarkts mit importierten Produkten versorgen; Handwerk und Industrie, die in Konkurrenz zu importierten Gütern stehen aber auch Handwerk und Industrie, die auf Importen beruhen; ein industrieller Sektor der Protektionismus verlangt (Textil, Lebensmittelverarbeitung); ein anderer, der das Gegenteil fordert (Fischfangindustrie legal, illegal oder informell; Erdöl- und Gasförderung im Pazifik, der gleichzeitig alle Küsten- und Fischereiaktivitäten bedroht). Illegale und informelle Goldförderung; Schmuggelbasierter Handel; Groß gegen Kleinhandel;
Dazu spezifische Mittelschichten, die sich aus dem Staatsapparat legal und illegal speisen; Um den innerstädtischen Verkehr haben sich unterschiedlichste Schichten gebildet: Transport-Unternehmer mit mehren Bussen, über den selbständigen Mikrobus-Besitzer bis zu formellen, informellen oder illegalen Taxifahrern und ganz wenigen -fahrerinnen.
Bei der Aufzählung kann einem schon schwindelig werden, obwohl hier noch nicht einmal alle Gegensätze erfasst sind. Selbst bei gleicher Interessenslage, halten die kulturellen und herkunftsbedingten Vorurteile die Akteure häufig davon ab, gemeinsam ökonomisch an einem Strang zu ziehen.
In den größeren Städten und besonders in der Hauptstadt Lima, in der etwa ein Drittel der peruanischen Bevölkerung lebt, sind zahlreiche unterschiedliche kulturelle Szenen und Lifestyles entstanden, die auch verbindend wirken und aus denen viel gemeinsames zivilgesellschaftliches Engagement hervorgeht. Einer wachsenden global ausgerichteten modernen Jugend, die sich zivilgesellschaftlich für die Anerkennung der Frauenrechte und Selbstbestimmung, Abtreibungsrecht, gleichgeschlechtlichen Ehe und LGTBI einsetzt, steht eine ebenfalls breite reaktionäre, homophobe, frauenfeindliche und intolerante zivilgesellschaftliche Bewegung gegenüber, die sich aus den evangelikalen und erzkonservativ-katholischen Mittelstands-Milieus rekrutiert. Diese wird politisch durch den Fujimorismo und die Überbleibsel alter rechter Parteien wie die PPC (Partido Popular Cristiano) repräsentiert.

