Über 16.600 Corona-Fälle und 661 Tote vermeldete das Amazonische Zentrum für Anthropologie und praktische Anwendung (CAAAP) am 6. Juni im Amazonasgebiet Perus. Am stärksten betroffen ist die Region Loreto mit 6349 bestätigten Fällen und 371 Toten (1019 Verdachtsfälle). Besonders betroffen sind die indigenen Völker. Nun hat der Staat endlich Hilfe versprochen.

 

In den regionalen Hauptstadt Iquitos sind die Spitäler und Friedhöfe kollabiert. Viele Menschen sterben zuhause, da die Spitäler weder über Sauerstoffflaschen mit ihren notwendigen Utensilien noch freie Betten verfügen. Vielerorts gibt es keine Medikamente zur Behandlung von Corona und falls vorhanden, sind sie kaum bezahlbar. Die Preise sind massiv gestiegen. Zudem fehlt es an Schutzkleidung und Personal. Dabei war das Gesundheitswesen schon vor der Pandemie aufgrund vieler Fälle von Dengue-Fieber überlastet.

 

Das Risiko für die Dorfgemeinschaften

Im Krankenhaus von Santa Clotilde am Rio Napo Foto: Ginebra Peña Gimeno;

Besonders trifft das Virus die indigenen Völker. Die Regionalen Gesundheitsbehörden meldeten am 4. Juni 684 Indigene, die mit dem Corona-Virus im Amazonasgebiet infiziert sind. Davon 288 in Loreto. Die tatsächlichen Zahlen dürften gemäss Angaben von Indigenenführern jedoch deutlich höher sein. Viele Mitglieder indigener Gemeinden weisen Symptome auf und es wird wenig getestet. In den Flussregionen fernab der Städte, wo sich viele indigene Gemeinden befinden, haben dem Virus am allerwenigsten entgegenzusetzen. Dort ist die Ausbreitung des Virus besonders besorgniserregend. Es gibt nur wenige Gesundheitszentren oder Apotheken mit Medikamenten. Aufgrund des Lebensstils der Menschen – im Allgemeinen sind die Gemeinschaften große Familien, in denen alles geteilt wird- schreitet die Krankheit sehr schnell voran. Es gibt Amazonas-Gemeinschaften, die erst nach mehreren Tagen erreicht werden können. Zuerst mit dem Flugzeug, später mit dem Landtransport und dann mit dem Flussboot. Selbst Iquitos ist von Lima aus nicht auf dem Landweg erreichbar. Doch selbst diejenigen Indigenen, die näher bei einer Stadt mit einem Krankenhaus leben, bevorzugen es, in ihren Gemeinden zu bleiben. Dort fühlen sie sich sicherer und versuchen sich mit Medizinpflanzen zu pflegen.

 

Luis Pérez Rubio, Präsident der Regionalorganisation der indigenen Völker des Ostens (Orpio), weist darauf hin, dass viele Indigene, die in Iquitos und anderen Städten gestrandet waren, getrieben vom Hunger und ohne medizinische Kontrolle in ihre Gemeinden zurückkehrten und andere angesteckt hätten. Und nun fehle es an einer schnellen medizinischen Versorgung.Der Indigenenführer fordert eine Verbesserung der logistischen Kapazitäten, um Hilfe in die Grenzgemeinden zu bringen. So sollte man Luftbrücken von Iquitos in abgelegene Gebiete errichten. «Dort scheint es, als hätte die Pandemie gerade erst begonnen», warnt er gegenüber der Tageszeitung «El Comercio».

