Auch im Dezember kommt Peru nicht zur Ruhe. Landarbeiter und Agrarexporteure streiten um ein neues Arbeitsgesetz, das auch die Preise in deutschen Supermärkten verändern könnte.

 

In den USA sind es Mexikaner, in Deutschland Polen und Rumänen, die als Erntehelfer*innen den deutschen oder amerikanischen Agrarbetriebe aufrecht erhalten. In Peru sind es Inländer*innen, meist Migrant*innen aus den Anden. Sie arbeiten saisonal oder auch ganzjährig in den vielen Agrarexportbetrieben entlang der peruanischen Pazifikküste.

Denn dort werden seit gut 20 Jahren die Spargel, Mangos, Avocados, Weintrauben und Blaubeeren in großen bewässerten Plantagen angebaut, die in unseren deutschen Supermarkt-Regalen landen.  Kaum ein Wirtschaftssektor in Peru ist in den letzten 20 Jahren so stark gewachsen wie die Exporte dieser sogenannten „nicht-traditionellen“ Agrarprodukte. Also Produkte, die in erster Linie für den Export angebaut werden.   Rund 6 Milliarden Euro jährlich setzt die Branche heute um.

Ein Grund für den Erfolg der Agrarexporteure ist ein Gesetz aus dem Jahr 2000. Nur für wenige Jahre sollten die Agrarunternehmen weniger Sozialabgaben für saisonale Erntearbeiter*innen leisten dürfen, sowie weniger Steuern bezahlen. So lange bis die peruanischen Agrarunternehmen wettbewerbsfähig wären auf dem globalen Markt.

Doch diese Zeit kam nie. Zuletzt hat die Regierung Vizcarra die Sonderarbeitsregelung  bis ins Jahr 2031 verlängert. Dagegen protestierten die Landarbeiter*innen von Ica im Süden von Lima Anfang Dezember. Sie blockierten die Panamericana Sur. Ihre Mitstreiter*innen in den nördlichen Agrarfirmen rund um Trujillo und Piura taten es ihnen bald nach.  Sehr schnell hatten sie Erfolg: das Parlament hob am 6. Dezember die geltende Agrarregelung auf.

Seitdem streiten sich Unternehmer*innen, Arbeiter*innen, Kongress und Regierung darüber, welche Regelung die alte ablösen soll. Oder mit anderen Worten: um wieviel der Lohn der Landarbeiter*innen angehoben werden soll.

Avocado- und Mangoexporteure beschwören in ganzseitigen Werbeanzeigen den Untergang der Branche, falls die Lohnkosten steigen.  Ihr Druck auf das Parlament  hatte Erfolg. Ein Vorschlag, der eine Erhöhung des Tageslohns von umgerechnet 9 Euro auf 13 Euro vorsah, unter Zahlung der üblichen Sozialleistungen, wurde vom Parlament nicht angenommen.  Auch die Regierung Sagasti drückt sich um eine klare Stellungnahme herum.

Dabei traut sich niemand zu bestreiten, dass der Exportboom im Agrarsektor nicht weiter auf dem Rücken der Arbeiter*innen erfolgen darf. Eine Kurve des Wirtschaftswissenschaftlers Hugo Ñopo vom Thinktank GRADE unterfütterte diese Feststellung. Die Kurve zeigt auf der einen Seite einen steilen Anstieg des Umsatzes der Agrarexporte, während die Lohnkurve in der selben Zeit kaum angestiegen ist.

Der selbe Autor, Hugo Ñopo, weist auch daraufhin, dass die Arbeitsbedingungen bei kleineren und mittleren Unternehmen im  Agrarsektor schlimmer seien als bei den großen Unternehmen.

 

Dabei stützt sich der Erfolg der peruanischen Agrarexporte nicht nur auf die schlechten Arbeitsbedingungen, sondern ruht auf fünf Pfeilern, wie Fabrizio Ricalde in einem lesenswerten Artikel beschreibt.

  1. Die Landvergabe

 

Die Regierung Fujimori machte den gesetzlichen Weg frei, um sogenanntes Brachland an der Küste an private Investoren zu vergeben. Dazu errichtete der Staat grosse Bewässerungsprojekte. Das dadurch neu entstandene fruchtbare Land wurde in Bietungsverfahren vergeben. Auf diese Weise kam es an der Küste Perus zu einer grossen Konzentration im Landbesitz.

 

  1. Wasser (und geringe Steuern)

Genauso wichtig ist der Zugang zu Wasser, wenn man in der Wüste Landwirtschaft betreiben will. Der peruanische Staat subventionierte grosse Bewässerungsprojekte und erleichterte den Brunnenbau. Dies führte dazu, dass der Grundwasserbestand der Region Ica z.Bsp. weit über seinem Limit ausgeschöpft ist.

Dazu kommt, dass Agrarexportunternehmen nur die Hälfte der sonst im Privatsektor üblichen Steuern bezahlen.

  1. Freie Märkte

Peru hat in den letzten Jahren einen Freihandelsvertrag nach dem anderen abgeschlossen. Diese haben den Export der Agrarprodukte erleichtert ( Sie dazu auch die Studie von SOS Faim)

 

  1. Bevorzugung der Küsten-Landwirtschaft

Überdurchschnittlich viele Mittel und Subventionen flossen in den neuen Agrar-Export-Sektor an der Küste, währen die andine meist kleinbäuerliche Landwirtschaft immer mehr Marktzugang und Subventionen verlor.

 

  1. Die geringen Arbeitskosten durch die Sondergesetzgebung

 

Es stimmt also nicht, so Fabrizio Ricalde, dass die Agrarexporte zusammenbrechen würden, sobald die Löhne der Erntearbeiter*innen angehoben werden. Denn viele Faktoren haben zum Boom der Agrarexporte geführt.

 

Kurz vor Weihnachten ist es noch zu keiner Einigung gekommen. Die Erntearbeiter*innen in Ica haben ihren Streik wieder aufgenommen.

Und Sie?  Sind Sie bereit, mehr für Ihren Spargel, die Avocado oder die Mango aus Peru  zu bezahlen, wenn die Arbeitenden dafür besser entlohnt werden ?

 

Hildegard Willer

Eine Antwort

  1. Uwe Gerlach

    Auch wir wären in Deutschland bereit mehr zu zahlen, deutsche Äpfel und Birnen kosten ja auch mehr als z.B. Bananen.
    Aber wir wohnen in Peru und zahlen hier in Iquitos am Amazonas mehr als ihr in Deutschland für z.B. Blaubeeren.

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