In den sechziger Jahren genügten noch im wesentlichen drei rechte Parteien mit liberaler oder protektionistischer Grundhaltung, um die Interessen der damaligen Mittel- und Oberschichten zu vertreten. Dazu zählten die konservativ-wirtschaftsliberale AP (Acción Popular) von Fernando Belaunde, die reaktionär-wirtschaftsliberale PPC (Partido Popular Cristiano) unter Bedoya und die APRA“ (Alianza Popular Revolucionaria de América/ Partido Aprista Peruano) von Victor Haya de la Torre, später von Alán García angeführt.
Die APRA, älteste der noch existierenden konservativen Parteien, ist bis heute Mitglied der Sozialistischen Internationale und gilt international vielen als linke oder sozialdemokratische Partei. Historisch ist sie als antimperialistische, nationalistische und protektionistische Bewegung um den Caudillo Haya de la Torre aus dem linken Spektrum heraus entstanden. Sie vertrat damals Provinz-Mittelschichten und die Arbeiterschaft auf den großen Plantagen im Norden Perus, die das Land aus dem Halb-Feudalismus heraus führen und unter der Führung technokratischer Mittelschichten zu einer moderneren Industrienation machen wollten. Die straff organsierte und hierarchisch geführte Partei trug sowohl Züge des italienischen Faschismus als auch sozialistischer Programmatik. Explizite Hauptfeinde waren Kommunisten, Sozialisten und die Armee. Seit der blutigen militärischen Niederschlagung ihres Aufstandsversuchs im Norden Perus 1932, hat sie sich viele Jahrzehnte die Feindschaft zum Militär bewahrt und wurde von diesem argwöhnisch beobachtet und immer wieder bekämpft. Erst 1985 gelang es ihr mit Alán Garcia an der Spitze erstmals die Regierung zu stellen. In der ersten Amtsperiode, die durch eine manifeste politische und wirtschaftliche Krise geprägt war, verkündete sie einen nationalistischen Kurs ein, plante Bankenverstaatlichungen und suchte eine interne Schicht- und Klassenversöhnung des Landes zu erreichen. Un Peru para todos (Ein Peru für alle) war Garcías Parole. Im Kampf gegen Sendero Luminoso versuchte sie besonders die Polizei zu stärken und auf dem ökonomischen Gebiet die Schuldenproblematik in den Griff zu bekommen. In ihrer zweiten Amtsperiode behielt sie den vom Diktator Fujimori eingeschlagenen neoliberalen Kurs weitestgehend bei.
Die Einschätzungen über die politische Ausrichtung der APRA reichen in Peru von links, sozialdemokratisch, populistisch, rechts, konservativ, neoliberal bis hin zu faschistisch. Die APRA ist so ein Beispiel für die Schwierigkeit, traditionelle europäische links-rechts-Schemata auf spezifische südamerikanische Parteien und Bewegungen, wie beispielsweise auch des Peronismus in Argentinien anzuwenden. In seinen späten Jahren hat Haya de la Torre einmal geäußert, seine Vorbilder seien Willy Brandt und Benito Mussolini gewesen. Die APRA ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst, tief im Korruptionssumpf versunken und wahlpolitisch bedeutungslos. Sie unterliegt dem allgemeinen Zerfall der traditionellen Parteien.