 

Staatshilfe kommt schleppend in Gang

Das Virus ist schneller unterwegs als die Hilfe des Staates. Letzterer hat es in den ersten Wochen der Pandemie versäumt, einen adäquaten umfassenden Interventionsplan zu erarbeiten. Erst am 21. Mai wurde ein Massnahmeplan verabschiedet, währenddessen sich das Virus längst ausbreitet hat. In allen Regionen des peruanischen Amazonasgebiet protestierten Indigenen-Verbände in den vergangenen Wochen gegen die ausbleibende staatliche Hilfe, um ihre Gemeinschaften vor dem Virus zu schützen und die Erkrankten angemessen behandeln zu können. Sie fordern, dass das peruanische Gesundheitsministerium eine kulturell angepasste Behandlung für die Corona-Kranken garantiert. Ausserdem kritisierten sie, dass die ansässigen Erdöl- und Palmölfirmen trotz allgemeinem Lockdown ihren Betrieb wieder aufgenommen haben.

 

Ein indigenes Covid-19-Kommando

Nach viel Druck gelang es den indigenen Organisationen von Loreto am sich am 8. Juni in Iquitos mit Gesundheitsminister Victor Zamora und Kulturminister Alejandro Neyra zu treffen, um einen vom Gesundheitsministerium ausgearbeiteten Aktionsplan zugunstern der indigenen und ländlichen Gemeinden der Region zu besprechen. Der vom Gesundheitsminister vorgeschlagene Plan wurde von den Vertretern der Indigenenorganisationen abgelehnt, da er sich auf Präventionsmassnahmen anstatt auf Sofortmassnahmen fokussiert hätte. Zudem kritisierten sie, dass das Hilfsbudget von 29 Millionen Soles (ca. 8 Millionen Euro) gemessen an grösse der unterstützungsbedürftigen indigenen Bevölkerung viel zu tief sei. Dringend benötigt werden Medikamente, mehr medizinisches Personal und die Ausbildung von Gesundheitspromotoren.

 

Treffen des Gesundheitsministers mit Indigenen-Verbänden in Iquitos; Foto: Gobierno del Peru

Schliesslich akzeptierte der Staat, dass die Strategie in diese Richtung gehen sollte. Zur Stärkung der primären Gesundheitsversorgung wurde das erste indigene «Comando Covid-19» gebildet, indem die Ministerien für Gesundheit und Kultur, die Regionalregierung von Loreto sowie Vertreter von indigenen Gemeinschaften der Achuar, Asháninka, Awajún, Kandozi, Machiguenga, Shipibo, Urarina, Wampis, Yanesha und anderen angehören. Diese Taskforce wird für die Koordination und die Kontrolle der Hilfsmassnahmen zuständig sein.

 

Während der Staat zögerlich handelt, reagierte stattdessen die katholische Kirche vor Ort mit ihren bescheidenen Möglichkeiten. Wie die vom Vikariat von Iquitos geförderte Solidaritätssammlung für den Kauf einer Sauerstoffanlage und von Medikamenten gezeigt hat, ist die Kirche die Institution, die das meiste Vertrauen in der Bevölkerung erzeugt. Es sind Missionare, welche die Bedürfnisse der Bewohner der abgelegenen Flussregionen am besten verstehen.

 

Ein Funken Hoffnung

In der Stadt Iquitos könnte sich die Situation gemäss Luis Runciman langsam entschärfen. Der Dekan der Medizinischen Hochschule von Loreto meint aufgrund seiner Beobachtungen in den Krankenhäusern von Iquitos, dass die Region das gröbste Stadium der Pandemie überschritten und das Plateau der Ansteckung erreicht hat:«Die hohe Zahl der Todesfälle ist seit der letzten Maiwoche gestoppt worden. Es gibt weniger Todesfälle als in den beiden Vormonaten. Man muss auch bedenken, dass viele Menschen nicht ins Krankenhaus gehen; sie ziehen es vor, zu Hause behandelt zu werden», erklärte er in der peruanischen Tageszeitung «El Comercio». In den abgelegeneren Gegenden Loretos ist der Höhepunkt der Pandemie möglicherweise noch nicht erreicht.

 

David Fuchs

David Fuchs ist Comundo-Fachperson im Einsatz beim CAAAP (Amazonisches Zentrum für Anthropologie und praktische Anwendung)

Quellen: CAAAP, El Comercio

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