Im Oktober 1968 wurde der konservative Präsident Belaunde, der in seiner Amtszeit mit einem zaghaften Modernisierungsversuch am Widerstand der reaktionären Kräfte gescheitert war, durch einen reformistischen Militärputsch abgesetzt. Es begann die nationalistische „Revolutionäre Regierung der Streitkräfte“ unter General Velasco Alvarado, die einen „dritten Weg“ jenseits von Kapitalismus und Kommunismus propagierte. In der ersten Phase bis 1975 wurden zahlreiche der bis dato von Apristen, Linken und technokratischen Mittelschichten angestrebte Modernisierungen durchgeführt. Die Agraroligarchie wurde geschwächt, die „Landfrage“ teilweise gelöst und zahlreiche Sektoren der Wirtschaft verstaatlicht. Velascos Reformen wurden zum Vorbild und Triebkraft von Allendes Bewegung in Chile.
1975 putschten mit General Morales Bermudez an der Spitze konservative Kräfte des Militärs und setzen Velasco ab. Einige Reformen wurden weitergeführt, für die meisten begann jedoch das Ende. Ihr ehrgeizigstes Ziel, Peru zu einer Industrienation zu machen, konnten auch die Militärs nicht erreichen.
Die nachfolgenden zivilen Regierungen, zunächst wieder Belaunde und später vor allem Fujimori, zeichneten sich alle durch die schrittweise Aufhebung der Reformen und Privatisierungen im Rahmen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik aus.
Mit Alberto Fujimori war 1990 erstmals eine klassisch populistische Regierung an die Macht gekommen. Mit der eigens für die Wahlen gegründete Partei „Cambio 90“, siegte Fujimori mit dem Versprechen „Ehrlichkeit, Technologie und Arbeit“ im zweiten Wahlgang gegen den Schriftsteller Vargas Llosa, der sich zur Galionsfigur der gesammelten alten und neuen „weißen“ Rechten hatte küren lassen. Fujimoris Populismus wurde von größeren Teilen demokratisch-parlamentarischen Linken im zweiten Wahlgang unterstützt, was letzten Endes den Ausschlag für dessen Sieg gab. Entgegen aller Versprechungen, schwenkte Fujimori schon nach wenigen Monaten auf einen rechtsextremistischen, autoritären und radikal-neoliberalen Kurs ein, führte mit Hilfe des Militärs einen „Selbstputsch“ (Autogolpe) durch und löste das Parlament auf.
Auf den Sturz Fujimoris durch eine zivilgesellschaftliche Bewegung unter Führung der Mittelschichten im Jahr 2000 folgten mehrere populistische Regierungen mit wechselnder politischer Färbung, zwischen konservativer und liberaler Ausrichtung schwankend aber gleichermaßen wirtschaftsliberal. Um die Führungspersönlichkeiten herum wurden reine Wahlparteien- und Bündnisse geschaffen: 2001 bis 2006 Alejandro Toledo mit dem Bündnis Peru Posible, 2006 bis 2011 Alán Garcia und die APRA, 2011 bis 2016 Ollanta Humala mit dem populistischen Bündnis PNP/Gana Perú. 2016 gewannn knapp Pedro Pablo Kuczynski Godard, ehemaliger Minister unter Toledo, mit dem populistischen Bündnis PPK (Peruanos Por el Kambio). 2018 trat er aufgrund von Korruptionsvorwürfen einen Tag vor seiner Amtsenthebung durch das Parlament zurück. Seit 23. März dieses Jahres regiert der inzwischen ausgesprochen populäre Martín Alberto Vizcarra, mit liberaldemokratischem Profil.
Der Fujimorismo, der sich mit der Partei Fuerza Popular seit 2011 unter der Führung von Keiko als dominante populistische, reaktionäre und mafiotische politische Kraft etabliert hatte, verfehlt 2011 und 2016 jeweils den Sieg in den Präsidentschaftswahlen nur knapp, konnte 2016 aber die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament erringen.
Schaut man sich die Wahlergebnisse der im Oktober diesen Jahres abgehaltenen Regional- und Gemeinderatswahlen an, fällt deutlich auf, dass Fujimorismo und Aprismo (Unterstützer*innen der APRA) massiv eingebrochen sind, während regionale populistische Wahlbündnisse erfolgreich waren. Daneben ist die alte Acción Popular ist in neuem, modernisierten Gewand wegen ihrer unbescholtenen, nicht im Korruptionssumpf steckenden Kandidaten wieder auferstanden.

Die Entwicklung Perus der letzten Jahrzehnte zeigt deutlich, wie ausschlaggebend die nationalen Besonderheiten trotz aller lateinamerikanischen Gemeinsamkeiten sind. Obwohl Nachbarn mit ähnlicher Kolonialgeschichte, wirken sich beispielsweise die gesellschaftlichen Prozesse und ihre politischen Ausdrücke in Peru, Ecuador und Bolivien praktisch nicht aufeinander aus. Der allgemeine zu beobachtende Trend zum Populismus hat allerdings eine gemeinsame Grundlage. Die warenförmigen Vergesellschaftung ist in allen Ländern weitestgehend durchgesetzt, ohne dass sie zu einer tragenden Grundlage für stabile Industrienationen mit funktionierenden Demokratien, sozialem Ausgleich und kultureller Akzeptanz geführt hätte. Selbst Brasilien ist, gemessen an der Gesamtwirtschaft, nur mäßig industrialisiert und weist enorme innere Gegensätzlichkeit auf. Traditionelle und neue Lebenswelten prallen aufeinander und finden keinen angemessenen Ausdruck in einem integrierenden Parteiensystem. Die individuelle und gruppenbezogene Verfolgung des unmittelbaren Geldinteresses lässt sich in zunehmendem Maß nur durch eine virtuelle Gemeinschaftlichkeit aufheben, die der Populismus anbietet, ohne in der Praxis irgend ein relevantes Problem lösen zu können.
Die anstehenden großen Weltkrisen werden nicht alle nationale Besonderheiten auflösen, aber die Auswirkungen der globalen Vernetzungen verstärken. Die Regimes werden politisch-ideologisch unterschiedlich bleiben, auch wenn der Trend weltweit zum Rechtsextremismus und Populismus geht. Die lange über Parteien ausgetragenen politische Interessen weichen wechselhaften, identitären Bewegungen, in denen die neuen und alten Eliten unter der ideologischen Glocke der „Nation“ und des „Volkes“ immer gewalttätiger ihre unmittelbaren Ziele verfolgen. Alte Eliten verschwinden oder verschmelzen sich mit neuen und bilden ein mafiotische, korrupte Machtkonglomerate.
Für die bisher sehr spezielle peruanischen Entwicklung wird viel davon abhängen, ob der Export einbricht oder nicht. Bisher haben sich Lebensmittelproduktion, Rohstoffexport und Drogenhandel als relativ krisenfeste Branchen erwiesen.
In Peru ist ein Abdriften in autoritäre Regimes ebenso möglich wie ein erstarken linker Alternativen, auch wenn es momentan nicht danach aussieht. Die starke Polarisierung zwischen modernen und konservativen Lebensstilen einerseits und das Gefälle zwischen materiellem Reichtum und Armut werden weiter wachsen. Sollte sich Vizcarra dazu entscheiden, bei den Wahlen 2021 anzutreten und ein solideres Bündnis zu schmieden, hätte er mit seiner liberaldemokratischen Ausrichtung sicherlich gute Aussichten auf einen Wahlerfolg.

 

Die Linke und der Populismus

Der größte Teil der facettenreichen und meist gespaltenen peruanischen Linken hat in der nationalen Entwicklung Perus ihr gemeinsames Ziel. Im Kontext ihrer antiimperialistischen Ideologie versteht sie sich als die authentische nationale Kraft, die das von der peruanischen Bourgeoise nicht zustande gebrachte historische Projekt einer peruanischen Nationenbildung immer noch zum wichtigsten Ziel hat. Nationalismus und Patriotismus sind das BindegliedDer Staat als Beute
Die peruanische Rechte ist mehr an individueller Bereicherung als an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert
Auf einer Anhöhe in Lima steht eine Nachbildung des Cristo del Corcovado von Rio de Janeiro, der mit ausgebreiteten Armen auf die Stadt herunterblickt. Das Christus-Monument wurde 2011 als Geschenk des brasilianischen Baukonzerns Odebrecht an das „peruanische Volk“, etikettiert, war tatsächlich aber eine Abschiedsgeste für den scheidenden Präsidenten Alán Garcia. Odebrecht hatte exorbitante Geschäfte in Peru gemacht und dafür die Eliten der gesamten rechtsgerichteten politischen Klasse bestochen. Im peruanischen Volksmund, wurde aus dem Cristo del Corcovado flugs ein Cristo de lo robado, sinngemäß der „Jesus der Bestohlenen“. Vor wenigen Tagen, in der Nacht vom 17. November 2018, ist jener Alán García vor der peruanischen Justiz in die Botschaft Uruguays geflüchtet und hat Asyl beantragt. In einem Schreiben beklagt er seine „politische Verfolgung“ und den (angeblichen) Verfall der Rechtstaatlichkeit im Land. Garcia steht symbolisch für eine korrupte, heterogene, politische Klasse, die von oben bis zu den untersten Verästelungen den Staat als Instrument für persönliche Bereicherung und Freundschaftsdienste ansieht, auch wenn die Protagonist*innen aus ganz unterschiedlichen Schichten, Regionen, Lebenswelten und politischen Traditionen stammen. Ansonsten bekämpfen sie sich unerbittlich, wenn sie nicht gerade konjunkturelle Bündnisse in den erstaunlichsten Konstellationen gebildet haben.

Andreas Baumgart

Der Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift ila Nr. 421, Dezember 2018. www.ila-web.de

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